KREIS HAßBERGE

Wie kommt man mit blütenweißer Weste in den Knast?

Steil, aber kurz war die Karriere eines 25-jährigen Drogenhändlers aus den Haßbergen, der sich am Freitag am Landgericht verantworten musste. Insgesamt 5,5 Kilogramm Marihuana sowie fünf Gramm Kokain verkaufte er innerhalb von 20 Tagen im vergangenen Jahr an zwei weitere Größen der Drogenszene im Haßbergkreis, die beide bereits zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Am Freitag erwischte es auch den 25-jährigen Industriemechaniker.

Die Dritte Strafkammer verurteilte den bislang strafrechtlich unbescholtenen Dealer zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten. Gleichzeitig ordnete das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Außerdem muss der Verurteilte das eingenommene Drogengeld in Höhe von 38 000 Euro nach seiner Haftentlassung an die Staatskasse als „Wertersatz“ zurückzahlen. Zu „verdanken“ hat er den Aufenthalt hinter schwedischen Gardinen einem seiner beiden Kunden, einem 20-Jährigen, der bei der Polizei ein umfangreiches Geständnis ablegte und dabei Namen von Lieferanten, Hintermännern, Komplizen und eigenen Abnehmern nannte – darunter auch den Namen des Angeklagten. Der Kronzeuge wurde am 27. März dieses Jahres zu einer dreijährigen Jugendstrafe verurteilt und erhielt aufgrund der „Kronzeugenregelung“ eine mildere Strafe.

Dem Angeklagten wurde vorgeworfen, bei drei Gelegenheiten zwischen 20. April und 10. Mai 2018 seinen beiden Abnehmern ein, 1,5 und drei Kilogramm Marihuana sowie die geringe Menge Kokain verkauft zu haben. Die Übergaben fanden an einem Waldrand bei Ottendorf, am Sportplatz in Abersfeld und in Obertheres statt. Über seinen Verteidiger Christian Barthelmes räumte der Angeklagte alle Vorwürfe ein.

Nach dem Tod eines Großhändlers sei sein Mandant von einem alten Bekannten gefragt worden, ob er eine Rauschgiftquelle wisse. Weil er Geld für den Eigenkonsum von ein bis zwei Gramm täglich brauchte, habe der Angeklagte zugesagt, Stoff zu besorgen. Er wohnte damals in der Nähe von Gütersloh, wo er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten machen wollte. Von einem dortigen Bekannten, dessen Name der Angeklagte vor Gericht nicht nannte, bezog er das Rauschgift und brachte es in Mietautos nach Unterfranken.

Nach Auskunft des ermittelnden Beamten der Kripo Schweinfurt sei der Angeklagte bereits seit 2015 polizeilich bekannt, weil er im Jahr 2013 über das Darknet 53 Drogenbestellungen getätigt hatte, darunter auch von 500 Ecstasy-Tabletten. Einer Straftat überführt wurde er jedoch erst letztes Jahr durch die Aussage des 20-jährigen Abnehmers. In der Szene habe der Angeklagte den Spitznamen „der Holländer“ gehabt, weil er in Nordrhein-Westfalen in der Nähe der holländischen Grenze wohnte.

Festgenommen wurde der Angeklagte bei einer Wohnungsdurchsuchung in Nürnberg am 11. Dezember 2018. Dabei fanden die Fahnder einen Zettel mit drei Telefonnummern von Bekannten des Angeklagten aus Gütersloh, die ebenso eine Anzeige wegen Drogenhandels erhielten wie ein weiterer „Giftler“ aus Nürnberg. Rauschgift fanden die Fahnder nicht. Der Angeklagte sei professionell vorgegangen. Die Kommunikation mit seinen Abnehmern erfolgte per codierten Mitteilungen über einen Messenger-Dienst. Die Chat-Verläufe wurden vom Handy gelöscht. Psychiater Christoph Matern bescheinigte dem Angeklagten eine psychische Abhängigkeit von Cannabis, sah aber aufgrund des systematischen Vorgehens keine eingeschränkte Schuldfähigkeit.

Staatsanwalt Martin Barnickel stellte die „seltene Klarheit“ des Falls heraus. Die Ortung der Handys und Navigationssysteme der Abnehmer würden zusammenpassen mit dem Zeitpunkt der Anmietung der Mietwagen durch den Angeklagten und der Auswertung der GPS-Daten der Mietwagen. Der Angeklagte habe eine außergewöhnlich blütenweiße Weste ohne Eintragung im Bundeszentralregister und einen akkuraten Lebenslauf – untypisch für einen Drogendealer in dieser Größenordnung. Der Anklagevertreter forderte vor allem aufgrund der großen gehandelten Rauschgiftmenge eine Freiheitsstrafe von drei Jahren und vier Monaten, die das Gericht so übernahm. Verteidiger Barthelmes argumentierte, dass sein Mandant in den Drogenhandel „hineingerutscht“ sei, weil ein Lieferant gestorben sei. Sein Mandant brauche eine Therapie, keine Haft. Die Einziehung von Wertersatz in Höhe von 38 000 Euro würde seinen Mandanten sein Leben lang „heftig beschweren“. Das Gericht folgte der Forderung des Staatsanwalts vor allem deshalb, weil der Verurteilte keine Angaben zu Hintermännern machte und somit nicht von der Kronzeugenregelung profitieren könne. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. (msch)

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