HASSFURT

„Wir waren schon oft Trendsetter“

Upcycling bedeutet: Mache aus Müll ein neues höherwertiges Produkt. Überall auf der Welt stellen Kunsthandwerker aus alten Dosen Kunstgegenstände her, beliebt sind Modellfahrzeuge, die es auch im Haßfurter Weltladen gibt. Foto: Dpa

Wenn am Sonntag am Haßfurter Schulzentrum die erste Ehrenamtsmesse im Landkreis über die Bühne geht, dann wird sich auch ein Geburtstagskind präsentieren, dessen erklärter Wunsch es „von Geburt“ an war, gar nicht so alt zu werden: „Unser Traum ist, dass wir überflüssig sind“, verriet am Donnerstag Franz-Josef Selig im Gespräch mit unserer Zeitung. Selig ist „Chef“ des Haßfurter Weltladens, der an diesem Wochenende 30. Geburtstag feiert.

30 Jahre alt ist er also inzwischen, der Weltladen bzw. der hinter ihm stehende Trägerverein „Partnerschaft Dritte Welt e.V.“; und er zählt heute etwa 30 Mitglieder. Die Zahl 30 taucht noch einmal auf, so viele Mitarbeiter nämlich halten den Laden am Laufen, der seit 2008 in der Lucengasse 4 in der Nähe des Haßfurter Marktplatzes befindet (die meisten Mitglieder sind „passiv“). Alle Tätigkeiten im Verein und im Geschäft sind ehrenamtlich – damit ist der Auftritt bei der Ehrenamtsmesse gerechtfertigt. Hier wollen Franz-Josef Selig und sein Team nicht nur auf den Laden und die dahinter stehende Idee aufmerksam machen, sondern auch neue Mitstreiter rekrutieren.

Und die Idee ist heute wie vor 30 Jahren, fair gehandelte Waren im Idealfall direkt beim Erzeuger einzukaufen und dann an die Kunden weiterzugeben. Franz-Josef Selig beschreibt mit seinen Worten, wie sich „fair gehandelt“ definieren lässt: „Der Produzent erhält einen Preis, von dem er auch leben kann. Es ist ein Handel ohne Ausbeutung, ohne Kinderarbeit und zu möglichst umweltverträglichen Bedingungen, die auch in dieser Hinsicht den Schutz der Bevölkerung garantieren.“

Eigentlich sollten das Kriterien für jede Art von Handel sein. Aber die Bilder von Textilarbeiterinnen in Bangladesh, von Baumwollpflückern in Indien oder Bergbauarbeitern in Kolumbien sprechen eine andere Sprache. Und so scheint der Wunsch, dass die Weltläden eines Tages überflüssig sind, unerreichbares Ideal. „Wobei sich in den letzten 30 Jahren doch viel geändert hat“, wie Rudi Langer vom Weltladen-Vorstand erklärt. In der Bevölkerung habe sich ein Bewusstsein für fairen Handel herausgebildet – und dementsprechend gebe es heute praktisch in jedem Supermarkt auch ein oder zwei Regale mit derartigen Produkten. In der Lucengasse 4 stehen ausnahmslos Artikel mit dem Siegel „Fair gehandelt“ in den Regalen.

Und wer garantiert, dass die Schokolade, der Kaffee, die exotischen Gewürze, die Hautcremes oder der Silberschmuck tatsächlich unter den versprochenen sozialen und ökologischen Bedingungen produziert und vertrieben werden? „Wir achten sehr darauf, dass unsere Lieferanten entsprechend zertifiziert sind“, betont Franz-Josef Selig, der als Vorsitzender des Trägervereins automatisch Inhaber des Ladens ist. Auch der Haßfurter Weltladen bezieht einen guten Teil seiner Waren über die „GEPA“, Europas größter Exporteur für fair gehandelte Lebensmittel und Handwerksprodukte aus Entwicklungsländern. Das Budget, um „selbst einmal zu einem Projekt zu fliegen und die Bedingungen zu überprüfen“, habe man freilich nicht.

Selig und seine Mitarbeiter sind dennoch überzeugt, dass der Handel ehrlich und fair ist. Es handele sich nicht um anonyme Warenbestellungen, sondern um transparente, überschaubare Projekte in Zusammenarbeit mit kleinen Genossenschaften und Kooperativen, denen man nicht nur vernünftige Preise in Anlehnung an den Welthandelspreis zahle, sondern auch Zuschüsse für soziale Einrichtungen, den Bau zum Beispiel einer Lagerhalle oder den Aufbau eines Transportsystems gewähre.

Zum Selbstverständnis des Haßfurter Weltladens gehört ferner die finanzielle Unterstützung von Initiativen, die für eine bessere und gerechtere Welt kämpfen. Dazu gehört die „Kinderhilfe Afghanistan“, „Target“, das gegen Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen vor allem im afrikanischen und arabischen Raum arbeitet oder die „Preda“-Stiftung, deren Ziel es ist, Kindern, die in Gefängnissen oder auf der Straße leben oder zur Prostitution gezwungen sind, zu einem neuen Leben in Freiheit zu verhelfen.

Zurück zum Laden: Waren, die frei von Schad- und Konservierungsstoffen sind und die man mit gutem sozialen Gewissen kaufen kann, sind gut. Produkte, die zudem attraktiv und hochwertig sind, sind besser. Und davon hat man genug im Angebot, verspricht das Weltladenteam. Franz-Josef Selig etwa rühmt das einzigartige Sortiment an unterschiedlichen Kaffeearomen. Heidrun Kirste-Schiffler, die die Ladendiensteinteilung managt, erinnert daran, dass der Laden schon oft Trendsetter in der Region war: „Die Ziegenfell-Lampen, die vor einigen Jahren der Renner waren, die gab es zuerst bei uns“, sagt sie, genauso sei es etwa mit dem Gewürzmühlen gewesen. Und Margot Weigand, die 2. Vorsitzende des Weltladenvereins, fasst zusammen, dass – ob Kunsthandwerk oder Süßigkeit – man immer aufgeschlossen für neue Produkte sei. „Neugierde und Weltoffenheit gehört zu unserer Arbeit einfach dazu.“ Der Haßfurter Weltladen zeichnet sich übrigens auch dadurch aus, „dass wir ganze Kisten packen und in Kommission geben zum Beispiel für Pfarrfeste oder Vereinsfeiern“, wie es Rudi Langer ausdrückt.

Keinerlei Geheimnis – auch das gehört zu seiner Philosophie – macht der Weltladen aus seinen Geschäftszahlen: 2014 hat der Laden rund 60 000 Euro Nettojahresumsatz gemacht, gut zwei Drittel davon mit Lebensmitteln. Idealismus hin oder her, weil auch ein ehrenamtlicher Laden nur läuft, wenn er Kunden anzieht, ist die Werbung heute viel professioneller als vor 30 Jahren. „So präsentieren wie früher können wir unsere Waren nicht mehr“, weiß Rudi Langer, dass es heute ohne schicke Flyer oder einen modernen Internetauftritt nicht mehr geht.

Zurück zur Ehrenamtsmesse: Wer sich ehrenamtlich engagiert, bekommt dadurch oftmals viel mehr zurück als er gibt, heißt es. So sieht man es auch im Weltladen: Die Tätigkeit im Geschäft habe schon vielen Menschen nach einer schweren Lebensphase, etwa nach einem Trauerfall, die Möglichkeit geboten, wieder Kontakte nach außen zu finden. Und für manchen, so sagt es Margot Weigand, der neu in die Region kommt, „sind wir ein Sprungbrett zur Integration.“

Vor 30 Jahren...

eröffnet am 27. Oktober der Weltladen in der Haßfurter Ringstraße 23. Damals hieß er noch „Dritte Welt Laden.“

• Seinen Ursprung hatte der Laden im Diözesanbüro Haßfurt, das damals am Marktplatz und später im Salesianum angesiedelt war – hier wurden im kleinen Rahmen Kaffee, Jutetaschen und Kleinigkeiten auf fairem Handel verkauft.

• Der Trägerverein „Partnerschaft Dritte Welt e.V.“ wurde am 7. Mai 1986 aus der Taufe gehoben. 1. Vorsitzender war Rainer Brandenstein.

• Im März 1990 zog der Laden in die Bahnhofstraße 7 um; seit Februar 2008 befindet er sich in der Lucengasse 4.

Verfechter der Idee des fairen Handels (von links): Rudi Langer, Margot Weigand, Franz-Josef Selig und Heidrun Kirste-Schiffler im Haßfurter Weltladen. Foto: mcs
Sie sind schon da, die fair gehandelten Nikoläuse, die im Weltladen nicht fehlen dürfen. Foto: mcs

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