OBERSCHWAPPACH

Wo Helfen auch mal weh tut

Evacuation operation of the surviving residents of Adra, Syria       -  Vor allem aus Syrien fliehen die Menschen zu tausenden vor dem Assad-Regime und der Terror-Organisation „Islamischer Staat“. Meist geht es zu Fuß über die Grenze zur Türkei. Um in Sicherheit zu kommen, nehmen die Flüchtlinge einen mehr als beschwerlichen Weg auf sich, der nicht selten über Bulgarien führt. Aber auch dort sind die Verhältnisse für Flüchtlinge katastrophal.
Vor allem aus Syrien fliehen die Menschen zu tausenden vor dem Assad-Regime und der Terror-Organisation „Islamischer Staat“. Meist geht es zu Fuß über die Grenze zur Türkei. Um in Sicherheit zu kommen, nehmen die Flüchtlinge einen mehr als beschwerlichen Weg auf sich, der nicht selten über Bulgarien führt. Aber auch dort sind die Verhältnisse für Flüchtlinge katastrophal. Foto: DPA

Das Thema hätte mehr Zuhörer verdient gehabt, doch auch so entspann sich am Sonntagabend in Oberschwappach eine lebhafte Diskussion um die Flüchtlingspolitik in Deutschland. Die von Martin Sage, Reaktionsleiter des Haßfurter Tagblatts, moderierte Gesprächsrunde im Spiegelsaal des Schlosses bildete den Abschluss der Kunstausstellung „1492 bis Lampedusa“, die seit Ende April das Thema Flucht und Asyl mehr als anschaulich behandelte. „Alle Menschen haben es verdient, von uns auch als Menschen behandelt zu werden“, war letztlich die zentrale Aussage dieses bewegenden Abends. Einig war man sich am Ende der Diskussion auch, dass Flüchtlinge unsere Gesellschaft mehr bereichern als belasten.

Dreh- und Angelpunkt in der Flüchtlingshilfe in Deutschland sind die zahlreichen Ehrenamtlichen, das wurde sehr schnell klar. Ob in Knetzgau, Haßfurt, Zeil, Hofheim, Eltmann oder Ebern – überall, wo es Flüchtlinge gibt, gibt es auch zahlreiche Menschen, die sich der Flüchtlinge annehmen, sie unterstützen und helfen, wo sie nur können. Die von Tod, Folter und Hunger bedrohten und deshalb oftmals schwer traumatisierten Menschen aus Syrien, Afghanistan oder auch Afrika hier bei uns in Deutschland willkommen zu heißen, ihnen die Integration zu erleichtern, ist dabei nicht nur für Knetzgaus Bürgermeister Stefan Paulus eine „Pflichtaufgabe der Kommunen – zusammen mit unseren Bürgern“.

Diese Pflicht erfüllen unter anderem die vor Ort gebildeten „Freundeskreise Asyl“. Dagmar Schnös aus Knetzgau uns Christina Bendig aus Hofheim gaben einen Einblick in ihre tägliche Arbeit mit den Flüchtlingen, betonten aber auch, wie wichtig neben der Hilfe bei Behördengängen, Arztbesuchen, dem Besorgen von Fahrrädern etc. vor allem der einfache, menschliche Kontakt zu den Flüchtlingen ist.

In den beiden Kommunen funktionieren die Netzwerke der Freundeskreise bislang hervorragend. Etliche Bürgerinnen und Bürger engagieren sich in ihrer Freizeit ehrenamtlich, um den Flüchtlingen zu helfen, sich in der zwar sicheren, aber auch komplett neuen Umgebung zurecht zu finden.

Katharina Seufert von der Caritas-Asylberatung betonte die Notwendigkeit dieser ehrenamtlichen Arbeit, da die Caritas die vielfältigen Aufgaben nicht alleine stemmen könne. „Es braucht die Menschen vor Ort“, meinte Seufert. Glücklicherweise habe in Deutschland in den letzten Jahren ein Umdenken im Umgang mit den Flüchtlingen stattgefunden und dadurch vieles erleichtert.

Sogar eine „Änderung im Bewusstsein der Bevölkerung“ glaubt Franz Hümmer, bei der Regierung von Unterfranken für die Zuweisung von Flüchtlingen zuständig, festgestellt zu haben: „Die aktuell praktizierte Willkommenskultur wäre noch vor zehn Jahren undenkbar gewesen.“ Anfeindungen oder gar Aktionen gegen Flüchtlinge sind im Landkreis glücklicherweise kein Thema – ein weiteres Indiz für ein Umdenken in der Bevölkerung – trotz Pegida.

Doch trotz allen Engagements der Bevölkerung: es gibt viele Probleme und die werden anhand des stetig steigenden Zustroms an Flüchtlingen – allein Deutschland rechnet für dieses Jahr mit 450 000 weiteren Asylbewerbern – garantiert nicht weniger.

Ein großes psychisches Problem für die Flüchtlinge, aber auch für ihre Helfer sind drohende Abschiebungen, vor allem wenn es um die Rückführung nach Bulgarien, Ungarn oder auch Rumänien geht. In diesen Ländern sind die vor Krieg und Tod geflüchteten Menschen enormen Bedrohungen und Unterdrückungen ausgesetzt – ein Problem, dass der Politik in Deutschland durchaus bekannt ist. Dennoch gibt es gesetzliche Regelungen, nach denen Asylverfahren von Flüchtlingen in dem Land durchzuführen sind, in dem sie auf ihrer Flucht zuerst registriert wurden („Drittstaatenregelung“).

Bedroht von dieser Drittstaatenregelung und der Abschiebung nach Bulgarien ist in Knetzgau aktuell Sherwan Mohamad, ein 21-jähriger Syrer, der seit Anfang des Jahres in Knetzgau lebt und den Zuhörern seine Erfahrungen auf der Flucht aus Syrien schilderte (siehe eigenen Bericht auf dieser Seite).

„Da stoßen wir auch emotional an unsere Grenzen“, berichteten Dagmar Schnös und Christina Bendig. Man stehe dem Gesetz hilflos gegenüber, und dann „kann Helfen auch weh tun“. Sie forderten ebenso wie die Flüchtlingsorganisationen, die Abschiebungen in diese Länder auszusetzen: „Die Politik muss handeln, sonst verlieren wir in Deutschland unsere Glaubwürdigkeit“, meinte auch Stefan Paulus. Es müsse „Druck von unten“ aufgebaut werden, damit das Umdenken in der Bevölkerung auch bei den Politikern ankomme. „Bulgarien, Ungarn und Rumänien müssen auf die Liste der Länder, in die nicht abgeschoben wird“, forderte Bendig.

Stefan Paulus appellierte zudem an die Politik, auf weitere Polemik zu verzichten. Sprüche wie „Wer betrügt, der fliegt“ oder „Wir sind nicht das Sozialamt Europas“ seien absolut fehl am Platz. Wir sollten uns vielmehr vor Augen halten, dass unsere Wirtschaftspolitik ein Stück weit mitverantwortlich dafür ist, dass so viele Menschen beispielsweise in Afrika ihre Familien nicht mehr ernähren könnten und dann als sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ den Weg nach Deutschland suchen.

Die am Sonntagabend beendete Kunstausstellung „1492 bis Lampedusa“, soll – so hofft Mit-Organisator Egon Stumpf (Eschenau) – eine Wanderausstellung für ganz Bayern werden. Die Finanzierung solle das bayerische Innenministerium übernehmen, schließlich sei das Thema nicht auf die Gemeinde Knetzgau begrenzt.

Diskutierten über die Flüchtlingspolitik im Landkreis Haßberge sowie in Deutschland (von links): Christina Bendig (Freundeskreis Asyl Hofheim), Knetzgaus Bürgermeister Stefan Paulus, Moderator Martin Sage, Dagmar Schnös (Freundeskreis Asyl Knetzgau), Sherwan Mohamad, Katharina Seufert (Caritas) und Franz Hümmer (Regierung von Unterfranken).
Diskutierten über die Flüchtlingspolitik im Landkreis Haßberge sowie in Deutschland (von links): Christina Bendig (Freundeskreis Asyl Hofheim), Knetzgaus Bürgermeister Stefan Paulus, Moderator Martin Sage, Dagmar Schnös (Freundeskreis Asyl Knetzgau), Sherwan Mohamad, Katharina Seufert (Caritas) und Franz Hümmer (Regierung von Unterfranken). Foto: Matthias Lewin

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