Haßfurt

Zeit für Überraschungen

Pfarrerin Sabine Hopperdietzel Foto: Hartmut Hopperdietzel

Wer fastet, der hat die Chance, sich selbst zu überraschen – so lese ich im Internet. Der Gedanke gefällt mir: Fastenzeit als Überraschungszeit! Ich kann sieben Wochen lang ausprobieren, was ich in meinem Leben tatsächlich brauche und was überflüssig ist. Ich kann nachspüren, wofür ich meine Kraft einsetzten will und was ich auch einmal lassen kann.

Wie verändert sich meine Freizeit, wenn ich in ihr auf mein Smartphone verzichte? Genieße ich Mahlzeiten bewusster, wenn ich die Zutaten unverpackt eingekauft habe und darum mehr Zeit und Geld investieren musste? Was passiert, wenn ich jede Woche drei oder vier Freunde und Bekannte kontaktiere, von denen ich lange nichts mehr gehört habe? Und wie verändert sich meine Wahrnehmung des Frühlings, wenn ich täglich einen kleinen Spaziergang mache unabhängig davon, ob mir der Wind um die Ohren pfeift oder mich erste Sonnenstrahlen bescheinen? Beginnt mein Tag anders, wenn ich ein neues Morgengebet auswendig lerne und damit in der Früh starte? Endet mein Tag anders, wenn ich mir eine Viertelstunde Zeit nehme, um Gott für alles Schöne zu danken?

Wer die Gelegenheit nutzt, einmal etwas anders zu machen, kann manche Überraschung erleben. Ich kann wahrnehmen, ob mir ein Verzicht leicht- oder schwerfällt. Ich habe die Möglichkeit zu testen, was mich vereinnahmt und wie sich neue Freiräume anfühlen. Ich entdecke meinen Glauben in einem neuen Licht. Ich werde vielleicht auch von den Reaktionen meiner Mitmenschen überrascht sein, die sich darüber freuen oder sich beschweren, wenn ich von Aschermittwoch bis Ostern meine Kraft für etwas anderes einsetze als sonst.

Eine Frau aus Düsseldorf hatte vergangenes Jahr beschlossen, jeden Tag ein kleines Stück Freude zu verschenken. Sie wollte in der Fastenzeit nicht auf etwas verzichten, sondern stattdessen etwas geben. Darum ist sie auf die Bank gegangen und hat 40 Fünf-Euro-Scheine abgehoben. Jeden Tag will sie einem wildfremden Menschen eine Freude machen, indem sie fünf Euro verschenkt. Sie merkte, dass es Mut braucht, jemanden auf der Straße anzusprechen und zu erklären, dass sie etwas verschenken möchte und warum. „Sie dürfen sich heute ein paar Blumen oder eine Tasse Kaffee gönnen“, sagte sie, „es geht nicht darum, ob Sie in finanzieller Not sind, sondern darum, ob Sie heute eine kleine Freude erleben.“

Die Frau hatte sich ihre Worte gut überlegt, aber dann war es trotzdem nicht einfach. Die meisten Menschen reagierten erst einmal skeptisch und manche vermuteten einen üblen Trick, andere dagegen waren freudig überrascht und es entwickelten sich manche Gespräche über Gott und die Welt. Die Düsseldorferin ist sich rückblickend sicher: „Ich habe um Längen mehr bekommen, als ich gegeben habe.“

Fastenzeit als Überraschungszeit – vielleicht haben Sie ja auch den Mut und die Lust auf das Wagnis, Überraschungen in den kommenden Wochen zu erleben. Dann ist in den nächsten Tagen Zeit, um sich ein passendes Vorhaben zu überlegen. Am Mittwoch geht es los!

Ich wünsche Ihnen gute Erfahrungen mit sich selbst und Ihren Mitmenschen!

Pfarrerin Sabine Hopperdietzel, Haßfurt

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