KREIS HAßBERGE

Zuhören statt Wahlkampfreden

Andrea Scheller (Stehend, 2. von rechts) zeigte den Grünen-Politikern (von links) Rita Stäblein, Harald Kuhn, Peter Werner, Brigit Reder-Zirkelbach, Kerstin Celina und Yatin Shah ihre Tagespflegeeinrichtung. Mit dabei war auch Kerstin Celinas Praktikant Felix von Zobel (rechts). Foto: Peter Schmieder

Wer kümmert sich um Menschen, die sich im Alter nicht mehr selbst versorgen können? Hier gilt es, verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen. Die der Pflegebedürftigen, die trotz ihrer Einschränkungen noch ein lebenswertes Leben haben wollen. Die der pflegenden Angehörigen, die bei ihrer anstrengenden Aufgabe nicht allein gelassen werden wollen. Und die der Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten und sich erträgliche Arbeitsbedingungen bei angemessener Bezahlung wünschen. Glaubt man den Aussagen vieler Betroffener, dann liegt derzeit auf all diesen Baustellen einiges im Argen. Bei ihrer „Pflegetour“ im Landkreis Haßberge wollten sich die Grünen am Dienstag vor Ort ein Bild von der Lage machen.

Im Vorfeld der Landtags- und Bezirkswahlen besuchten Vertreter der Haßberg-Grünen sowie Parteifreunde aus anderen unterfränkischen Stimmkreisen verschiedene Altenpflegeeinrichtungen in Wülflingen, Haßfurt und Knetzgau. Mit dabei waren Bundestagsabgeordnete Manuela Rottmann, Landtagsabgeordnete Kerstin Celina, die sich am 14. Oktober als Direktkandidatin in Würzburg-Land zur Wiederwahl stellt, die Landtagskandidaten Birgit Reder-Zirkelbach und Yatin Shah (Stimmkreis Bad Kissingen), die Bezirkstagskandidaten Klara May und Peter Werner sowie die Kreisräte Rita Stäblein und Harald Kuhn.

Familiäre Umgebung

Die Tour beginnt am Dienstagvormittag in der Tagespflegeeinrichtung von Andrea Scheller in Wülflingen. Diese fühlt sich gleich in mehrfacher Hinsicht von verschiedenen Stellen im Stich gelassen. Seit 1989 arbeitet Scheller in der Altenpflege. 2013 machte sie sich selbstständig – mit den Arbeitsbedingungen dort sei sie nicht mehr klar gekommen. Nun kümmern sie und ihre Mitarbeiter sich in Wülflingen um ältere Menschen. Die Kapazität reicht, um zehn Gäste aufzunehmen, die dann tagsüber betreut und beschäftigt werden.

Als Bezirkstagskandidat Peter Werner nach dem Tagesablauf fragt, verwendet er das Wort „Pflegebedürftige“ – und wird von Andrea Scheller korrigiert: „Bei uns heißt das Gäste.“ Diesen Eindruck vermittelt auch der Rundgang durch die Räume. Die Atmosphäre wirkt familiär, der Umgang zwischen Mitarbeitern und Gästen ist recht persönlich. Zum Essen setzten sich die Pflegekräfte mit den Gästen an den Tisch und essen mit ihnen. „Mein Personal hat Zeit“, sagt Andrea Scheller. So soll auch die Wertschätzung zum Ausdruck gebracht werden: Die Mitarbeiter setzen niemandem etwas vor, was sie nicht auch selbst essen würden.

Das Essen wird vor Ort gekocht und kommt nicht von einem Zulieferer. „Beim Salat helfen die Gäste manchmal“, erzählt Scheller. „Wenn wir Zeit haben“, ergänzt einer der Gäste lachend. Ansonsten helfen unter anderem Bastelaktionen dabei, einen abwechslungsreichen Tagesablauf zu gestalten.

Im Gespräch mit den Politikern beklagt Andrea Scheller unter anderem zu niedrige Pflegesätze, durch die sich viele ältere Menschen die Pflege nur mit einer guten Rente leisten könnten. Auch an anderen Stellen legen ihr Gesetze und Behörden einige Steine in den Weg. Auf Unverständnis stößt bei den Politikern auch das Vorgehen des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK). Dieser schickt Prüfer, die die Pflegegrade festlegen.

Absurde Vorschriften

Peter Werner beklagt, dass damit die Kassen letztlich selbst mitentscheiden können, wie viel sie zu zahlen haben. Harald Kuhn sieht auch das Problem, dass die kurzen Besuche der Prüfer kaum ausreichen, um sich tatsächlich ein Bild von der Pflegebedürftigkeit zu machen. „Die älteren Leute merken: Da kommt jemand. Da reißen sie sich besonders zusammen“, begründet er, warum bei solchen Terminen viele Dinge funktionieren, die Pflegeeinrichtungen und pflegenden Angehörigen im täglichen Umgang mit den Menschen oft Probleme bereiten.

Andrea Scheller berichtet zudem, dass viele Gesetze und Vorschriften nicht alltagstauglich seien. Als Beispiels erzählt sie von einer alten Frau, die sie zuhause abholt, um sie zur Einrichtung zu bringen. Diese braucht Hilfe, um in ihrem Haus zur Tür zu kommen. Die bekommt sie von ihrem Mann, der jedoch selbst aus Altersgründen seine Probleme damit hat. Doch zu den Aufgaben der Altenpflegerin gehört nur die „Abholung an der Haustür“. Selbst, wenn die Pflegekraft also hört, wie sich die beiden alten Menschen drinnen abmühen, darf sie das Haus nicht betreten, um zu helfen. „Wenn ich rein gehe, bin ich nicht mehr versichert“, sagt Scheller.

Ein weiteres Beispiel betrifft ein Auto, das sie für ihre Arbeit gekauft hat, das zum Transport von Rollstühlen geeignet ist. Viele Punkte zur Versicherung des Fahrers seien rechtlich noch nicht geregelt, auch ob ihre Mitarbeiter eine besondere Schulung für das Fahrzeug brauchen, könne ihr bei den Behörden keiner sagen. Auch einen Parkausweis, mit dem sie Behindertenparkplätze nutzen darf, bekomme sie für das Auto nicht, daher müsse sie in zweiter Reihe halten, um die Rollstuhlfahrer ein- und aussteigen zu lassen. Auch die Auflagen, die das Gebäude erfüllen muss, in dem sie die Tagespflege betreibt, scheinen in manchen Punkten überzogen.

Keine Erholung für Angehörige

Weiter geht die Pflegetour zum Bayernstift-Seniorenzentrum am Unteren Tor in Haßfurt, wo die Gruppe von Einrichtungsleiterin Ulrike Rüth begrüßt wird. Bewusst haben die Politiker für ihre Tour sehr unterschiedliche Einrichtungen gewählt, vom kleinen Privatunternehmen bis zum großen Haus eines öffentlichen Trägers. Am Nachmittag soll es weitergehen zum Caritas-Altenheim St. Bruno in Haßfurt sowie zum Knetzgauer AWO-Seniorenzentrum.

Im Gespräch mit Ulrike Rüth geht es unter anderem um ein Thema, das derzeit viele Menschen vor eine große Herausforderung stellt, die Angehörige zuhause pflegen: Immer weniger Heime können Plätze für die Kurzzeitpflege anbieten oder dafür garantieren, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt Plätze frei sein werden. Für diejenigen, die Angehörige zuhause pflegen, ist es damit kaum noch möglich, die zu Pflegenden für zwei Wochen in stationäre Obhut zu geben, um selbst einmal in den Urlaub zu fahren. Doch gerade wer sich so aufopfernd um einen alten Menschen kümmert, braucht für die eigene Psyche gelegentlich etwas Erholung und Abstand.

Im Haßfurter Bayernstift gibt es derzeit nur die „eingestreute“ Kurzzeitpflege. Das bedeutet, das Kurzzeitpflege angeboten werden kann, wenn gerade Plätze frei sind, die ansonsten durch dauerhafte Bewohner belegt wären. Ulrike Rüth erklärt, die beste Möglichkeit, um eine ausreichende Zahl an Plätzen für die Kurzzeitpflege anzubieten, wäre eine Mischung aus der eingestreuten Kurzzeitpflege und einigen Plätzen, die extra für die Kurzzeitpflege freigehalten werden. Doch dieses Konzept sei aufgrund der Gesetzeslage kaum umsetzbar und für die Heime ein Verlustgeschäft.

Etwas ändern müsse sich auch am Ansehen der Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten. „Altenpfleger müssten sagen: Das ist ein cooler Beruf“, meint Rüth. Doch eben dieser „Berufsstolz“ fehle Pflegekräften häufig, im Gegensatz zu vielen anderen Berufsgruppen.

Wahlkampf mal anders

Oft besteht Wahlkampf aus großen Reden, in denen die Parteien ihre Ziele und ihre Erfolge aus der Vergangenheit zur Schau tragen. Die Grünen setzten mit der Pflegetour dagegen eher auf eine Veranstaltung, in der die Politiker den Betroffenen zuhören, um sich ein eigenes Bild von der Lage zu machen. Dabei gab es viele interessierte Fragen der Volksvertreter, ebenso wie die klare Aussage, dass sich in einigen Bereichen etwas ändern müsse. Konkrete Aussagen, wie sie selbst im Fall einer Regierungsbeteiligung diese Probleme angehen wollen, machten die Politiker zunächst nicht. Allerdings kündigten sie an, sich „nicht nur vor der Wahl“ um diese Anliegen kümmern zu wollen. Eine Informationsveranstaltung zu dem Thema wollen die Haßberg-Grünen im November oder Dezember im Mehrgenerationenhaus in Haßfurt auf die Beine stellen.

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