Haßfurt

Alten- und Pflegeheime im Haßbergkreis sind an ihren Belastungsgrenzen

Für Alten- und Pflegeheim-Bewohner sowie deren Familien sind die Belastungen durch Corona gewaltig. Jetzt kehrt ein bisschen Normalität zurück, die Lage bleibt angespannt.
Für viele Angehörige war es bislang die einzige Möglichkeit, durch eine Scheibe hindurch mit den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen Kontakt aufzunehmen.
Für viele Angehörige war es bislang die einzige Möglichkeit, durch eine Scheibe hindurch mit den Bewohnern von Alten- und Pflegeheimen Kontakt aufzunehmen. Foto: Christophe Gateau

Heike Ehlert ist Leiterin des Seniorenheims Sankt Bruno in Haßfurt. Dieser Beruf ist nicht nur ein Job für sie, es ist ihre Leidenschaft. Und dennoch sagt sie: "Ich weiß nicht, ob ich jungen Menschen heute den Pflegeberuf empfehlen könnte." Dabei sind die zusätzlichen Belastungen durch die Coronakrise nur das Zünglein an der Waage für eine so deprimierende Feststellung. Was sie im Gespräch mit dieser Redaktion erzählt, gelte genauso auch für andere Einrichtungen dieser Art. "Die Situation ist angespannt, einfach außergewöhnlich." Die Arbeit sei komplett anders, gehe "bis an die Belastungsgrenzen".

"Das kann schnell zum vorzeitigen geistigen und körperlichen Abbau - ja sogar zum Kummertod führen."
Heike Ehlert, Leitung St. Bruno

Durch das in den vergangenen Wochen gültige Besuchsverbot für Angehörige "wird eine soziale Distanz aufgebaut, die unsere Bewohner krank machen kann", so Heike Ehlert. "Das kann schnell zum vorzeitigen geistigen und körperlichen Abbau – ja sogar zum Kummertod führen." Die Bewohner fühlten sich eingesperrt, isoliert und sozial ausgegrenzt. Während man mit "fitten Heimbewohnern" noch reden und die Situation erklären könne, so die Leiterin, was natürlich nichts an deren ungeheurer Belastung änderte, "kriegen gerade demente Patienten das oft auf andere Weise mit". Solche Patienten denken wegen des Fernbleibens der Familie zum Beispiel: "Mein Sohn hat mich nicht mehr lieb."

Ludwig Leisentritt freute sich, nach vierwöchiger Zwangspause endlich wieder seine Frau Renate im Zeiler Hans-Weinberger-Haus besuchen zu können.
Ludwig Leisentritt freute sich, nach vierwöchiger Zwangspause endlich wieder seine Frau Renate im Zeiler Hans-Weinberger-Haus besuchen zu können. Foto: Christian Licha

"Gerade jetzt in der Zeit, in der keine Besucher ins Haus kommen dürfen, brauchen unsere Bewohner noch mehr Zuwendung und Nähe", sagt die Heimleiterin, "aber egal wie viele noch so tolle Angebote wir uns einfallen lassen, wie wir uns strecken, um den Alltag so normal wie möglich zu gestalten: wir können die Angehörigen nicht ersetzen." Die Mitarbeiter in Sankt Bruno, wie auch in allen anderen Alten- und Pflegeeinrichtungen im Landkreis, haben neue Besuchsformen geschaffen, zum Beispiel Videotelefonie und einen Besucherraum. Während das Gesundheitsministerium aktuell nur eine Person pro Tag für jeweils eine Stunde als Besuch bei einem Bewohner vorsieht, hat die Haßfurter Einrichtung hier sich etwas einfallen lassen. In einem Zimmer seien Angehörige und Besucher durch eine Glasscheibe getrennt, der Kontakt erfolge also körperlos, aber beide können sich unterhalten, ihren Mundschutz abnehmen, ohne den Gegenüber zu gefährden. Für getrennte Zugänge sei ebenfalls gesorgt. Das habe den Vorteil gegenüber einer sogenannten Cafeteria-Lösung, "dass wir Besuche nicht auf eine Stunde begrenzen müssen und kein ,Anstandswauwau' daneben steht und auf die Stoppuhr sieht".

Mit einem Babyphone wird die Kommunikation trotz geschlossener Eingangstür ermöglicht.
Mit einem Babyphone wird die Kommunikation trotz geschlossener Eingangstür ermöglicht.
Foto: Christian Licha

"Die Umsetzung dieser neuen Besuchsformen", so Heike Ehlert, "kostet uns jedoch viel Zeit für die Organisation und Durchführung, deshalb müssen für diese Besuchszeiten andere Angebote reduziert werden oder sogar ganz entfallen. Also damit ein Bewohner Besuch haben kann, müssen die anderen Bewohner in dieser Zeit auf Betreuung und Beschäftigung verzichten, denn mehr Personal steht uns für die neuen Aufgaben nicht zur Verfügung."

Ministerin Dorothee Bär übergab jüngst ein Tablet an das Altenheim St. Bruno Haßfurt, um den Bewohnern den Kontakt mit der Außenwelt zumindest per Bildschirm zu ermöglichen. Von links: Heike Ehlert, Einrichtungsleiterin; Dorothee Bär; Peter Hölzl, DTB; Reinhilde Schüll, Gerontopsychiatrische Pflegefachkraft.
Ministerin Dorothee Bär übergab jüngst ein Tablet an das Altenheim St. Bruno Haßfurt, um den Bewohnern den Kontakt mit der Außenwelt zumindest per Bildschirm zu ermöglichen. Von links: Heike Ehlert, Einrichtungsleiterin; Dorothee Bär; Peter Hölzl, DTB; Reinhilde Schüll, Gerontopsychiatrische Pflegefachkraft. Foto: Media-Markt-Saturn

Dabei seien die Mitarbeiter in den Einrichtungen einer extrem hohen Belastung ausgesetzt. "Das waren sie auch vor Corona schon", sagt Heike Ehlert, "aber jetzt sehen sie sich sich ständig ändernden Anforderungen ausgesetzt, kaum hat man eine Neuregelung verinnerlicht und umgesetzt, kommt eine neue Regel." Die hohe Arbeitsdichte in der Pflege führe zu psychischen und physischen Belastungen. Die Dokumentationsflut habe durch die Coronakrise stark zugenommen, der kleine Schritt in Richtung Entbürokratisierung sei "damit verpufft". Zig neue Arbeitspapiere, Anweisungen, Standards und Protokolle, damit man im Ernstfall „abgesichert“ ist.

"Helden" fühlen sich im Stich gelassen

Trotz oder gerade wegen der aktuell so populären Heroisierung von Pflegekräften zu "Helden von Corona" geht Heike Ehlert mit der Politik hart ins Gericht. "Wenn die Politik meint, dass sie die Pflegekräfte entlastet hat, indem sie vorübergehend Prüfungen – die durchaus richtig und sinnvoll sind – durch die Aufsichtsbehörden ausgesetzt hat, wir aber gleichzeitig mit einem Wust an Bürokratie überschüttet werden, dann macht mich das einfach nur noch wütend. Wir fühlen uns von der Politik im Stich gelassen. Wir sollen den größtmöglichen Schutz für Bewohner und Mitarbeiter gewährleisten – wie wir das sicherstellen sollen, ist uns ein Rätsel."

Schutzausrüstung fehlt

Die Leiterin von Sankt Bruno wirft der Politik vor, dass es hinten und vorne an Schutzausrüstungen mangele, die für die Erfüllung dieser Anforderungen jedoch zwingend nötig wären. Diese Schutzausrüstungen seien zwar vorgeschrieben, jedoch zeitnah nicht lieferbar – "und wenn doch, dann zu absolut überhöhten Preisen, teilweise dem Zehn- bis Fünfzehnfachen des normalen Preises".

Nicht zu Ende gedacht

Zudem seien viele der neuen Vorschriften und Regelungen – obwohl die Regierung es sicher gut meine – nicht gut durchdacht, klagt Heike Ehlert, und schon gar nicht zu Ende gedacht, "sie gehen häufig am Menschen vorbei". Als Beispiel nennt die Leiterin von Sankt Bruno die Beendigung des Aufnahmestopps in Alten- und Pflegeeinrichtungen, die am Montag in dieser Woche in Kraft trat. "Allerdings ohne jeden zeitlichen Vorlauf. Die ab Montag gültige Allgemeinverfügung lag uns am Freitagnachmittag noch nicht einmal vor, somit auch keine Hinweise für die Umsetzung. Aber natürlich brauchen wir auch hier wieder ein Schutzkonzept, welches wir uns binnen zwei Tagen, also quasi übers Wochenende, aus den Fingern saugen sollten. Die Verantwortung wird wieder einmal einfach an die Einrichtungen abgegeben."

Auch wenn die Mitarbeiter in den Alten- und Pflegeeinrichtungen im Moment viel Lob und Anerkennung von Angehörigen und aus der Öffentlichkeit erhielten, könne die Stimmung, je länger die Krise anhält, auch ganz schnell kippen und eben diese Mitarbeiter die Leidtragenden werden. Diese leisteten tagtäglich eine "verantwortungsvolle und wertvolle Arbeit". Die Frage sei, wie lange werden sie diesem Druck und diesen Belastungen noch standhalten können?

"Wenn die Sorge der Angehörigen dann noch durch ständig neue Schreckensmeldungen und Horror-Schlagzeilen zu Corona wie zum Beispiel ,Todesfalle Pflegeheim' verstärkt werde und die Angehörigen ihre Liebsten bei uns nicht mehr sicher aufgehoben fühlen, dann hat die Pflege bereits jetzt verloren."

Keine Wertschätzung

"Ich habe nicht gedacht, dass ich die folgende Aussage" – gegenüber dieser Redaktion – "jemals tätigen werde, weil ich meinen Beruf aus einer Überzeugung heraus mache. Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich in der jetzigen Zeit guten Gewissens jungen Menschen zu einer Pflegeausbildung raten kann, wenn man sieht, welche politische ,Wertschätzung' wir gerade erfahren", wenn große Konzerne mehr wert seien, als die doch "so schützenswerten alten Menschen" und die Mitarbeiter, die diesen Schutz bieten sollen, wenn in diesen Branchen über Rettungsschirme in Milliardenhöhe diskutiert werde, aber für die doch "so schützenswerten alten Menschen" nichts übrig bleibe, nicht einmal für ausreichend Schutzausrüstung gesorgt werden könne.

"Als Helden, die beklatscht werden wollen, verstehen wir uns nicht."
Heike Ehlert, Heimleiterin

Aber es sei nicht alles schlecht, so die in Harnisch geratene Heimleiterin, auch im Namen der anderen Einrichtungen im Landkreis Haßberge. "Denn ich bin stolz, dass ich in meiner Einrichtung ein so tolles Team habe, das wirklich unermüdlich mit viel Engagement und Zuverlässigkeit seinen Dienst am Menschen leistet. Aber als Helden, die beklatscht werden wollen, verstehen wir uns nicht. Wir brauchen ehrliche Wertschätzung und Anerkennung, da gehört neben einer angemessenen Bezahlung – keine Einmalprämien – eine dauerhafte und deutliche Verbesserung der Rahmenbedingungen dazu. Denn von Klatschen und lobenden Worten wird die Belastung für die Mitarbeiter nicht kleiner und der Beruf nicht attraktiver."

Und für die Zeit nach Corona hat Heike Ehlert ganz unromantische Einschätzungen: "Leider befürchten wir, dass die Pflege nach der Coronakrise ganz schnell wieder in Vergessenheit geraten und die ganze Euphorie ganz schnell wieder abflachen wird. Das ist bereits jetzt erkennbar, wenn man sieht, wie ,wertschätzend' die Staatsregierung mit uns umgeht."

Auf dem Höhepunkt der Coronakrise sendeten die Bewohner des Zeiler AWO-Heimes eine deutliche Botschaft an etwaige Besucher: 'Bleibt zu Hause – uns geht's gut.'
Auf dem Höhepunkt der Coronakrise sendeten die Bewohner des Zeiler AWO-Heimes eine deutliche Botschaft an etwaige Besucher: "Bleibt zu Hause – uns geht's gut." Foto: Wolfgang Sandler

Rückblick

  1. Kissinger haben kein Interesse an Gebührenstundung wegen Corona
  2. Corona: Gewerkschaften befürchten Schlimmes für Mainfranken
  3. Kreis Kissingen: So schwer hat Corona die Kur getroffen
  4. Würzburger Anwalt fordert Schadenersatz für Corona-Lockdown
  5. Corona an der Mittelschule Frammersbach: Es wird weiter getestet
  6. Rhön-Grabfeld: Kein neuer Corona-Fall gemeldet
  7. Schausteller Uebel klagt gegen den Freistaat
  8. Corona-Abitur: Prüfungen auf Abstand und Abschluss ohne Ball
  9. Im Überblick: Wo es im Landkreis bisher Coronafälle gab
  10. Corona: Wie viel Bad Kissingen weniger in der Stadtkasse hat
  11. Sand am Main: Sommerkino statt Altmain-Weinfest
  12. Corona: Landkreis Haßberge schließt Teststrecke für Hausärzte
  13. Bad Kissingen: Zahl der Corona-Fälle leicht nach unten korrigiert
  14. Vorsicht mit dem "Webinar": Warum es teuer werden kann
  15. Marktheidenfeld: Ungewöhnliches Konzept als Laurenzi-Ersatz
  16. Ochsenfurt: Ab Samstag wieder Tagestickets im Maininselbad
  17. Nordheim: Die Reisebusse rollen nach der Corona-Pause wieder
  18. Kirchlauter: Warum eine Sängerin nicht mehr singen darf
  19. Corona im Haßbergkreis: Zwei neue Infizierte
  20. Keine Lockerung: Kneipen, Bars und Clubs in Bayern bleiben zu
  21. Corona macht's möglich: Gesundheitsamt bekommt mehr Personal
  22. Urlaub während Corona: Warum sich keiner traut
  23. Zwei neue Coronafälle in Rhön-Grabfeld
  24. Schweinfurt: Was die Tanzschule Pelzer von Corona lernte
  25. Demo in Karlstadt: Aufhebung der Maskenpflicht gefordert
  26. Corona: Warum der Krisenstab zwei Schritte voraus sein muss
  27. Mittelschule Frammersbach: Weitere Schüler werden auf Corona getestet
  28. Corona: Experten-Disput an Würzburger Uniklinik
  29. Warum das Iphöfer Hallenbad geschlossen bleibt
  30. „Grundrechte-Friedensversammlung“ in den Wehranlagen
  31. Augsfeld: Was der Lebenshilfe in der Krise fehlt
  32. Finanzkrise durch Corona: Musikschule pfeift auf dem letzten Loch
  33. Widerstand 2020, Demonstranten, Verschwörungserzähler: Die Corona-Gegner in MSP
  34. Coronakrise und Schweinfurter Tafel: Konzept funktioniert
  35. Kommentar zu Corona-Gegnern: Wem kann man noch vertrauen?
  36. Nach den Corona-Schließungen: Wer muss Kita-Gebühren zahlen?
  37. Nach wochenlanger Pause: Neuer Corona-Fall im Landkreis Kitzingen
  38. Vereine und der Corona-Lockdown: "Die Leute sind heiß, wieder Sport zu machen"
  39. Corona: 411 Verstöße wurden bisher im Landkreis Kitzingen geahndet
  40. Corona in MSP: Ganze Schulklasse in Quarantäne geschickt
  41. Der Kreis Haßberge ist coronafrei
  42. Kritik an Politik: Kinder sind in Pandemie zu wenig beachtet worden
  43. Bad Neustadt: Steuerausfälle in Millionenhöhe erwartet
  44. Rhön-Grabfeld: Spontan und innovativ im Kampf gegen Covid 19
  45. Erste OBA-Gruppenreise nach der Krise sorgt für zufriedene Gesichter
  46. "#abgehängt": Was steckt hinter den Plakaten in der Stadt?
  47. Berührungslos die Hände desinfizieren
  48. Schweinfurter Haus: Im Idyll zieht wieder Leben ein
  49. Wo es im Landkreis die meisten Coronafälle gibt
  50. Kulturschaffende kritisieren Bayerns Corona-Hilfen

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Haßfurt
  • Wolfgang Sandler
  • Angehörige
  • Coronavirus
  • Einrichtungen im Pflegebereich
  • Familien
  • Gesundheitsministerien
  • Gewissen
  • Pflegeberufe
  • Pflegepersonal
  • Regierungen und Regierungseinrichtungen
  • Wut
  • Überzeugung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!