Haßfurt

Auf die Codes der Nazis achten

Gespannte Zuhörer: 150 Neunt- und Zehntklässler des Haßfurter Gymnasiums verfolgten den Vortrag von Birgit Mair zum Thema „Rechtsradikalismus“.
Foto: Meißner | Gespannte Zuhörer: 150 Neunt- und Zehntklässler des Haßfurter Gymnasiums verfolgten den Vortrag von Birgit Mair zum Thema „Rechtsradikalismus“.

150 Schüler der neunten und zehnten Klassen des Regiomontanus-Gymnasiums in Haßfurt hörten einen Vortrag von Birgit Mair zum Thema „Rechtsradikalismus“. Zu Beginn erinnerte Oberstudiendirektor Max Bauer an das Ziel der Gymnasialausbildung, die jungen Leute zu befähigen, „nicht alles zu glauben, was andere behaupten, ausgenommen: die Mathematik“.

Die Buchautorin und Rechtsextremismus-Expertin Mair beleuchtete die Hintergründe – über Probleme der Aufarbeitung des Nationalsozialismus (NS), Erscheinungsformen des heutigen Neonazismus und Rassismus sowie neue, extrem rechte Erscheinungsformen, Holocaust-Forschung, Antisemitismus und Antiziganismus (Zigeunerfeindlichkeit) sowie Menschenrechtsbildung und praktische Menschenrechtsarbeit.

„Franken ist leider seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine Hochburg der rechtsradikalen Szene“, betonte sie. Bis dahin hätten sich vor allem in Orten mit überwiegend protestantischer Bevölkerung die Menschen für das NS-Regime entschieden. „Es galt bis in die 1970er Jahre“, sagte Mair, „dass viele Vorfahren Hitler toll fanden.

“ Heute seien die Neonazis nicht an der Macht. Um in den Bundestag einzuziehen, müssten sie erst die Fünf-Prozent-Hürde überschreiten. Rechte Gewalt sei in Deutschland für 185 Tote seit 1990 verantwortlich, durch etwa zwei Gewalttaten pro Tag. Untersuchungen zeigten: 20 bis 40 Prozent der Menschen in Bayern haben rassistische Einstellungen. Nach Sachsen sei das der höchste Anteil in Deutschland.

Rassismus gebe es nicht nur in Deutschland, so Mair, sondern in fast allen Ländern. Er äußere sich oft in „Ressentiments gegenüber Migranten“.

Laut der Expertin sind allgemein die Menschen über 60 rassistischer eingestellt als Jüngere. „Warum, das ist schwer zu erklären“, meinte sie, „häufig kommen die Einstellungen aus dem Elternhaus“.

Aktive und organisierte Rechte und Neonazis gäbe es in allen Altersgruppen. Sie treten offen und getarnt auf, durch Schändung jüdischer Friedhöfe, den Hass gegen Juden und/oder Sinti und Roma. Hakenkreuzschmierereien beobachte man seit langem. Neuerdings richte sich die Neonaziszene „vor allem gegen Flüchtlinge“.

Verstärkt auftretende Brände in Einrichtungen für Asylsuchende, wie im mittelfränkischen Vorra, seien ein alarmierender Ausdruck. „Inzwischen gibt es fast wöchentlich Drohungen oder Brandanschläge an Häusern, in denen Flüchtlinge einziehen sollen“, informierte Mair. Man müsse wissen, mit wem man es zu tun habe, wie die Radikalen auftreten und in welchen Parteien sie sich sammeln. Nur dann könne man bewusst kritisch damit umgehen.

Über Parteien, die von Neonazis gegründet wurden, wie sie soziale Netzwerke und andere Medien für ihre Propaganda nutzen und welche Codes verwendet werden, erläuterte Mair anhand von Bildern. Dort, wo Neonazis auftreten und die Bevölkerung über zugelassene Demonstrationen vorab informiert wird, gäbe es meistens Gegenbewegungen.

„Aufmerksamkeit bei Geschenken ist geboten“, forderte die Referentin auf. Logos auf T-Shirts sollten nicht gedankenlos angenommen werden. Die Zahl 88 könne für zweimal ,H‘ (achter Buchstabe im Alphabet) stehen und den Nazigruß bedeuten. 38 könne auf ,Hammerskins‘ hinweisen, eine Organisation, die laut Mair europaweit Neonazikonzerte organisiert.

Nach dem Vortrag beantwortete die Expertin Fragen der Schüler: Was wird auf Nazikonzerten gesungen? Mair: Es kommt auf die Texte an, nicht auf die Musik. Ist das Spinnennetz eindeutig als rechtes Symbol zu deuten? Mair: „Nicht unbedingt, aber eine schwarze Sonne ist hingegen eindeutig neonazistisch.“ Wie solle man mit einem Mitschüler umgehen, der rechtsradikale Argumente verwendet? Mair: „Am Anfang macht es Sinn, ihn zu bearbeiten. Man muss genau hinsehen, wie tief er oder sie in der rechten Szene verankert ist.“

Bei Aktiven, die schon zwei bis drei Jahre für rechte Organisationen oder Parteien unterwegs sind, mache reden wenig Sinn. „Da hilft am besten distanzieren, damit derjenige isoliert ist“, meinte Mair. Diese Leute nicht auf eine Party einzuladen, oder aus dem Jugendzentrum rauszuschmeißen, riet die Referentin ihren Zuhörern. Sie bot sich zu Vier-Augen-Gesprächen an und verwies auf detaillierte Informationen auf der Internetseite des Institutes für sozialwissenschaftliche Forschung.

Die letzte Frage richtete sich an die Schüler: „Für wen hat der Vortrag Neues gebracht?“ Darauf hoben alle die Hand und spendeten der Referentin Beifall.

Initiatoren und Referentin

Wie kam es zum Vortrag? Auf Initiative der „I Have A Dream Group“ aus Kirchlauter, die den Vortrag aus dem Erlös eines Benefiz-Fußballturniers finanzierte.

Referentin: Die Sozialwissenschaftlerin Birgit Mair ist Mitbegründerin des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB), Co-Autorin der Studie zur NS-Zwangsarbeit „Hitlers Sklaven“ und Autorin des Buches „Überlebensberichte von Josef Jakubowicz“. Sie konzipierte Ausstellungen über KZ-Überlebende und begleitet Holocaust-Überlebende bei Zeitzeugengesprächen. Sie konzipiert und leitet das Bundesprojekt „Tacheles! Handlungsstrategien gegen Rechtsextremismus in der Jugendarbeit in Mittel- und Oberfranken“ sowie Tagungen zu Rechtsextremismus (www.tachelesprojekt.de). 2013 konzipierte sie die Ausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“. Quelle: www.isfbb.de

Der ursprünglich online veröffentlichte Artikel hat nach Angaben der Referentin zwei Fehler beziehungsweise Missverständnisse enthalten, die die Redaktion mittlerweile berichtigt hat. So habe sie nicht behauptet, neonazistische Parteien seien „mit ein paar Prozentpunkten“ im Bundestag vertreten. Korrekterweise habe bislang keine rechtsextreme Partei die Fünf-Prozent-Hürde überschritten, die für den Einzug ins Parlament genommen werden muss.
Zudem stehe der Zahlen-Code 38 in Neonazi-Kreise nicht für „Crossed Hammers“, sondern für „Hammerskins“, eine weltweit agierende Neonazi-Vereinigung, die sich als eine Art Elite unter den Naziskins versteht.
Wir bitten, die Fehler zu entschuldigen.



 

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