Sand am Main

Besondere Truppe: Kirchenleut' und Pfarrer stehen auf Bühne

Die „Theatergruppe St. Nikolaus Sand” spielt seit sechs Jahren für die Renovierung der Kirche. Seitdem sind die Mitspieler zu einer von allen geschätzten Theaterfamilie gewachsen.
Foto: Klopf | Die „Theatergruppe St. Nikolaus Sand” spielt seit sechs Jahren für die Renovierung der Kirche. Seitdem sind die Mitspieler zu einer von allen geschätzten Theaterfamilie gewachsen.

Neugierige Tratschtanten, schüchterne Junggesellen, keifende Hausdrachen, gewitzte Großväter, geplagte Pantoffelhelden – es ist Theaterzeit in den Haßbergen. Sobald die Tage kürzer werden und der Herbst Einzug hält, heißt es in Vereinsheimen, Wirtschaften und Pfarrsälen „Vorhang auf“ für die Laiengruppen. In manchen Teilen des Landkreises Haßberge hat fast jedes Dorf seine Theatergruppe, oft angesiedelt bei einem Verein oder der Kirche.

In den Hauptrollen: die Nachbarin, der Arbeitskollege, die Verkäuferin, der Elektriker, der Pfarrer – Menschen, wie du und ich. Anderen Freude bereiten und selbst Spaß dabei haben – das treibt die Darsteller Jahr für Jahr auf die Bühnen. Deshalb investieren sie sehr viel Zeit und Herzblut. Mit ihren Theateraufführungen bewahren sie Traditionen, fördern die Dorfgemeinschaft und leisten einen wichtigen kulturellen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben.

Karten sind schnell weg

Wofür Bühnen in den Städten kämpfen – den Laienbühnen auf dem Land gelingt es spielend: volle Häuser. Landauf, landab locken sie Jahr für Jahr Scharen von Zuschauern in ihre Vorstellungen. „Ausverkauft“ heißt es meist kurz nach dem Start des Vorverkaufs.

Wir haben hinter die Kulissen der Laienbühnen geblickt. Den Anfang macht eine im Kreise der alteingesessenen Bühnen noch junge Truppe. Seit sechs Jahren schauspielert die „Theatergruppe St. Nikolaus Sand“ im Pfarrheim St. Franziskus in Sand. Für die dringend notwendige Renovierung der Sander Kirche St. Nikolaus wurde Geld gebraucht. Doch woher nehmen und nicht stehlen? „Wir spielen Theater“, einigten sich Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat rasch darüber, wie sie Geld in die Kasse bekommen wollten.

Schauspieler, allesamt in der Kirchengemeinde aktiv, waren schnell gefunden. Darunter auch Pfarrer Michael Erhart, der damals gerade mal seit einem Jahr Geistlicher in Sand war. Gar nicht so leicht, den Pfarrer öffentlich zu beschimpfen, auch wenn es die Rolle so verlangt. „Am Anfang war es sehr ungewohnt, mit dem Pfarrer Theater zu spielen“, erinnert sich Claudia Förtsch. „Wir waren ja auch alle noch per Sie mit ihm.“

Inzwischen ist man längst beim lockeren Du. Doch Worte wie „Du bist wie eine Leberwurst – grob und fett“, kommen ihr, an den Pfarrer gerichtet, noch immer schwer über die Lippen. „Nur keine Hemmungen“, ermuntert Pfarrer Erhard, der auch Regie führt, seine Schäfchen. Schließlich teilt er genauso aus.

Kirchenpflegerin Edeltraud Schnapp trifft eine Vorauswahl der Stücke. 50 bis 80 Lustspiele liest sie pro Jahr, bis sie das geeignete gefunden hat. Die Zahl der Spieler muss passen und der Inhalt darf nicht zu derb sein oder unter die Gürtellinie gehen. „Wenn ich beim Lesen die Rollen schon zuordnen kann, dann weiß ich, dass das Stück passt“, sagt Schnapp. Zu den bisher sechs Stammspielern gesellen sich dieses Jahr zwei Neuzugänge: Janine Schneider aus Neuschleichach und Anja Hey aus Stettfeld. Beide standen bereits in Trossenfurt beziehungsweise Stettfeld auf der Bühne. Sie versichern, dass ihnen ohne Theater etwas gefehlt habe. „Wer einmal Theaterluft geschnuppert hat, will es immer haben.“

Das bestätigt Marie Winkler, die nach einer Babypause wieder einsteigt. Mit 30 Jahren ist sie die Jüngste unter den Mitspielern. Für sie sei das Theaterspielen ein guter Ausgleich zur Familie. „Im Theater bin ich jemand anderes“, sagt sie. Hier könne sie abschalten und sei „nicht mehr nur Mama“.

Die Chemie untereinander stimme einfach. Die Gruppe sei im Lauf der Jahre zu einer „Theaterfamilie“ zusammengewachsen, die von allen sehr geschätzt werde, pflichten die Spieler bei. „Wir tauschen auch viel Privates aus und wissen, es bleibt in der Gruppe.“

Dass sich alle wohl fühlen, kommt nicht von ungefähr. Mit jedem zur Probe eintreffenden Spieler füllt sich der Tisch mehr mit pikanten und süßen Leckereien. „Ich bringe Hunger und Durst mit“, scherzt Klaus Ullrich. Federweißer, Sekt und Schnäpse vertreiben die Hemmungen und lockern die Zungen. „Als wir alle vor sechs Jahren euphorisch einstiegen, wussten wir nicht, auf was wir uns da einlassen. Bei den ersten Aufführungen waren die Hosen voll bis obenhin“, denkt Ullrich lachend an die ersten Vorstellungen zurück.

Während auf der Bühne einzelne Szenen geprobt werden, überprüft Bruno Baum – der Mann für Technik und Effekte – die Kamera, die das Geschehen auf der Bühne auf den Bildschirm zu den Spielern hinter die Bühne überträgt. Gemeinsam mit Michael Zösch hat er auch das ansprechende Bühnenbild eines Hinterhofes gebaut. Souffleuse Irene Mück, mit 72 Jahren die Älteste in der Runde, hilft weiter, wenn der Text fehlt.

Ohne viele helfende Hände geht's nicht

Die zwei Monate vor den Auftritten seien anstrengend, sagen die Spieler. Da müssen die Familien durch, Oma und Opa die Rolle des Babysitters übernehmen. Ohne die Hilfe der Partner wären sie aufgeschmissen, freuen sich alle über die Unterstützung. Auch bei den fünf Vorstellungen werden beim Sektempfang und in der Küche reichlich helfende Hände gebraucht. Keine Frage, dass alle gemeinsam feiern, wenn am Abend der Vorhang zum letzten Mal gefallen ist.

Die Bühnenauftritte zeigen Erfolg: Außen erstrahlt die Kirche bereits in neuem Glanz. „Nächstes Jahr legen wir mit der Innenrenovierung los.“

Zu sehen ist die „Theatergruppe St. Nikolaus Sand“ mit dem Hinterhofschwank „Tratschtantenschlamassel“von Ralph Wallner an folgenden Terminen: Freitag, 12. Oktober, Samstag, 13. Oktober, Freitag, 19. Oktober, und Freitag, 26. Oktober, jeweils um 20 Uhr und am Sonntag, 14. Oktober, um 15 Uhr im Pfarrheim St. Franziskus in Sand. Restkarten können im Pfarrbüro Sand, Tel. (0 95 24) 54 75, bestellt werden.

In unregelmäßiger Reihenfolge werden wir in den folgenden Monaten in einer Serie Theatergruppen aus dem Landkreis Haßberge vorstellen.

Ob hier zarte Liebesbande im Hinterhof geknüpft werden? Die „Theatergruppe St. Nikolaus Sand” präsentiert das Stück „Tratschtantenschlamassel” im Pfarrheim.
Foto: Gudrun Klopf | Ob hier zarte Liebesbande im Hinterhof geknüpft werden? Die „Theatergruppe St. Nikolaus Sand” präsentiert das Stück „Tratschtantenschlamassel” im Pfarrheim.
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