Bamberg

Das große Ausmisten hat begonnen

Erzbischof Ludwig Schick
Foto: EOB | Erzbischof Ludwig Schick

Allein schon rein statistisch gesehen hat das Erzbistum Bamberg in den letzten Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Und zwar in einem Bereich, der die Öffentlichkeit bewegt wie kaum ein anderer aus der katholischen Kirche: der sexuelle Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen durch Priester, Ordensleute und andere in der Kirche Tätige. Wurde diese erschütternde Tatsache in früheren Jahrzehnten von den Obrigkeiten vertuscht und unter den Teppich gekehrt, hat das große Ausmisten inzwischen begonnen. Auch hat eine Sensibilisierung eingesetzt.

Zumindest gibt es in jüngster Zeit (2018 bis 2021) keine Meldungen mehr von „massenhaftem Missbrauch durch kinderschändende Priester“ – wie es in den sozialen Medien häufig heißt – an die Ansprechpartnerin für Opfer und Betroffene sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Bamberg: „In diesem Zeitraum gab es zwei aktuelle Meldungen betreffend Nähe-Distanz-Problematik, Grenzverletzungen unterhalb der strafrechtlichen Ebene“, erklärt Rechtsanwältin Eva Hastenteufel-Knörr gegenüber dieser Redaktion. Darüber hinaus habe es Meldungen hinsichtlich Taten beziehungsweise Beschuldigungen gegeben, „die Jahrzehnte zurückliegen“, ergänzt die Missbrauchsbeauftragte. Es seien auch Anfragen aus Kindergärten gekommen, die jedoch den Vorwurf körperlicher Gewalt wie zum Beispiel durch „Zwangsfütterung“ betroffen hätten.

Anwältin Hastenteufel-Knörr geht davon aus, dass die Präventionsmaßnahmen im Erzbistum Bamberg greifen: „Ich denke, dass wir auf einem guten und richtigen Weg sind, um sexualisierter Gewalt in der Kirche keinen oder zumindest möglichst keinen Raum mehr zu geben.“ Auch bei Fällen, die nicht den kirchlichen Bereich betreffen, werde die Präventionsstelle beziehungsweise das Interventionsteam gegebenenfalls tätig, „wenn Zusammenhänge entstehen können“, so Hastenteufel-Knörr.

Arbeitsstab eingesetzt

Jedenfalls können sich weder Haupt- noch Ehrenamtliche im Erzbistum Bamberg herausreden, sie stünden womöglich mit dem Problemberg allein da. Bereits im September 2002, kurz nach seinem Amtsantritt in Bamberg, hat Erzbischof Ludwig Schick einen „Arbeitsstab für die Prüfung von Vorwürfen sexuellen Missbrauchs durch Geistliche“ eingesetzt sowie unabhängige Ansprechpartner für Betroffene von sexuellem Missbrauch im Erzbistum ernannt.

Dieser Arbeitsstab habe in allen Jahren regelmäßig getagt und sich sowohl mit generellen Fragen des sexuellen Missbrauchs im Erzbistum beschäftigt als auch sich – vor allem – mit konkreten Beschuldigungen befasst, erklärt der Erzbischof auf Anfrage. Der Arbeitsstab bestehe aus nicht beim Erzbistum angestellten Personen – Juristen, Psychologen, Lehrern, Beraterinnen für psychosoziale Konflikte. „Sowohl der Generalvikar und der Leiter der Hauptabteilung Pastorales Personal als auch ich haben an allen Sitzungen teilgenommen“, so Schick und fügt hinzu: „Wir haben die Beschuldigungen sowohl zivilrechtlich als auch kirchenrechtlich aufzuarbeiten versucht, nachdem wir die Beschuldigten auch nach Rom an die Glaubenskongregation gemeldet hatten.“

Persönliche Gespräche geführt

Lebende Täter seien nach kirchlichen Strafprozessen oder Dekretentscheidungen bestraft, betont der Erzbischof. Die Betroffenen und Opfer hätten finanzielle Leistungen und auch psychologische Hilfe erhalten. „Mit allen, die ein persönliches Gespräch mit mir wünschten, habe ich gesprochen“, versichert Schick. Auch werde offen mit der Staatsanwaltschaft zusammengebarbeitet: „Sie hat auch alle Akten nach der MHG-Studie von uns erhalten, gesichtet und als erledigt zurückgegeben.“ Der Erzbischof fügt noch hinzu: „Wir und ich haben im Erzbistum das Mögliche für die Opfer zu tun versucht, wohl wissend, dass sexueller Missbrauch nie gut gemacht werden kann.“

Damit kirchliche Einrichtungen und Veranstaltungen sichere Orte sind, in dem Übergriffe und Missbrauch keinen Platz haben, startete vor einigen Jahren eine umfassende Präventionskampagne im Erzbistum. Die eigens eingerichtete Koordinierungsstelle zur Prävention von sexuellem Missbrauch organisierte zum Beispiel Zwölf-Stunden-Schulungen für die Priester, das weitere Personal in Pastoral und Kindertagesstätten. „Diese Schulungen waren Pflichtveranstaltungen, werden weiterhin aufgefrischt und regelmäßig auch für neues Personal durchgeführt“, sagt Magdalena Oppelt, die in der Koordinierungsstelle arbeitet. Auch Ehrenamtliche und nichtpädagogisches Personal werde geschult, „um eine Kultur der Achtsamkeit im ganzen Erzbistum Bamberg zu etablieren“, so Religionspädagogin und systemische Beraterin Oppelt.

Ihr ist bewusst, dass die Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen, an behinderten, gebrechlichen oder kranken Personen erst einmal im Fokus steht. Doch „wir haben es auf dem Schirm, das ist ein Aspekt von Prävention“, sagt Magdalene Oppelt zu der Frage, ob sexueller und spiritueller Missbrauch von Erwachsenen, besonders von Frauen, von Ordensschwestern, überhaupt realisiert wird. Ob Klerikalismus und ein autoritär-klerikales Amtsverständnis einen solchen Missbrauch begünstigen. Und zwar nicht nur im fernen Afrika oder Indien, wie seit etwa 20 Jahren bekannt ist.

Missbrauchsbeauftragte Eva Hastenteufel-Knörr
Foto: Dominik Schreiner/EOB | Missbrauchsbeauftragte Eva Hastenteufel-Knörr

Langsam aus der Tabuzone

Nur langsam geraten die Erscheinungen „geistlicher Missbrauch“, „spiritueller Missbrauch“, „sexualisierte Gewalt an Frauen durch Priester“ aus der Tabuzone. Immerhin gibt es seit kurzem bei der Deutschen Bischofskonferenz eine Anlaufstelle für Betroffene. Für kirchliche Mitarbeiterinnen, Gemeindemitglieder, Ehrenamtliche. Für jede, die Missbrauch etwa im Zuge einer geistlichen Begleitung oder Beichte erfahren haben (weiteres unter www.gegengewalt-anfrauen-inkirche.de).

Für einen Bamberger Psychotherapeuten, der namentlich nicht genannt werden möchte, machen geistlich-spirituell missbrauchte Frauen die „Hauptfälle“ in seiner Praxis aus. Eine wissenschaftlich fundierte Definition eines solchen Missbrauchs zu finden, sei schwer, räumt er ein. Er bleibe dran. Wie auch Susanne Grimmer an dem Thema bleibt: Die Pastoralreferentin arbeitet im Referat Spiritualität im Erzbischöflichen Ordinariat Bamberg und ist sich sicher, „dass wir uns noch lange damit beschäftigen müssen“. Und dass die Kooperation mit der Präventionsstelle im Erzbistum ausgebaut werden müsse, denn es brauche eine „vertiefte Wahrnehmung von Betroffenen“.

Nach und nach gebe es zumindest auf Bayernebene Fortbildungen für geistliche Begleiter. „Work in progress“, nennt Pastoralreferentin Grimmer einen Prozess der Aufarbeitung, den sich die katholischen Bischöfe in ihrer kommenden Frühjahrsvollversammlung – eine Videokonferenz - auf die Tagesordnung gesetzt haben.

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