KREIS HASSBERGE

Ein sehnlich erwartetes Angebot

Pflege kostet Kraft: Wer sich zuhause um alte und kranke Angehörige kümmert, der leistet nicht selten einen Vollzeitjob.
Foto: dpa | Pflege kostet Kraft: Wer sich zuhause um alte und kranke Angehörige kümmert, der leistet nicht selten einen Vollzeitjob.

24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche – Hertha Meier (Name von der Redaktion geändert) pflegt ihre Eltern seit sechseinhalb Jahren. Beide sind über 90 und leiden an Demenz. „Die Mutter ist im Endstadium“, sagt Hertha Meier. Mit im Haushalt lebt ihre Schwiegermutter, die ebenfalls Hilfe benötigt im Alltag. Die Pflege von Alten und Kranken kostet Kraft und zerrt oft genug an den Nerven. Hertha Meier kennt das nur zu gut. Umso glücklicher ist sie, dass es den Gesprächskreis für Angehörige Demenzkranker gibt. „Da gehe ich immer gestärkt heraus.“ Auf ein solches Angebot hat sie jahrelang gewartet.

Cornelia Schulze-Weidlich (55) von der Fachstelle für pflegende Angehörige des Diakonischen Werks Haßberge leitet die monatlichen Gesprächskreise in Rügheim und Maroldsweisach. Die Sozialpädagogin macht das hauptberuflich, deshalb gilt der Gesprächskreis streng genommen auch nicht als Selbsthilfegruppe, denn normalerweise leiten Betroffene die Selbsthilfegruppen. Struktur und Konzept des Gesprächskreises entsprechen jedoch voll und ganz deren Zielen: Weitergabe von (fachlichen) Informationen und Austausch untereinander, bei absoluter Verschwiegenheit gegenüber Außenstehenden. „Ich leite die Gesprächskreise gerne“, sagt Cornelia Schulze-Weidlich, „weil ich spüre, dass die Ratschläge und Hilfe ankommen.“

Kleine Runden

Den Gesprächskreis in Maroldsweisach gibt es seit drei Jahren, den in Rügheim erst seit Januar 2013. Es sind kleine Runden mit bis zu sechs Teilnehmern. Mehr als acht sollten es auch nicht sein, meint die Leiterin. Es könnte aber jederzeit eine zusätzliche Gesprächsgruppe gebildet werden, wenn es mehr Interessenten gäbe – was sich Schulze-Weidlich auch ausdrücklich wünscht.

Die Teilnehmer kommen hauptsächlich aus dem nördlichen Landkreis Haßberge. Im Raum Haßfurt, im Maintal und im Steigerwald gibt es keine solchen Gesprächskreise für pflegende Angehörige. Hertha Meier bedauert dies. Sie hätte ein solches Angebot, das sie als „sehr kompetent“ kennengelernt hat, gerne früher in Anspruch genommen, gleich, nachdem sie vor gut sechs Jahren bei der Diakonie eine Schulung für Angehörige Demenzkranker absolviert hatte. Die Gesprächskreise, als weiterführendes, begleitendes Angebot seien erst später eingerichtet worden, berichtet Cornelia Schulze-Weidlich. Sie sollten eine Lücke im Betreuungsangebot pflegender Angehöriger schließen.

Hauptlast trägt die Frau

Das Beispiel von Hertha Meier zeigt gut, welchen Belastungen pflegende Angehörige ausgesetzt sind. Ihr Mann ist berufstätig und kann bei der häuslichen Pflege nur in seiner Freizeit mithelfen. Die Hauptlast bleibt an seiner Frau hängen, die beruflich selbstständig ist und von zuhause aus arbeitet – eingeschränkt. „Die Pflege“, sagt diese, „ist wie ein Vollzeitjob für mich.“ Körperlich anstrengend, aber auch psychisch. „Zusehen zu müssen, wie meine Eltern gesundheitlich verfallen und nicht helfen zu können, das lässt mich immens mitleiden“, sagt Hertha Meier. Der Gesprächskreis ist für sie ein willkommener geschützter Raum von Menschen, die Gleiches ertragen und einander verstehen, auch ohne weitläufige Erklärungen. Hier dürfe auch gejammert und geschimpft werden. Und alles bleibt im Raum.

Unterschiedliche Wege der Hilfe

Im Mittelpunkt der Treffen, schildert Cornelia Schulze-Weidlich, stehe für sie als Leiterin der Gesprächskreise immer die Frage: Wie können pflegende Angehörige entlastet werden? Hier gebe es unterschiedliche Wege, ganz sachliche, wie Hilfe bei bürokratischen oder rechtlichen Fragen, oder konkrete Angebote, wie die Aktion „Pflegepartner“ der Diakonie, die geschulte Laien stundenweise als Helfer an pflegende Angehörige vermittelt, oder Tipps zur Haushaltsorganisation. Bei aller Hilfe, schränkt Hertha Meier ein, „bleibt die Verantwortung aber immer am Pflegenden hängen“. Es gebe keine völlige Entspannung. Und spontan etwas unternehmen, sich mit einer Freundin zum Kaffeetrinken verabreden oder mal schnell Schoppen gehen, das funktioniere ohnehin nicht. Alles müsse sich immer am Pflegebedarf ausrichten. „Das ist für die meisten das Schwierigste“, bestätigt Cornelia Schulze-Weidlich.

Dies ist auch Thema in den Gesprächskreisen. Was die Teilnehmer noch beschäftigt, seien Fragen wie: Muss ich als Pflegender alles selbst managen? Was kann ich abgeben? Oder: Wie öffentlich muss ich eine Demenzerkrankung machen? „In der anonymen Stadt ist das anders, als auf dem Dorf“, erläutert Cornelia Schulze-Weidlich. Im Dorf könne es helfen, wenn andere Bescheid wissen, dann könnten sie einen Dementen heimbringen, wenn er ausgebüxt ist. Im Anfangsstadium der Erkrankung gestehen es sich Patienten oft selbst nicht ein, wie es um sie steht. Für pflegende Angehörige, schildert es Hertha Meier, bedeutet dies einen ständigen Kampf mit den Erkrankten, die oft überschätzen, was sie noch leisten können.

Die Situation, mit der sich Pflegende konfrontiert sehen, wenn Angehörige erkranken, ist nach Ansicht von Cornelia Schulze-Weidlich vorher nicht planbar – ganz gleich, wie viele Gedanken sich Angehörige zuvor darüber gemacht haben. „Die Realität“, stimmt Hertha Meier zu, „ist immer anders als gedacht und verändert sich auch mit Fortschreiten der Krankheit. Man kann dann nur reagieren.“

Manchen fehlt die Kraft

Das Beratungs- und Hilfsangebot für pflegende Angehörige hat in den vergangenen Jahren zugenommen, was an sich gut ist. Zugleich, meint Cornelia Schulze-Weidlich, falle es Pflegenden schwerer, das jeweils passende Angebot oder die richtige Anlaufstelle zu finden. Auch hier helfe der Gesprächskreis. Trotz der vielen Vorteile, die diese Treffen den Teilnehmern bieten, hat deren Leiterin Verständnis für die pflegenden Angehörigen, die keinen Gesprächskreis besuchen: „Manche sagen, dass sie nicht auch noch vom Leid und den Krankheiten anderer hören möchten. Die möchten abends lieber ihre Ruhe haben.“ Und manche, meint Cornelia Schulze-Weidlich, hätten einfach keine Energie mehr, sich auf eine Gesprächsrunde einzulassen. Dabei möchten die Gesprächskreise genau das Gegenteil: keine zusätzliche Kraft saugen, sondern den Teilnehmern etwas geben, was ihnen gut tut.

Notizen zum Gesprächskreis für Angehörige Demenzkranker

Über die Gruppe: Die Gruppe richtet sich an Angehörige Demenzkranker. Während der Treffen sprechen die Teilnehmer über Entlastungsmöglichkeiten, tauschen Erfahrungen aus und geben sich gegenseitig Tipps im Umgang mit Demenzkranken. Zudem werden Informationen, die für die Betreuungssituation relevant sind, weitergegeben, zum Beispiel zum Pflegegeld, zu rechtlichen Themen oder zu Hilfsangeboten von Einrichtungen und Stellen, zu denen bei Wunsch auch vermittelt wird. Der Gesprächskreis Rügheim trifft sich jeden vierten Montag im Monat um 10 Uhr im Martin-Luther-Haus, für etwa zwei Stunden (nächster Termin: 28. Oktober). Der Gesprächskreis in Maroldsweisach trifft sich jeden dritten Mittwoch um 19.30 Uhr in der Geschäftsstelle der Diakonie (nächster Termin: 20. November). Bei der Diakonie sind Termine auf Anfrage zu erfahren. Die Gesprächskreise sind kostenlos und stehen allen offen, unabhängig von Religion und Nationalität. Bei Wunsch ist eine Beratung in häuslicher Umgebung möglich. Kontakt zur Gruppe: Cornelia Schulze-Weidlich, Fachstelle für pflegende Angehörige, Diakonisches Werk Haßberge in Maroldsweisach, Tel. (0 95 32) 92 23 13, Fax (0 95 32) 92 23 23, E-Mail: dwhas-pflegepartner@gmx.de

Leitet den Gesprächskreis: Cornelia Schulze-Weidlich
Foto: Mösslein | Leitet den Gesprächskreis: Cornelia Schulze-Weidlich
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