Zeil

Ein Stück Zeiler Geschichte: 100 Jahre Göllersaal

1920 wurde der Göllersaal eingeweiht, in dem Reden gehalten, Feste gefeiert und Herzen erobert wurden. Heimatforscher Ludwig Leisentritt schaut auf alte Zeiten zurück.
Die  "Alte Freyung" vor 1920.
Die "Alte Freyung" vor 1920. Foto: Zeichnung Rudolf Winkler

Am 1. Mai 1920 nahm die Familie Göller ihre neuen Gasträume im Erdgeschoss sowie einen neuen Saal im Obergeschoss in Betrieb. Für diesen aus Sandsteinen errichteten Neubau musste der ehemalige fürstbischöfliche Kastenhof weichen. In diesem östlichen Fachwerkgebäude waren einstmals die Naturalabgaben eingelagert worden, welche die abgabenpflichtigen Bürger des Amtes Zeil im Rahmen des Zehnten entrichten mussten. Dieses Gebäude war dem gerade zweieinhalb Wochen alten dritten Sohn Franz gewissermaßen in die Wiege gelegt worden, dessen Brüder Baptist und Willibald 1933 und 1944 verstarben. Der ehemalige Nachbar und Heimatforscher Ludwig Leisentritt hat zum 100-jährigen Jubiläum ein Stück weit die wechselvolle Geschichte dieses weit über Zeil hinaus bekannten Tanz- und Veranstaltungssaales aufgezeichnet.

1908 erwarb die aus Drosendorf stammende Familie Josef und Margarethe Göller das historische Anwesen von Vorbesitzer Georg Weinig. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges bewirteten Göllers ihre Gäste im heutigen Wohnhaus. Hier war die Wirtsstube, über der ein kleiner Tanzsaal vorhanden war. 1815 hatte dieser für sechs Monate als russisches Lazarett gedient und 1836 war der Saal für eine Epidemie ausgewiesen worden.

Lange Reden wichtiger Politiker

Spitzenpolitiker der zwei großen Parteien gaben sich viele Jahrzehnte ein Stelldichein. Die Liste prominenter Politiker, die im Göllersaal aufgetreten sind, ist umfangreich: 1928 sprach zwei Stunden lang der ehemalige sozialdemokratische Reichskanzler Hermann Müller. Nach dem Krieg hielten unter anderem Helmut Schmidt, Herbert Wehner, Hans-Jochen Vogel, Willy Brandt und Johannes Rau für die SPD dort ihre Reden, für die CSU Größen wie  Franz Josef Strauß sowie Hans Ehard, Peter Lorenz, Fritz Zimmermann, Barbara Stamm und Markus Söder. Der Göllersaal hat erheblichen Anteil daran, dass Zeil nach dem Kriege nicht nur zum politischen, sondern auch zum gesellschaftlichen Mittelpunkt des Landkreises wurde.

Nach der Einweihung des Saales meinten viele Zeiler: "Der Göller bringt diesen Saal niemals voll!" Waren doch die übrigen Säle der Zeiler Gastronomen weitaus kleiner. In der Anfangszeit spielte "die gut bekannte Zeiler Jazzkapelle Thomas Hoffmann mit ihren neuesten Schlagern" zum Tanz auf.

In den letzten hundert Jahren fanden unzählige  Konzert-, Theater-, Varieté- und sogar Operettenveranstaltungen statt. Ferner Passionsfestspiele, Weihnachtsfeiern, Büttensitzungen, Betriebsausflüge, Filmvorführungen und Versammlungen aller Art. Sogar eine Geflügel- und Kaninchenausstellung ist 1926 verbürgt.

Ein edler Musikgenuss

1924 lud der Zeiler Caritasverein den legendären Violinvirtuosen Jules Siber ein, um dem "breiten Volk edle Kunst zugänglich zu machen". In der Presse wurde diese Veranstaltung als "auserlesener und edler Genuss" und als Volksbildungsabend bezeichnet. Doch so richtig konzerttauglich war die Lokalität wohl nicht. Das Gläsergeklirr und Biermarkengeklimper an der Schenke störten die konzertanten Stimmen und Töne.

Eine neue Zeit kehrte ein, als 1933 eine Abordnung der Haßfurter NSDAP mit ihrer sogenannten "Blutfahne" in den Saal einmarschierte. Ein Jahr später wurden die Zeiler aufgefordert, in der gleichen Lokalität an der Übertragung einer "Führerrede" teilzunehmen. Zeil musste 1938 bei der "Befreiung des Sudentenlandes" 46 Männer aufnehmen, die mit Musik in die hergerichtete Jugendherberge in der Volksschule geleitet wurden. Eine weitere Gruppe sollte im Göllersaal Obdach erhalten, weshalb die Hitlerjugend vorsorglich Strohsäcke gefüllt hatte.

Soldaten im Göllersaal

Vor Beginn des Krieges am 1. September 1939 passierten viele Truppeneinheiten die Stadt Zeil. Nach dem schnellen Vordringen der Reichswehr im Osten mussten ältere Jahrgänge als Besatzung nach Polen. Bevor man sie in Marsch setzte, wurden diese Männer im Göllersaal mit Uniformen eingekleidet.

Am 12. November 1944  beorderte der NSDAP-Ortsgruppenleiter Eyrich alle Männer zwischen 16 und 60 Jahren zur Vereidigung als Volkssturmmänner in den Göllersaal. In einer NSDAP-Versammlung forderte der Gauleiter Dr. Hellmuth die Zeiler Frauen dazu auf, stets kochendes Wasser bereit zu halten. Dieses sollte aus den Häusern auf die einmarschierenden amerikanischen Soldaten geschüttet werden.

Nach der Bombardierung von Würzburg am 16. März 1945 waren Tausende von Menschen aus der zu fast 90 Prozent zerstörten Stadt auf der Flucht. Die Zeiler Bauernschaft musste für die Obdachlosen rund 20 Zentner Kornstroh im Göllersaal auslegen. Und auch als am Ende des Krieges für die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen dringend Wohnraum benötigt wurde, war die geräumige Lokalität gefragt. Zur Einrichtung wurden Bettstellen von der Weberei herbeigeholt, in der Schlafstätten für Ostarbeiter untergebracht gewesen waren.

Gegen Ende des Krieges war bedrucktes Gewebe der Weberei in Bamberg im Göllersaal eingelagert. Wenige Stunden vor dem Einmarsch der Amerikaner begann zunächst ein unkontrollierter Verkauf. Zum Schluss wurden ganze Stoffballen weggetragen. Die Textilien tauschten die Leute später auf dem Schwarzmarkt gegen Nahrungsmittel ein. Jahrelang trugen Frauen in Zeil und den Dörfern der Umgebung Kleider, welche aus diesen Stoffen gefertigt waren.

Tanzvergnügen mit deutschen "Frauleins"

Als die Soldaten Napoleons um 1800 in Zeil logierten, machten  "Zeyler Musikanten bey bälen Musick" - ganz so, wie es Zeiler Musiker auch taten, als 1945 den amerikanischen Soldaten nach Tanzen zumute war. Die Befreier brachten neue Klänge und Rhythmen ins Land. Reine Blas- und Streichmusik lagen nicht mehr im Trend auf den Tanzböden. Für die in Zeil stationierten Amerikaner spielten einige Musiker alle zwei Tage von 21 bis 23 Uhr zum Tanz auf. Zum Beispiel die Zeiler Kapelle "Odeon". Der junge Musiker Robert Fößel erhielt damals für zwei Stunden zehn Mark. Als "Stift" hatte er für die ganze Woche sechs Mark erhalten. Fast täglich fuhren große Armeelaster mit Fressalien, Eis, Süßigkeiten, Zigaretten und diversen Getränken vor die Freyung. In Seesäcken bugsierten die US-Soldaten ihren Bedarf für das abendliche Tanzvergnügen mit den "Frauleins" durch die offenen Fenster des Saales.

Sebastian Popp schreibt im Juni 1945 in sein Tagebuch: "Wir haben 150 Amerikaner, davon zwei Drittel Schwarze, in der Schule. Alle Tage ist Tanz bei Göller. Dabei sind immer auch 20 Mädchen aus Kehlheim." Bald kamen auch "Frauleins" aus Zeil und Umgebung hinzu. Mancher Gast unten in der Wirtsstube konnte zu vorgerückter Stunde oben einen Krug Vollbier schnorren. Dieser zwölfprozentige Gerstensaft blieb bis zur Kirchweih 1948 nur den Angehörigen der US-Army vorbehalten. Weil die Marienschule mit amerikanischen Besatzungssoldaten belegt war, gab der zuständige Armeechef in Haßfurt den Göllersaal tagsüber für Unterrichtszwecke frei.  

"Extratour" für Speiersgässer

Lange Zeit fand zwei Wochen nach der regulären Zeiler Kirchweih die sogenannte Speiersgässer Kirchweih beziehungsweise die Hopfenkirchweih statt. Da gab es immer auch eine "Extratour" nur für Speiersgässer. Engelhard Wittig wachte  mit dem Bierschlegel in der Hand am Rand der Tanzfläche darüber, dass bei dieser Tour nur Speiersgässer das Tanzbein schwangen. Solche "Extratouren" gab es übrigens früher auch anderorts. Bei Tanzmusiken im Steigerwald pflegte man "Extratouren" für die "Holzdiebe" auszurufen und in Knetzgau wurde sogar einmal eine "Extratour" für die Wilderer bestellt.

Die fünf Musikanten mit dem alten bestuhlten Göllersaal im Hintergrund sind von links: Thomas Hofmann, Albert Heller, Heinrich Kraus, Philipp Wirt und Vinzenz Meßbacher.
Die fünf Musikanten mit dem alten bestuhlten Göllersaal im Hintergrund sind von links: Thomas Hofmann, Albert Heller, Heinrich Kraus, Philipp Wirt und Vinzenz Meßbacher. Foto: Ludwig Leisentritt

Die Stadt Zeil sah in den Tanzveranstaltungen eine nicht unwichtige Einnahmequelle. Früher waren Beträge aus der bei Tanzmusiken erhobenen Lustbarkeitsabgabe der Armenkasse zugeführt worden. Als nach dem Krieg die Stadt Zeil unter einer Schuldenlast ächzte, erwog der Stadtrat, Tanzveranstaltungen abzuhalten, um mit den erlösten Geldern den Haushalt 1946 auszugleichen.

1949 führte der Stadtrat den sogenannten Notgroschen zur Förderung des Wohnungsbaues ein, um aus den Geldern günstige Darlehen zu gewähren. Bei Kino-, Sport- und vor allem Tanzveranstaltungen wurden auf jede Eintrittskarte zehn Pfennige erhoben. Die Abgabe wurde erst 1969 abgeschafft. In diesem Jahr fanden in Zeil 75 Tanzveranstaltungen statt. Der große Göllersaal nutzte daher auch dem Stadtsäckel, weshalb der Stadtrat die Familie Göller auch immer gerne unterstützte.

Pragmatische Seelsorger

Jahrzehntelang beklagten die Seelsorger, dass Tanzveranstaltungen an den Samstagen die Gläubigen von ihrer Sonntagspflicht abhielten. Ein gesunder Pragmatismus löste das Problem durch die Einführung der Spätmesse.  Am frühen Samstagabend den Gottesdienst und hernach den Ball zu besuchen, das ersparte den schlafbedürftigen und leicht verkaterten Christenmenschen am Sonntagmorgen den Kirchgang.

Der Jugendschutz nahm in den Nachkriegsjahren einen wichtigen Aspekt ein. 16- und 17-Jährige gerieten öfters in die Fänge der gestrengen Zeiler Gendarmen, wenn sie nicht rechtzeitig – oft unter Mithilfe Erwachsener - durch einen Seitenausgang in den Göller’schen Hof oder Biergarten entwischen konnten.

Die Mambos

Der legendäre Ruhm der Mambo-Band ist eng mit dem Göllersaal verbunden. Burschen und Mädchen aus dem weiten Umkreis liebten seit den 1950er Jahren den Sound der Mambos, denn Discos gab es noch nicht. "Der Göller" war lange Zeit die "Pilgerstätte" dieser Fans. Nicht wenige Gäste kamen mit Fahrrädern nach Zeil.  Die Zeiler Stadtführer hören immer wieder, wie Auswärtige heute noch von den Mambos schwärmen. So manche Liebesgeschichte nahm im Göllersaal ihren Anfang.

Legendärer Ruf: Die Zeiler Tanz- und Showband Mambo.
Legendärer Ruf: Die Zeiler Tanz- und Showband Mambo. Foto: Ludwig Leisentritt

Viele ältere Landkreisbewohner erinnern sich heute noch gerne an diese Band. Nach den Worten eines grauhaarigen Fans war damals das Motto der jungen Burschen: "Immer den Mambos hinterher. Wo die sind, da sind auch die Mädchen." Und der einstige Journalist German Schneider bekannte einmal: "Der Göllersaal mit der Mambo war unser zweites Wohnzimmer." Und so war dieses lange Zeit die erste Adresse für die Jugendlichen. "Die Mambos waren dort die Hausmacht. Getanzt wurde klassisch, aber auch schon offen wie die Jugend heutzutage. Vor allem den Twist mussten die jungen Männer beherrschen, um sich für die meist anschließenden Schleicher- und Schmuse-Runden eine gute Ausgangsposition zu sichern. Da galt es, die Richtige im Arm zu halten." Gerade der Twist verursachte bei so manchen Gästen unten in der Wirtsstube ein banges Gefühl, vibrierten doch die Decke und die Lampen oft bedenklich, bis die Familie Göller eine Verstärkung in die Zwischendecke einbauen ließ.

Zusammen mit den Mambos traten im Göllersaal bekannte Schlagersänger wie Gerd Böttcher, Drafi Deutscher, Peter Hinnen,  Michael Holm, Tommy Kent, Peter Leismann,  Teddy Parker und Michael Schanze auf.

Konzerte mit echten Stars

Um 1970 organisierte eine Jugendgruppe aus Ebelsbach über eine Agentur zahlreiche Konzerte mit deutschen und europäischen Spitzenbands. Die Ebelsbacher klebten damals Plakate zwischen Würzburg und Erlangen. Bis zu 800 Besucher füllten den Saal. Ende 1968 gastierten im Göllersaal "The Lords". Sie gelten als die "dienstälteste Rockband der Welt. "The Wonderlands" folgten. "The Rattles" wurden in Liverpool als die "deutschen Beatles" gefeiert. 1970 traten die englische Beatband "The Silhouttes" und  die Kultband "The Petards" auf. Ein Popkonzert fand 1972 mit Hardin & York statt. "Alexis Korner & Peter Thorup" waren bekannt durch internationale Hitparaden. Engagiert wurden auch die Rock-Band "Livin’ Blues", "The Sweet", die Hard-Rock-Band "Jeronimo", "The Prisoners" und "The Creation".  Ein Gastspiel gab ebenfalls die  Show-Gruppe "Golden Earring" aus den Niederlanden.  Sie gilt heute als eine der am längsten bestehenden Rockbands der Welt.

Mit dem Aufkommen der Discotheken und vieler neuer Großsäle in den Gemeinden im Landkreis verlor der Göllersaal in der Folgezeit allmählich immer mehr an Bedeutung. In Zeil selbst finden die meisten Veranstaltungen heute im Rudolf-Winkler-Haus oder in der Mehrzweckhalle am Tuchanger statt. Ab und zu gibt es noch kleinere Wahl- oder Bürgerversammlung im Göller. 

165 Kinder und Jugendliche hatten in den 1950er Jahren auf der einstigen großen Bühne des Saales Platz.
165 Kinder und Jugendliche hatten in den 1950er Jahren auf der einstigen großen Bühne des Saales Platz. Foto: Ludwig Leisentritt

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Zeil
  • Ludwig Leisentritt
  • Alexis Korner
  • Barbara Stamm
  • CSU
  • Drafi Deutscher
  • Familien
  • Franz-Josef Strauß
  • Hans Ehard
  • Hans-Jochen Vogel
  • Helmut Schmidt
  • Herbert Wehner
  • Hermann Müller
  • Hitlerjugend
  • Johannes Rau
  • Kinder und Jugendliche
  • Kirchweih
  • Markus Söder
  • Michael Holm
  • Michael Schanze
  • Musiker
  • Mädchen
  • NSDAP
  • Peter Lorenz
  • Peter Thorup
  • Reichskanzler
  • Reichskanzler Hermann Müller
  • Rockgruppen
  • SPD
  • Schlagersängerinnen und Schlagersänger
  • Soldaten
  • Teddy Parker
  • The Beatles
  • The Sweet
  • Thomas Hoffmann
  • Tommy Kent
  • Wilderer
  • Willy Brandt
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!