KREIS HASSBERGE

Fibromyalgie: Eine unsichtbare Krankheit

Fibromyalgie – schon der Name klingt sperrig. Dabei gibt's für die Krankheit einen noch unaussprechlicheren Namen: Generalisierte Tendomyopathie. So exotisch ihr Name auch klingt – Fibromyalgie ist keine extrem seltene Krankheit. Geschätzte ein bis zwei Prozent der Deutschen, also bis zu 1,6 Millionen Menschen, leiden darunter. Äußerlich sieht man es ihnen nicht an. Ihre Beschwerden sind ganz unterschiedlich. Doch fast jeder Fibromyalgie-Erkrankte hat dauerhafte Muskelschmerzen. Nicht alle Ärzte können mit ihrer Krankheit etwas anfangen, was die Betroffenen zusätzlich belastet.

„Anfangs haben mich meine Ärzte belächelt“, erinnert sich Sonja Beck aus Löffelsterz. „Das hat mich runtergezogen.“ Die 58-Jährige leidet seit Jahren an Fibromyalgie. Ebenso wie Christine Rippstein (49) aus Knetzgau und Brigitte Keller (64) aus Knetzgau sowie Karlhans Slawik (48) aus Römershofen. Das Viererteam organisiert die Selbsthilfegruppe Fibromyalgie Haßfurt.

15 Menschen aus dem Landkreis Haßberge, die das gleiche Schicksal teilen, kommen regelmäßig zu den monatlichen Gruppentreffen. Sie sind zwischen Mitte 40 und knapp 80. Unter ihnen sind nur zwei Männer. Aus einfachem Grund: Fibromyalgie trifft Frauen achtmal häufiger als Männer.

Warum das so ist, ist noch nicht erforscht. Dasselbe gilt für die Auslöser der Krankheit. Als Faktoren, die einen Ausbruch begünstigen, gelten neben körperlicher Veranlagung schlecht verarbeiteter Stress, eingreifende Lebensveränderungen, Misshandlungen sowie körperliche und psychische Überlastungen. Es sind auffallend oft Menschen, die sich verausgaben, bei denen Fibromyalgie ausbricht.

Komplizierter Nachweis

Ein Nachweis der Krankheit ist kompliziert. Anders als Rheuma, das ähnliche Symptome zeigt, ist Fibromyalgie im Blut eines Erkrankten nicht nachweisbar. Ärzte gelangen zu einer Diagnose durch das Ausschlussprinzip: Wenn sie alle anderen Krankheiten, die die gleichen Symptome zeigen, ausschließen konnten, bleibt Fibromyalgie übrig. Immerhin ist Fibromyalgie seit den 1990er Jahren eine anerkannte Krankheit.

Betroffenen hilft das. Aber nur bedingt. Sie leiden meistens unter Schmerzen in vielen Körperbereichen, vor allem rund um Gelenke (wie Schultern, Ellbogen, Knien), wobei die Gelenke selbst nicht betroffen sind. Auch entlang der Wirbelsäule haben die meisten Schmerzen. Die Schmerzen beginnen häufig im mittleren Lebensalter, aber auch schon Kinder und Jugendliche sind zum Teil betroffen. Das volle Krankheitsbild entwickelt sich nach und nach – und begleitet die Patienten bis ans Ende ihres Lebens. Ein Medikament dagegen gibt es nicht. Herkömmliche Schmerzmittel wirken nicht.

Vielen Fibromyalgie-Patienten hilft Physiotherapie oder Krankengymnastik. Auch regelmäßige Bewegung tut gut. Doch es gibt große Unterschiede zwischen dem, was jedem Einzelnen Erleichterung bringt. Das versetzt Ärzte in ein Dilemma. Die allgemeingültige Musterbehandlung bei Fibromyalgie gibt es nicht. „Irgendwann habe ich mich damit abgefunden und habe beim Arzt nicht mehr erwähnt, dass ich Fibromyalgie habe“, sagt Sonja Beck. Wenn die Schmerzen besonders heftig sind, tröstet sie sich damit, dass es ihr am kommenden Tag hoffentlich wieder besser geht.

Brigitte Keller findet, dass es besser geworden ist mit den Ärzten, dass diese „mehr auf Fibromyalgie eingehen“ als früher. Sie leidet weniger unter den Schmerzen, die die Krankheit ihr zufügt. „Schlimmer ist meine ständige Müdigkeit, die Erschöpfung und Antriebslosigkeit.“ Noch so eine Auswirkung von Fibromyalgie, die Außenstehenden nicht auffällt. Schnell ist so das Urteil über einen Betroffenen gefällt: Der ist ein Schlappschwanz, ein Jammerlappen – man sieht doch gar nichts. Fast zwangsläufig leiden auch Partnerschaften darunter, wenn einer von beiden an Fibromyalgie erkrankt ist, meint Sonja Beck. Angehörige und Freunde müssen viel Geduld und Verständnis aufbringen.

Derartige Sorgen sind – neben gemeinsamen Aktionen, Ausflügen oder Vorträgen – regelmäßig Thema in der Selbsthilfegruppe. Jeder kann dort im geschützten Rahmen der Verschwiegenheit aussprechen, was ihn belastet, aber auch Hinweise und Tipps erhalten von anderen, denen es genauso geht.

Und der Beruf?

Dies betrifft auch die Frage: Wie kann ich mit Fibromyalgie in meinem Job weitermachen? Christine Rippstein: „Irgendwann kommt jeder Betroffene an den Punkt, an dem er feststellt: Ich kann nicht mehr arbeiten.“ Zur körperlichen Belastung kommt dann noch die finanzielle hinzu. Denn Fibromyalgie ist kein anerkannter Grund, um in (Früh)Rente zu gehen.

Doch es geht nicht nur ums mögliche vorzeitige Ende des Berufslebens. Menschen mit Fibromyalgie müssen vieles von dem aufgeben, was sie sich in ihrem Leben vorgenommen haben. Vielen fehlt die körperliche Belastbarkeit. „Man fühlt sich minderwertig“, bringt es Sonja Beck auf einen kurzen Nenner. Auch diesem bitteren Gefühl möchte die Selbsthilfegruppe den Stachel nehmen.

Notizen zur Selbsthilfegruppe Fibromyalgie

Über die Gruppe: Die Selbsthilfegruppe Haßfurt bietet Menschen mit Fibromyalgie Raum für Erfahrungsaustausch, Aufklärung, Infos und Unterstützung. Zudem werden Möglichkeiten zur Entspannung geboten, Wanderungen, Ausflüge, Ergotherapie, Gedächtnistraining und Vorträge. Die Gruppe trifft sich jeden ersten Montag im Monat um 18.30 Uhr im Julius-Echter-Haus Haßfurt. Zudem gibt es jeden dritten Dienstag im Monat um 10 Uhr einen Stammtisch im BIZ Haßfurt. Auch in Eltmann gibt es eine Selbsthilfegruppe Fibromyalgie. Ihre Treffen sind jeden zweiten Dienstag im Monat um 18.30 Uhr im Kolpinghaus. Kontakt zur Gruppe: Ansprechpartner für die Gruppe Haßfurt sind Christine Rippstein, Tel. (0 95 29) 738, Karlhans Slawik, Tel. (0 95 21) 61 82 77, Sonja Beck, Tel. (0 97 27) 14 94, und Brigitte Keller, Tel. (0 95 27) 361. Die Eltmanner Gruppe ist erreichbar über Sabine Hübner, Tel. (0 95 24) 30 28 78, oder Margit Gleber, Tel. (0 95 03) 280. Weitere Infos: Deutsche Fibromyalgie-Vereinigung, Waidachershofer Straße 25, 74743 Seckach,Tel. (0 62 92) 92 87 58, Beratungstelefon: Tel. (0 62 92) 92 87 61, E-Mail: info@fibromyalgie-fms.de, Internet: www.fibromyalgie-fms.de

 
Rückenschmerzen: Viele Fibromyalgie-Erkrankte leiden daran. Darüber hinaus äußert sich die Krankheit bei fast jedem unterschiedlich. Notburga Hümmer (Bild unten von links) und Monika Häußinger gehören der Selbsthilfegruppe Fibromyalgie Haßfurt an. Christine Rippstein, Brigitte Keller und Sonja Beck leiten diese.
Foto: Thinkstock, Mösslein | Rückenschmerzen: Viele Fibromyalgie-Erkrankte leiden daran. Darüber hinaus äußert sich die Krankheit bei fast jedem unterschiedlich.
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Michael Mößlein
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