Zeil

Fritz Seitz kam 1940 als erster deutscher Priester ins KZ Dachau

Domkapitular Josef Seitz, ein Bruder von Fritz Seitz, weihte 1954 den Umbau des Zeiler Käppele. Links Geistlicher Rat Bernhard Rüdenauer, rechts der Zeiler Pater Leander Mantel.
Domkapitular Josef Seitz, ein Bruder von Fritz Seitz, weihte 1954 den Umbau des Zeiler Käppele. Links Geistlicher Rat Bernhard Rüdenauer, rechts der Zeiler Pater Leander Mantel. Foto: Ludwig Leisentritt/Archiv

Am Pfingstsonntag vor 75 Jahren hielt der aus dem KZ Dachau zurückgekehrte Pfarrer Fritz Seitz eine Predigt in der Zeiler Pfarrkirche. Dabei schilderte er die Greuel der dortigen SS-Schergen. Fritz Seitz war 1940 als erster katholischer Pfarrer aus dem Reichsgebiet ins Konzentrationslager Dachau deportiert worden. Dort hat er fünf schlimme und demütigende Jahre erlebt.

Seine 1877 geborene Mutter, Maria Tully, stammt aus einem Haus am Zeiler Kaulberg. Bei einem Manöver hatte sie einen in ihrem Elternhaus einquartierten Soldaten kennen und lieben gelernt. Aus der Ehe gingen neben zwei Töchtern der 1905 in Mayen in der rheinland-pfälzischen Eifel geborene Fritz Seitz und der 1907 geborene Josef Seitz hervor. Beide wurden Priester.

Fritz Seitz legte sich schon früh mit der Obrigkeit an

Bereits in den frühen 30er Jahren legte sich Fritz Seitz als Kaplan mit der damaligen Obrigkeit an. Als Mitglied der Zentrumspartei rief er in der Pfarrei Herxheim in der Pfalz eine katholische Jungbauernbewegung ins Leben. Der junge Kaplan galt als unbeugsam. Sein nicht als national unzuverlässig gelten wollendes Bischöfliche Ordinariat stufte seine vorgelegten Predigttexte oft als "unpassend für die Kanzel" ein. Einmal heißt es in einem Vermerk: "Diese Predigt passt eher als Rede in einer Versammlung. Wenn Sie politische Parteien, die kirchenfeindlich sind, von der Kanzel aus bekämpfen, so muß das mit religiösen, nicht mit politischen Gründen geschehen."

Pfarrer Fritz Seitz war zuletzt Dekan in Kaiserslautern.
Pfarrer Fritz Seitz war zuletzt Dekan in Kaiserslautern. Foto: Ludwig Leisentritt/Archiv

Als Seitz als Kaplan in Zweibrücken wirkte, schreibt die Gestapo in ihre Akten: "Seitz ist allgemein als Hetzer übelster Sorte bekannt." Mehrmals wechselte er seinen Wirkungskreis und die Nazis ordneten eine besondere Überwachung an. Eine Zeit lang war Seitz als junger Kaplan auch in Ludwigshafen tätig, wo der derzeitige Würzburger Bischof Franz Jung aufgewachsen ist.

Wie damals allerorts üblich, wurden seine Predigten von Denunziaten mitgeschrieben. In seiner letzten Pfarrei Schallodenbach weigerte er sich 1937 an Ostern die Glocken zu läuten. Damit protestierte er gegen die Einführung der "Christlichen Gemeinschaftsschule" durch die Nazis. Einen SA-Mann, der als Glöckner das Geläute dennoch in Gang setzen wollte, verjagte er aus dem Turm. Darauf flogen im Pfarrhaus Steine durch ein Fenster. Die Machthaber und die Justiz sahen darin eine "Selbstbeschädigung".

Im Juni 1940 kam Fritz Seitz in den Priesterblock des KZs Dachau 

Die Anordnung zur Einweisung in das Konzentrationslager erfolgte durch dem berüchtigten Leiter des Berliner Reichssicherheitshauptamtes Reinhard Heydrich. Anlass war, dass die aus Zeil stammende Mutter des Priesters auf Bitten ihres Sohnes, polnische Fremdarbeiter, die als Aushilfen bei Landwirten beschäftigt waren, im Pfarrhaus gastfreundlich aufgenommen und bewirtet hat. Außerdem hatte der Geistliche in der Kirche die Gläubigen dazu aufgefordert, die Kinder anzuhalten, die Polen nicht zu beschimpfen. Ursprünglich wollten die Nazis sein "Mütterlein" inhaftieren, wie sich Ottmar Pottler erinnert. Der Pfarrer habe jedoch die ganze Schuld auf sich genommen.

Am 7. Juni 1940 wurde dem aufmüpfigen Seelsorger auf blutrotem Papier der von Heydrich unterzeichnete Schutzhaftbefehl ausgehändigt, in dem es u. a. heißt: "Nach dem Ergebnis der staatspolizeilichen Feststellungen hat der Geistliche Friedrich Seitz durch sein Verhalten den Bestand und die Sicherheit des Volkes und des Staates gefährdet und indem er die im Verkehr mit Polen gebotene Zurückhaltung vermissen ließ, das gesunde Volksempfinden gröblichst verletzt."

Pfarrer Seitz wurde zum Tode verurteilt

Im so genannten "Priesterblock" des KZ-Lagers Dachau misshandelte das nationalsozialistische Regime insgesamt 2720 deutsche und ausländische Priester beider Konfessionen.  Die Haft kostete 1034 katholischen Pfarrern und Kaplänen wegen ihrer Opposition zum braunen Unrechtsregime das Leben.

"Ich war mir bewusst, was mir auch die Zukunft bringen mag: Maria ist bei mir und verlässt mich nicht."
Pfarrer Friedrich Seitz

Einmal wurde Pfarrer Seitz in Dachau zum Tode verurteilt. "Fertig machen" sollte ihn ein krimineller KZ-Häftling. Der aber hatte mittlerweile seinen Weg zu Gott gefunden und ihn für lange Zeit in einem Steinbruch verborgen. Später kam Seitz für eine kurze Zeit in die KZ-Lager Mauthausen-Gusen I in Österreich. Hier verfuhr man nach der Devise Vernichtung durch Arbeit.

Oft erwähnte der oft gedemütigte Pfarrer, dass er seine Kraft aus seiner Liebe zur Muttergottes auf dem Zeiler Käppele schöpfte. "Ich war mir bewusst, was mir auch die Zukunft bringen mag: Maria ist bei mir und verlässt mich nicht. Und seitdem habe ich auch keinen Augenblick meinen Mut, meine Laune und meinen Pfälzer Humor verloren. Und es gab in diesen fünf Jahren Stunden und Situationen, wo das Leben an einem dünnen Faden hing, aber es konnte nicht verloren gehen, da die Gottesmutter bei mir war."

Sein Glaube war marianisch geprägt

Er brachte auch immer wieder zum Ausdruck, dass aus seiner Familie nur deshalb zwei Priester hervorgegangen seien, weil die Liebe und Andacht seiner Mutter zur hl. Maria auf dem Zeiler Kapellenberg ihnen diese Gnade vermittelt habe. Seit seines Lebens war sein Glaube marianisch geprägt.

Vor seiner Entlassung hatte Seitz am 25. Februar 1945 an seine Zeiler Verwandten am Kaulberg einen Brief geschrieben. Zu diesem Zeitpunkt konnte er an seine Verwandten in der Pfalz keine Post mehr senden. Auch in diesem Schreiben wies er auf die Muttergottes auf dem Zeiler Käppele hin, "die wird uns nie im Stich lassen. Wie oft denke ich an diese Kapelle und gebe es Gott, dass einmal mein Bruder Josef und ich dort oben noch einmal das hl. Meßopfer feiern dürfen für die vielen Opfer und Gefallenen meiner Verwandten."

Sechs Wochen vor dem Einmarsch der Amerikaner in Zeil wurde Friz Seitz am 28. März 1945 völlig überraschend aus dem KZ Dachau entlassen. Unter schwierigen Verhältnissen brachte ihn – nach einem kurzen Aufenthalt bei Verwandten in München – sein Cousin Fritz Tully nach Zeil. In dem Häuschen am Kaulberg, in welchem er mit seinen Eltern und Geschwistern öfters die Ferien verbrachte, hat er dann bis zum 7. Juli 1945 gewohnt.

Pfarrer Seitz beeindruckende Predigt an Pfingsten 1940 wurde aufgezeichnet

Er erlebte noch die Bomben- und Artillerieangriffe auf Zeil und suchte mit den übrigen Verwandten Schutz in dem kleinen Keller der Wirtschaft hinter der Bergkapelle, welche damals sein Onkel Hans Tully bewohnte. Obwohl auch das Marienheiligtum unter Beschuss stand, hat er hier für die Zuflucht suchenden Verwandten eine Messe zelebriert. Nach dem Einmarsch der Amerikaner nutzte er seine Sprachkenntnisse bei der Verständigung mit den Befreiern.

Die Eltern des heutigen Pfarrers Ottmar Pottler wohnten gegenüber dem Haus Tully. Als Pfarrer Seitz kurz vor dem Zusammenbruch des Nazireiches nach Zeil gebracht wurde, hat ihn Ottmars Vater gefragt, was er im Konzentrationslager erlebt habe. Er sagte nur: "Darüber rede ich nicht." Doch als einige Wochen später Zeil von den Amis besetzt war, hielt sich Pfarrer Seitz nicht mehr zurück. Am Pfingstfest 1945 hielt der Geistliche in der Zeiler Stadtpfarrkirche eine beeindruckende Predigt. Sie wurde von der späteren Ehrebürgerin Schwester Adora handschriftlich für die Nachwelt aufgezeichnet.

Wohl nie in der Jahrhunderte alten Geschichte des Zeiler Gotteshaues, wurden bei einer Predigt die Verbrechen eines Regimes so drastisch angeprangert. Mit leidenschaftlichen Worten setzte sich Pfarrer Seitz mit dem "heidnischen Nazi-Deutschland" auseinander. Er geißelte dabei die schlimmsten Grausamkeiten, die er im KZ Dachau miterleben musste. Nur der heilige Ort verbot ihm, auch über sexuelle Misshandlungen polnischer Frauen zu sprechen.

Heimlich ein Hilfs-Netzwerk für Gefangene organisiert

Seitz empfand es als Genugtuung, trotz schärften Verbotes als Priester in der Gefangenschaft noch tätig sein zu können. Papst Pius XII hatte immerhin bewirkt, dass Gottesdienste gehalten werden konnten. Im Konzentrationslager hatte Fritz Seitz Mithäftlingen die Beichte abgenommen, Sterbenden die letzte Ölung gespendet und ein heimliches Hilfs-Netzwerk für Gefangene organisiert.  "Das war priesterliches Wirken im harten Ringen mit den Mächten des Heidentums und der Hölle", rief er den Zeiler Mitchristen in seiner Predigt zu.

In dem Haus hinter dem Brunnen wohnten die Großeltern von Pfarrer Fritz Seitz.
In dem Haus hinter dem Brunnen wohnten die Großeltern von Pfarrer Fritz Seitz. Foto: Siegbert Mantel

Er schilderte auch, wie SS-Männer mit einer Privatfirma einen Vertrag auf Lieferung von Menschenknochen abgeschlossen haben. Nach einigen Tagen, kam dann die Liste von 200 Menschen, die in den Hermann-Göring Werken vergast wurden. Aus ihren Knochen seien in den Werken der chemischen Industrie Schmierseife hergestellt worden. Unter den Opfern waren auch über hundert katholische Geistliche. Diese Schilderung wiederholte Seitz nach seiner Zeiler Predigt noch öfters, sodass einige Monate später sogar die deutsche Presse darüber berichtete.

Der Prediger fürchtete, die Siegermächte könnten sich nach dem Grundsatz Aug um Aug verhalten. Er fürchtete, dass das Unrecht, das den fremden Kriegsgefangenen und den Leuten in den Konzentrationslagern zugefügt wurde,  an den deutschen Gefangenen gesühnt werde. "Da werden noch Tränen von deutschen Müttern vergossen werden, wegen der Sühne für die Schandtaten einer Verbrecherbande."

Vater erlitt tödlichen Herzinfarkt am Totenbett seines Sohnes

Pfarrer Seitz sagte am Ende seiner über einstündigen Predigt: "Katholisches Volk! Wenn ich als Priester im Kampf um die Wahrheit vorwärts stürme, dann folge mir nach. Wenn ich feige bin und nicht rede, wo es erforderlich ist, dann verachte mich. Wenn ich aber im Kampf um die Wahrheit falle oder gefangen werde, katholisches Volk, dann bete für mich."

Wie sich Pfarrer Ottmar Pottler noch erinnert, musste sich Seitz nach seiner Ansprache erst einmal in der Sakristei abtrocknen und umziehen. "Er hat gedampft wie ein Kartoffeldämpfer". Der spätere Stadtrat Robert Kirchner erzählte, er habe damals ministriert. Es gibt noch Besucher dieses Gottesdienstes, die sich noch erinnern, dass viele Gläubige geweint haben ob der grauenvollen Taten der Nazis im KZ Dachau.

Pfarrer Seitz kehrte nach den erholsamen 15 Wochen in Zeil am 6. Juli 1945 wieder in seine frühere Pfarrei Schallodenbach in der Pfalz zurück. Seit 1946 war er als Dekan in der Diözese Kaiserslautern tätig. Nicht zuletzt wegen seiner Strapazen während seiner Internierung starb Seitz bereit am 18. März 1949 im Alter von 44 Jahren. Einen Tag später erlitt sein 79-jähriger Vater am Totenbett seines Sohnes einen Herzinfarkt den er nicht überlebte. Ein mit ihm zeitweise im KZ Mauthausen inhaftierter österreichische Pfarrer schrieb in einem Nachruf: "Ob Christ oder Atheist, ob Jude oder Pole, ob Zigeuner oder Deutscher, ob Katholik oder Bibelforscher, alle wurden begeisterte Verehrer des "dicken Fritz".

Anfangs durfte keine Messe an Altar des Grottenanbaus der Bergkapelle gefeiert werden

Der Bruder des Geistlichen, der Speyerer Domkapitular Josef Seitz, wurde 1954 vom Zeiler Geistlichen Rat Bernhard Rüdenauer zur Einweihung der neu renovierten Bergkapelle nach Zeil eingeladen. Rüdenauer sagte zu Beginn der Weihehandlung, dass es ein altes Erbgut der Zeiler sei, die Muttergottes auf dem Berg zu verehren.

In dem bei der Renovierung der Bergkappelle erstellten Grottenanbau hatte Rüdenauer einen kleinen Altar anbringen lassen. Der Würzburger Generalvikar Fuchs lehnte es anfangs ungewöhnlich schroff ab, dass hier eine Messe gelesen werden darf. Der Zeiler Stadtpfarrer reagierte darauf ungewöhnlich heftig. Er konnte nicht verstehen, dass bislang "vor der gipsernen und ausgefaulten Lourdesstatue in der halbrunden Nische des linken Nebenaltars, eingezwängt von Lumpen, die durch Zement versteift und angemalt waren, ein Altar zum Zelebrieren vorhanden war, dass jedoch in der mit ca. 20 000 Mark erstellten steinernen Grotte mit einer holzgeschnitzten Muttergottes- und Bernadette-Statue keine Messe gelesen werden darf."

Obwohl Würzburg schließlich doch einwilligte, wurde in der Vergangenheit davon kaum Gebrauch gemacht. Durch den fünfeckigen Grottenanbau erhielt das Käppele einen behindertengerechten Eingang.

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