HOFHEIM

Für Individualisten mit Mobilitätsdrang

Wenn der Löwenzahn seine Pollen abwirft geht die Campingsaison erst richtig los. Auch Hertha und Herbert Michler sind am liebsten in der warmen Jahreszeit unterwegs.
Foto: Nike Bodenbach | Wenn der Löwenzahn seine Pollen abwirft geht die Campingsaison erst richtig los. Auch Hertha und Herbert Michler sind am liebsten in der warmen Jahreszeit unterwegs.

Ihr Wohnzimmerfenster ist eine Windschutzscheibe, und vom Klo sind es keine zwei Meter bis zum Herd – Hertha und Herbert Michler sind Camper, genauer gesagt: Wohnmobilisten. Seit fast einem halben Jahrhundert teilt das Ehepaar wann immer möglich wenige mobile Quadratmeter.

„Das muss einem schon wirklich gefallen, sonst hat das keinen Sinn“, lacht Herbert und schlappt in seiner auberginefarbenen Jogginghose in ein paar Sekunden einmal halb um sein Heim herum. Seine Frau Hertha ist 76 Jahre alt, er wird in wenigen Wochen 79. In einem Alter, in dem andere längst auf fremde Hilfe angewiesen sind, sind die beiden Rentner von April bis Oktober fast ununterbrochen unterwegs. Hertha hofft, dass „es noch ein, zwei Jahre geht“.

Vergangene Woche haben sie einen Zwischenstopp auf dem Wohnmobilplatz am Hofheimer Freibad eingelegt, weil Hertha unbedingt mal hier hin wollte. Sie hatte gelesen, dass der noch jungen Hofheimer Stellplatz eine Auszeichnung als „Top-Platz“ erhalten hat. Davor waren sie in Südtirol und im Elsass. Jetzt sind sie mal acht Tage daheim in Roth, südlich von Nürnberg.

„Damit uns die Familie noch kennt“, grinst Herbert. Aber dann geht es auch schon wieder für sechs Wochen an die Ostsee. Auf was sich Hertha am meisten freut, wenn sie in ihre Mietwohnung kommt? „Aufs wieder Wegfahren!“

Das Geld, das andere in ein Häuschen stecken, haben die beiden vor zehn Jahren für ihr Wohnmobil ausgegeben. Modell Charisma, damals 200 000 Mark. Mit Dusche, Toilette, Herd, Backofen, Doppelbett, Fernseher und einer Alarmanlage, die ungebetene Gäste mit blecherner Computerstimme auffordert: „Treten. Sie. zurück.“ Davor waren sie 32 Jahre mit dem Wohnwagen unterwegs. Und nochmal davor mit dem Zelt. „Wir haben uns immer gesteigert“, erzählt Herbert nicht ohne Stolz.

Die größte Tour ihres Lebens haben die zwei 1977 gemacht: Mehr als 3000 Kilometer von Roth bis zum Nordkap in Norwegen. „Das war noch Abenteuer. Wir haben das Wasser mit der Kurbel aus dem Brunnen geholt“, erzählt Hertha. Und Herbert, Fahrer und Technikbeauftragter im Allgemeinen, berichtet, dass sie hoch im Norden an jeder Tankstelle auf dem Weg getankt haben. Aber nicht wegen besonders hohem Spritverbrauch, sondern weil „die da mal schnell fünf- bis sechshundert Kilometer auseinander liegen“. Es dauerte Wochen, bis sie vor lauter Wolken die Mitternachtssonne sehen konnten. Nach sechs Wochen und 10 000 Kilometern waren sie erschöpft von all der Natur, und Hertha „wollte keine Fjorde mehr sehen.“

Heute fahren sie nicht mehr ganz so weit. Am liebsten nach Frankreich, aber auch nach Polen. Denn Herbert und Hertha stammen aus Schlesien. Als Deutsche mussten sie nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Heimat verlassen. In einem amerikanischen Lkw wurden beide ins ehemalige KZ Moschendorf bei Hof an der Saale gebracht, das man zum Lager für Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Gebieten umfunktioniert hatte. In der Ecke sind sie dann geblieben.

Den Besuch im Heimatdorf von Herbert beschreibt Hertha als das vielleicht schlimmste Erlebnis ihrer Campingkarriere. „Wir haben nicht glauben können, dass das sein Dorf ist“ sagt Hertha. Stara KuŸnia, das früher Althammer hieß, sähe sehr runtergekommen aus. Bis auf die Gartenzäune – die „waren picobello“.

Trotz der Vergangenheit sind Herbert und Hertha in Polen freundlich empfangen worden. Wie eigentlich überall, sagen sie. Aber sie kennen ja auch die ungeschriebenen Gesetze des Campens. Dazu gehört zum Beispiel, dass man sein Wohnmobil immer in die gleiche Fahrtrichtung wie die anderen Reiseheime parkt. Sonst stehen sich Türen und Vordächer zweier Parteien genau gegenüber und man muss sich den Raum zwischen den Autos teilen. Halten sich alle dran, hat jeder etwas Privatsphäre vor der Tür.

Und wenn sich Hertha und Herbert irgendwo trotzdem nicht wohl fühlen, sind sie schnell fort. „Das mögen wir so am Camping“, sagt Herbert, „man ist frei und ungezwungen. Wir können jederzeit weg, wenn uns was nicht passt“. Genauso wie von daheim.

Die Ess- und Couchecke ist der Mittelpunkt des Wohnmobils von Hertha und Herbert Michler.
| Die Ess- und Couchecke ist der Mittelpunkt des Wohnmobils von Hertha und Herbert Michler.
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