Kreis Haßberge

Haßbergkreis: Warum das "Komasaufen" heuer ausfällt

2018 gab es im Landkreis vermehrt Alkoholvergiftungen bei Kindern und Jugendlichen. Das Rote Kreuz kann allerdings zumindest für dieses Jahr ein wenig Entwarnung geben.
Beim Thema Alkohol schlagen Jugendliche gern über die Stränge. Teilweise gehört das zum Erwachsenwerden. Für Fälle, die über ein normales Maß hinausgehen, gibt es Hilfsangebote.
Beim Thema Alkohol schlagen Jugendliche gern über die Stränge. Teilweise gehört das zum Erwachsenwerden. Für Fälle, die über ein normales Maß hinausgehen, gibt es Hilfsangebote. Foto: Jens Büttner/dpa

Über die Stränge schlagen, die Grenzen ausloten und auch mal darüber hinaus gehen – das gehört zum Erwachsenwerden dazu. Und wurde wohl von nahezu jedem Menschen praktiziert, vom einen mehr, vom anderen weniger. Sehr häufig spielt dabei verstärkter Alkoholkonsum eine Rolle, eingeprägt hat sich dabei der Begriff "Komasaufen". Und das findet sich nicht nur am Ballermann auf Mallorca, sondern auch im Haßbergkreis.

Nach bislang unveröffentlichten Zahlen des Bayerischen Statistischen Landesamtes landeten im Jahr 2018 im Landkreis Haßberge 38 Kinder und Jugendliche mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus, meldet die Krankenkasse DAK. Neuere Zahlen lägen aktuell noch nicht vor. Gegenüber 2017 sei die Zahl alkoholbedingter Klinikaufenthalte von Kindern und Jugendlichen damit um 2,7 Prozent gestiegen, in absoluten Zahlen ist das laut Jugendamt allerdings nur ein einziger Fall. Die DAK versucht grundsätzlich mit einer Alkohol-Präventionskampagne (siehe Info-Kasten) dagegen zu steuern.

"Hotspots" Weinfeste

"Vor rund zehn Jahren war das allerdings wesentlich extremer", sieht Christoph Grimmer, der Leiter des Rettungsdienstes im Bayerischen Roten Kreuz in Haßfurt, in den von der Krankenkasse gemeldeten Zahlen keinen extremen Anstieg. Und: In diesem Jahr wird die Zahl wohl weitaus geringer sein. "Von den 38 genannten Fällen dürften 20 auf die Weinfeste entfallen, zehn auf weitere Feste und vielleicht acht auf private Feiern", macht Grimmer eine einfache Rechnung auf. Und da es heuer keine Großveranstaltungen, keine Weinfeste in Sand oder Zeil gibt, dürften die Rettungskräfte und die Krankenhäuser weniger damit zu tun haben, sturzbetrunkene Jugendliche wieder aufzupäppeln.

"Hier auf dem Land gehört das für manche einfach dazu, sich auf Festen ganz bewusst bis zur Bewusslosigkeit zu trinken"
Christoph Grimmer, Rettungsdienst-Leiter Bayerisches Rotes Kreuz Haßberge

"Hier auf dem Land gehört das für manche einfach dazu, sich auf Festen ganz bewusst bis zur Bewusslosigkeit zu trinken", glaubt Grimmer, dass viele Jugendliche sich einfach mal ausprobieren wollen. Verharmlosen will er den übermäßigen Alkoholgenuss aber nicht. Vor allem dann nicht, wenn die "Patienten" noch im Kindesalter sind. Wenn Elf- oder Zwölfjährige bewusstlos auf der Straße liegen, sei die Grenze natürlich komplett überschritten.

Dass die Rettungssanitäter aber im Fall der Fälle nicht nur handeln, wie sie es in der Ausbildung gelernt haben, sondern schon eine gewisse Routine entwickelt haben, verdeutlicht die Häufigkeit der alkoholbedingten Einsätze. "Wir müssen in erster Linie darauf achten, dass die Leute nicht an Erbrochenem ersticken", erklärt Grimmer die "Erste Hilfe" vor Ort. Dabei helfen die Stabile Seitenlage und eine komplette Überwachung auf dem Weg zur Klinik, wenn der denn als notwendig erachtet wird. Dort reicht dann meist eine Infusion mit einer isotonischen Flüssigkeit, "um den Alkohol im Blut möglichst stark zu verdünnen", so der Rettungsdienst-Einsatzleiter. "Ein halber Liter reicht in der Regel," um die Patienten auszunüchtern.

Ohne in die Statistik zu schauen glaubt Kurt Etzel, stellvertretender Dienststellenleiter der Haßfurter Polizei, an vermehrte Einsätze aufgrund übermäßigen Alkoholgenusses in den letzten Jahren. Die Polizei greife aber nur ein, wenn Straftaten vorlägen oder zu erwarten seien bzw. eine Gefährdung der jeweiligen Personen nicht ausgeschlossen werden könne. "Es kommt aber auch immer wieder vor, dass sich stark alkoholisierte Jugendliche weigern, sich von Notärzten oder Sanitätern behandeln zu lassen. Da kann die Polizei aber nur eingreifen, wenn die ,Patienten' gewalttätig werden", so Etzel.

„Viele Jugendliche überschätzen sich und glauben, Alkohol gehöre zum Feiern und Spaßhaben dazu“, wird Jörg Müller von der DAK-Gesundheit in Schweinfurt in der Mitteilung der Krankenkasse zitiert. „Alkohol wirkt auf junge Menschen schneller, stärker und länger als auf Erwachsene. Deshalb ist das ,Komasaufen' bei Jugendlichen eine gefährliche Tatsache.“

"HaLT-Projekt" des Landkreises

Die Gefahren, denen sich die Jugend in Bezug auf Alkohol aussetzt, kennt man auch im Landratsamt. Der Landkreis Haßberge gibt deshalb über das Jugendamt eine Broschüre als Arbeitshilfe zum Thema „Jugendschutz bei Veranstaltungen“ heraus. „Party? … aber sicher!“ nennt sich das Informationsblatt, das Veranstaltern von Partys, Festen und Feiern unter anderem Checklisten zu Veranstaltungsorganisation und Kosten bietet. Zudem ist der Landkreis Haßberge ein „HaLT-Standort“. „Hart am Limit“ („HaLT“) ist ein Alkoholpräventionsprojekt, das bereits 2010 im Landkreis Haßberge impliziert wurde und aus zwei großen Bausteinen besteht.

Im „reaktiven Baustein“ würden Jugendliche nach einer Alkoholvergiftung sowie deren Eltern noch im Krankenhaus von „HaLT“-Kräften angesprochen („Brückengespräche“). Zusätzlich zu diesen Einzelberatungen erfolge, so das Jugendamt, im Anschluss eine Auseinandersetzung der Jugendlichen mit dem riskanten Konsumverhalten im Rahmen eines Gruppenangebotes.

Ergänzend gibt es in diesem Projekt den „proaktiven Baustein“, der Alkoholexzesse und schädlichen Alkoholkonsum schon im Vorfeld verhindern soll. "Im Vordergrund stehen hier Verantwortung und Vorbildverhalten von Erwachsenen im Umgang mit Alkohol, eine konsequente Einhaltung des Jugendschutzgesetzes an Festen, in der Gastronomie und im Einzelhandel sowie die breite Sensibilisierung der Bevölkerung", so Michael Rahn vom Landratsamt.  Während der „reaktive Baustein“ die Zielgruppe der riskant Alkohol konsumierenden Jugendlichen anspreche, wende sich der „proaktive Baustein“ vorwiegend an Erwachsene.

Behandlung erfolgt in Schweinfurt

"Im Rahmen des ,HaLT'-Projektes finden mit von den Krankenhäusern an uns gemeldeten Kindern/Jugendlichen sowie deren Eltern Gespräche statt – quasi eine Sofort-Hilfe für Jugendliche und ihre Eltern: Information, Beratung und bei Bedarf weiterführende Hilfen", erläutert Rahn das weitere Vorgehen. 

Die Zahl der Jugendlichen, die in das "HaLT"-Projekt geraten sind,  ist von 2017 auf 2018 leicht angestiegen. 2017 gab es acht Fälle, ein Jahr später 13, 2019 sank die Zahle wieder auf neun. Für 2020 sind für das erste Halbjahr lediglich drei Jugendliche aus dem Landkreis Haßberge registriert worden. Allen "HaLT"-Fällen gemeinsam ist, dass sie nicht in den Haßberg-Kliniken behandelt werden, da dort mangels vorhandener Kinderklinik generell keine Jugendlichen unter 18 Jahren im Bereich Innere Medizin aufgenommen werden. Die Jugendlichen werden allesamt ins Schweinfurter Leopoldina-Krankenhaus eingeliefert.

Ein weit verbreitetes Problem

Für eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) „Der Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2018“ wurden von April bis Juni 2018 bundesweit 7002 junge Menschen im Alter von zwölf bis 25 Jahren befragt.

Demnach konsumierten in diesem Zeitraum 8,7 Prozent der Jugendlichen im Alter von zwölf bis 17 Jahren regelmäßig, also mindestens einmal wöchentlich, Alkohol. 2004 lag dieser Wert noch bei 21,2 Prozent. Der Anteil derjenigen Jugendlichen in dieser Altersgruppe, die sich in einen Rausch getrunken haben, ist in der Studie mit 13,6 Prozent angegeben. 2004 waren es noch 22,6 Prozent.

  • Die Studie der BzgA finden sie hier

Unter jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren gaben 33,4 Prozent an, regelmäßig Alkohol zu trinken. Auch in dieser Altersgruppe ist gegenüber 2004 (43,6 Prozent) ein leichter Rückgang zu verzeichnen. Das "Rauschtrinken" stieg allerdings wieder an, gut ein Drittel aller Alkoholkonsumenten der Jugendlichen (37,8 Prozent) gab an, es mit dem Alkoholkonsum des Öfteren übertrieben zu haben (2016: 32,8 Prozent). 

Die Zahl der Jugendlichen, die mit akuter Alkoholvergiftung im Krankenhaus behandelt werden mussten, lag 2014 bundesweit bei 22 628 Fallen und ist damit mehr als doppelt so hoch wie noch im Jahr 2000. 

Jungs trinken mehr als Mädchen

Deutlich macht die Studie aber auch, dass wesentlich mehr mannliche Jugendliche regelmaßig Alkohol trinken als weibliche. Im Jahr 2014 lag die Differenz zwischen beiden Geschlechtern bei rund 17 Prozentpunkten.

Weltweit gilt bei mehr als 35 Prozent aller Todesfalle unter jungen Mannern im Alter von 15 bis 29 Jahren Alkohol als Ursache.

bunt statt blau: Eine Aktion der DAK

Bei „bunt statt blau – Kunst gegen Komasaufen“, einer Aktion der DAK, sind zum elften Mal Schülerinnen und Schüler zwischen zwölf und 17 Jahren aufgerufen, mit Plakaten kreative Botschaften gegen das Rauschtrinken zu entwickeln. An ihr nahmen seit dem Jahr 2010 über 100 000 junge Künstler teil. Wie geplant sollen auch in diesem Jahr Bundes- und Landessieger des Kreativwettbewerbs gekürt werden – Corona bedingt aber später als sonst. „Da sich bereits viele Schülerinnen und Schüler angemeldet und oft auch ihre kreativen Werke begonnen haben, soll durch diese Maßnahme das bisher Geleistete nicht umsonst gewesen sein“, sagt Jörg Müller von der DAK-Gesundheit in Schweinfurt. Deshalb wurde der Einsendeschluss in diesem Jahr auf den 15. September verschoben. Weitere Informationen gibt es unter www.dak.de/buntstattblau.
Quelle: DAK



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