Haßfurt

Haßbergler können und wollen auf ihre Pkw nicht verzichten

Umfrage: Über 90 Prozent der Teilnehmer sehen derzeit keine echte Alternative zu ihrem fahrbaren Untersatz. Die viel gepriesenen Mitfahrbänke scheinen ein Flop zu sein.
Mitfahrbänke wie hier in Römershofen könnten dazu beitragen, dass weniger Menschen alleine im Pkw unterwegs sind. Doch noch finden die Bänke nicht allzu großen Anklang. Wird sich das ändern?
Foto: René Ruprecht | Mitfahrbänke wie hier in Römershofen könnten dazu beitragen, dass weniger Menschen alleine im Pkw unterwegs sind. Doch noch finden die Bänke nicht allzu großen Anklang. Wird sich das ändern?

Ohne privaten Pkw geht im Landkreis Haßberge so gut wie nichts. Das ist ein zentrales Ergebnis der Umfrage dieser Redaktion zum Thema Mobilität: Offenbar sieht kaum ein Kreisbewohner (95 Prozent der Befragten) in seinem Umfeld die Möglichkeit geschaffen, ohne eigenen fahrbaren Untersatz verlässlich von A nach B zu kommen, was auch als Kritik an der Verkehrspolitik und dem Öffentlichen Personennahverkehr im Landkreis zu werten ist. Andererseits, das ist ebenfalls eine wichtige Erkenntnis: 60 Prozent der Umfrageteilnehmer wären sowieso nicht oder kaum bereit, ihren Wagen im Sinne von Klima- und Umweltschutz in der Garage zu lassen.

Gleich vorweg: Die Umfrage ist nicht repräsentativ. Zwar genügt die Zahl von 179 ausgefüllten Online-Fragebögen durchaus, um die Überzeugungen und Einstellungen der gut 85 600 Menschen im Haßbergkreis realistisch widerzuspiegeln. Jedoch bieten die anonymisierten Antworten keine Gewähr dafür, dass sie etwa bezüglich Alter oder Geschlecht der Zusammensetzung der Gesamtbevölkerung entsprechen. Auch den für die persönlichen Überzeugungen sicher wichtigen Unterschied, ob jemand aus dem verkehrstechnisch besser erschlossenen Maintal oder einem abgelegenen Steigerwalddorf kommt, hat die Umfrage nicht erfasst.

Fremde mitnehmen oder zu Fremden einsteigen? Nein!

Nichts desto trotz lassen die Rückmeldungen der Leser Schlüsse zu, insbesondere dort, wo die Antworten eindeutig sind: Das betrifft ausgerechnet ein Projekt, für das sich der Landkreis Haßberge zuletzt selbst auf die Schulter geklopft hat: die Mitfahrbänke. Erst kürzlich hat die Gemeindeallianz "Main & Haßberge" 40 solche Standorte eingeweiht, an denen sich Bürger, die gerne im Auto mitgenommen werden wollen, und jene, die dazu bereit, treffen. Doch nicht einmal jeder zehnte Befragte kreuzte bei der Frage, ob er auf diese Weise eine Mitfahrgelegenheit bieten würde, das "Ja" an, etwa nur jeder Vierte könnte es sich zumindest vorstellen ("eher ja").

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Umgekehrt will die Mehrheit gar nicht erst auf einer Mitfahrbank Platz nehmen. Auf 105 Fragebögen heißt es dazu entschieden "nein", zusammen mit den "Eher-Nein-Stimmen" summiert sich die ablehnende Haltung auf 86 Prozent. Was auf einem der Fragebögen vermerkt ist, bringt es offenbar auf den Punkt: "Ich würde nicht zu fremden Menschen einsteigen und auch Fremde eher nicht mitnehmen - schon gar nicht jungen Mädchen dazu raten."

Im Haßbergkreis: Auf sechs Erwachsene kommen fünf Autos

Wie die Kommentare zur Umfrage zeigen, ist den Haßberglern bewusst, dass sie in einem Flächenlandkreis leben, der sich schwer tut mit einem wirtschaftlich tragfähigen Mobilitätskonzept jenseits des Individualverkehrs, das allen Bedürfnissen gerecht wird. Das eigene Auto als Fortbewegungsmittel Nummer Eins steht nicht zur Debatte, was sich in den Kfz-Zulassungszahlen widerspiegelt: Im Bundesdurchschnitt kommen 569 Pkw auf 1000 Bürger. Im Haßbergkreis, wo gegenwärtig laut Landratsamt gegenwärtig knapp 58 500 Pkw gemeldet sind, errechnen sich 693 Pkw pro 1000 Einwohner. Anders ausgedrückt: Zwischen Bundorf und Prölsdorf, Gädheim und Roßstadt "teilen sich" sechs Volljährige aller Altersklassen fünf Personenkraftwagen. "Ich wohne im Dorf und habe drei Kinder. Ohne Auto bist du hier aufgeschmissen. Es gibt keinen Bäcker, keinen Metzger, nichts", klagt eine Mutter oder ein Vater. Ein anderer Befragter macht auf die großen Schwierigkeiten aufmerksam, die Jugendliche ohne Führerschein und eigenes Auto haben, zum Ausbildungsplatz zu kommen. Aber auch Kritik daran wird laut, dass bezüglich der Verkehrsinfrastruktur "alles fürs Maintal", aber "nichts für das Hinterland" getan werde. 

Der Klassiker: das eigene Auto. Darauf setzen die Haßbergler auch vor allem, wenn es um umweltfreundlichere Fortbewegung geht. Sie hoffen auf Antriebe, die die Verbrennungsmotoren ersetzen.
Foto: René Ruprecht | Der Klassiker: das eigene Auto. Darauf setzen die Haßbergler auch vor allem, wenn es um umweltfreundlichere Fortbewegung geht. Sie hoffen auf Antriebe, die die Verbrennungsmotoren ersetzen.

Keine Mehrheit für den Kleinbus-Verkehr von Tür zu Tür

In diesem Zusammenhang mag es erstaunen,  dass die Bereitschaft, Fahrgemeinschaften zu bilden, nicht besonders ausgeprägt zu sein scheint. 60 Prozent der Befragten können sich gar nicht oder schwer  vorstellen, einen Nachbarn, einen Arbeitskollegen oder eine dritte Person bei sich einsteigen zu lassen. Nur jeder zehnte hat damit offenbar überhaupt kein Problem. Selbst mit Kleinbussen, die außerhalb des regulären ÖPNV-Linienverkehrs die Bürger von Tür zu Tür oder zur nächsten Anschlussmöglichkeit befördern, kann sich keine Mehrheit der Befragten anfreunden. Dabei sind solche Ecobusse im ländlichen Raum bereits im Einsatz, wie interessierte Landkreisbürger im September im Rahmen des Eberner Mobilitätsforums erfahren durften. Im Harz zum Beispiel lässt sie das Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen  im Rahmen eines Pilotprojektes fahren. 

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Auch Mobilitäts-Apps wie "Fahrkreis" gibt es bereits, die sich speziell auf die Belange ländlicher Räume zuschneiden lassen und in erster Linie die Bildungen von Fahrgemeinschaften organisieren, Routen planen und Anschlussmöglichkeiten an den ÖPNV ermitteln. Dass die Haßbergler mit diesen Errungenschaften noch ein wenig fremdeln, zeigt sich daran, dass jeder zehnte Befragte keine Meinung zu den Anwendungen auf Smartphones oder Tablets hat. Trotzdem: Ein Viertel der Teilnehmer würde so eine App nutzen, etwas mehr als ein Viertel nicht. 

Auch der Ausbau des Mobilfunks wird den Verkehr reduzieren

Alles in allem, wie soll es weitergehen in Punkto Mobilität im Landkreis Haßberge? "Es wird keine Verkehrswende geben, wann kapiert ihr links-grünen Idioten es nur endlich", drückt ein Befragter recht rustikal aus, dass für ihn alles bleiben wird wie gehabt. Das indes ist nicht die Mehrheitsmeinung. Viele Teilnehmer der Umfrage bauen darauf, dass Elektro- und Wasserstoffantriebe die Verbrennungsmotoren ersetzen  (79 Nennungen), auch auf dem Ausbau des regulären Bus- und Bahnnetzes ruhen Hoffnungen (48 Nennungen).

Die alternativen Verkehrskonzepte, die private Pkw überflüssig machen, sind lediglich 32 Mal angekreuzt. Mehr Befragte (42) können sich etwas "Anderes" vorstellen. Etwa, Mobilität erst gar nicht nötig zu machen, sondern "mehr Angebote in der Fläche zu schaffen", um nicht immer gezwungen zu sein, das nächstgelegene Zentrum anzusteuern. "Wenn ich wegen jeder Schraube, jedem Arztbesuch, jedem Amtsbesuch nach Haßfurt muss, braucht sich niemand zu wundern, wenn Verkehr entsteht", ist auf einem Fragebogen notiert. Auch der  Ausbau des Mobilfunks ist genannt, damit zum Beispiel Homeoffice verlässlich funktionieren kann. 

Auch kleine Schritte könnten viel helfen

Es muss nicht immer die große Umwälzung sein, die Fortschritt bringt. Auf dem Wunschzettel der Befragten steht zum Beispiel, endlich die Bahnhöfe Ebelsbach-Eltmann und Zeil barrierefrei auszubauen. Und für vernünftige Fahrradabstellmöglichkeiten oder kostenfreie Pendlerparklätze zu sorgen. Selbst in dem Verkehrsknotenpunkt des Landkreises schlechthin, in der Kreisstadt, liegt Einiges im Argen, glaubt man einem Kommentar: In der "sogenannten Smart-Green-City Haßfurt wurde und wird nichts für Radfahrer getan", heißt es hier, weshalb der Kritiker zur Erkenntnis kommt, dass nur Lebensmüde in der Kernstadt aufs Rad steigen.

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