Haßfurt

Igelhilfe: Gut gemeint, schlecht gemacht

Jährlich landen viele Jungigel aus dem Landkreis bei der Tierschutzinitiative Haßberge.  Oft haben sie die Hilfe gar nicht nötig, sie schadet mehr als dass sie nutzt.
Hungrig verlassen die Igelkinder die sichere, warme Unterkunft und stürzen sich auf die vollen Futternäpfe.
Foto: Johanna Heim | Hungrig verlassen die Igelkinder die sichere, warme Unterkunft und stürzen sich auf die vollen Futternäpfe.

Es raschelt, es knackt, und dann ist es fast wieder still. Ab und an sieht man ihn mit kleinen Schritten durch den Garten, die Parks oder am Straßenrand tippeln, zur Zeit sind die Chancen dafür sogar recht hoch. Sobald es dunkel wird, verlässt der Igel seinen Unterschlupf und begibt sich auf die Suche nach Nahrung. Wer Glück hat, hört ihn abends leise schmatzen. Auf seinem Speiseplan stehen nicht nur Insekten und Würmer, sondern auch Mäuse und Vogeleier. Der stachlige Heckenbewohner stellt jedoch Jahr für Jahr einige Leute vor ein Problem, das eigentlich überhaupt keines ist.

Falsche Vermutung hält sich

Denn: Die allermeisten Igel sind nicht auf Hilfe angewiesen, viel mehr schadet es ihnen, wenn sie aus dem eigenen Revier entfernt werden. Gesunde Igel mit ausreichendem Gewicht kommen in freier Wildbahn gut zurecht. Britta Merkel ist Vorsitzende der Tierschutzinitiative Haßberge und Leiterin des Tierheims in Zell am Ebersberg. Sie erklärt, dass sich in der Bevölkerung oft die falsche Vermutung hält, dass die jungen Igel, die im Herbst unterwegs sind, zu klein und zu leicht sind – es deswegen nicht durch den Winter schaffen. Das stimmt allerdings nur bedingt, denn die stacheligen Heckenbewohner werden noch bis Ende September geboren. Kleine Igel im Herbst sind also keine Seltenheit, sondern etwas ganz normales.  "Genau das macht es schwierig für uns – wenn die Leute die halbstarken Igel rumsitzen sehen und denken: Das ist viel zu schwach und viel zu klein, das Igelchen", erklärt die Tierheimleiterin.    

Britta Merkel, Leiterin der Tierschutzinitiative Haßberge, kümmert sich täglich um ihre stacheligen Schützlinge.
Foto: Johanna Heim | Britta Merkel, Leiterin der Tierschutzinitiative Haßberge, kümmert sich täglich um ihre stacheligen Schützlinge.

Sie erläuert, dass die Igelkinder mit circa 80 Gramm das erste Mal die Augen öffnen. "Die Kleinen sind dann ungefähr so groß wie ein Feuerzeug, aber natürlich ein bisschen dicker. Und sobald die Igel ein Gewicht von rund 300 Gramm erreichen, sind sie schon mal verstreut unterwegs." Auf ihren ersten Erkundungstouren lernen die Tiere, wie sie Nester bauen oder welche Beute sie fressen können - die Schule für Igel sozusagen. Und darin birgt sich die Problematik, dass sich Leute sorgen, "wenn sie sehen, wie ein Jungigel einzeln rummarschiert," so Merkel. Auch dass besorgte Leute einen ganzen Wurf mit einem halben Dutzend Igelkindern im Tierheim abgegeben haben, ist bereits vorgekommen. Nicht abgegeben haben die fehlinformierten Igelfreunde allerdings das Muttertier. "Das ist schlimm, wenn die Mutter deswegen draußen herumläuft und ihre Babys sucht", ärgert sich Merkel. 

Wer einen einzelnen Igel sieht, sollte ihn wenn möglich nicht auflesen. Auch dass die jungen Tiere während des Tages und nicht nur in der Dämmerung unterwegs sind, ist normal – sie suchen nach Nahrung. Trotzdem gilt: Igel sind Einzelgänger. Ältere Tiere sind alleine unterwegs,  nur zur Paarungszeit suchen die kleinen Säugetiere die Gemeinschaft mit anderen Artgenossen. Eine Ausnahme gibt es nur bei dem aktuellen Nachwuchs, der sobald er alt genug ist, mit dem Muttertier auf Nahrungssuche geht.

Hilfsbedarf ist witterungsabhängig

Igelkinder, die momentan in Wald und Wiese unterwegs sind, sollten ein Gewicht von rund 300 Gramm aufwärts haben. Bis das stachelige Säugetier dann in den Winterschlaf verfällt, sollte sich sein Gewicht im Idealfall verdoppelt haben. Einen speziellen Zeitpunkt, ab dem es für den Igel gefährlich hinsichtlich seines Körpergewichts für den Winterschlaf wird, gibt es nicht. Merkel weist jedoch auf die Witterungsbedingungen hin: "Wenn wir eine Dauerfrostphase oder eine geschlossene Schneedecke haben, dann ist es die Zeit, bei der man sagt: Alles unter 500 Gramm kann zum Aufpäppeln und Überwintern abgegeben werden." 

Dieses Igelkind ist mit rund 100 Gramm deutlich unterernährt.
Foto: Johanna Heim | Dieses Igelkind ist mit rund 100 Gramm deutlich unterernährt.

Momentan befinden sich 14 Igelkinder in der Obhut der Tierschutzinitiative – und jeder stachlige Schützling bringt Kosten und Arbeit mit sich. Zwei mal täglich muss Britta Merkel die Findelkinder füttern, sofern es schlecht um deren Gewicht steht. In Extremfällen greift Merkel alle zwei Stunden zur Flasche mit einer speziellen Aufzuchtmilch. Die Leiterin appelliert an unwissende Igelliebhaber: "Die Aufzuchtmilch gibt es nur beim Tierarzt, nicht in den Supermärkten!" Fressen die Findelkinder ordentlich und legen entsprechend an Gewicht zu, reduziert sich die Fütterung auf ein einziges Mal pro Tag. Um alle hungrigen Igelmäuler zu stopfen, entstehen pro Monat Kosten von bis zu 140 Euro. 

Merkel weist auf ein weiteres Problem hin – unwissende Igelliebhaber verfüttern an die kleinen Säugetiere oft das falsche Futter. "Viele Leute denken noch an das Bild aus den Kinderbüchern von früher, ein Igel mit einem Apfel auf dem Rücken. Das ist falsch." Igel sind Beutegreifer. Das bedeutet, dass sie reine Fleischfresser sind. "Am Apfel nagt er nur, wenn er die Würmer darin haben möchte", ist die Tierheimleiterin überzeugt.

Milch ist tödlich für den Igel

Wer einen hilfsbedürftigen Igel aufliest, soll weder Obst noch Milch verfüttern. Vor allem letzteres ist für das Tier extrem gefährlich, da es Lactose nicht verträgt. Die Folge: Der Igel bekommt Durchfall, der tödlich enden kann. Auch Katzentrockenfutter ist tabu – das Tier kann das harte Futter nicht verarbeiten. Besser geeignet sind ungewürzte Rühreier, gekochtes Geflügelfleisch oder hochwertiges Katzendosenfutter.

Dieser Igel scheint zu überlegen, ob er den anderen zum Futternapf folgen soll.
Foto: Johanna Heim | Dieser Igel scheint zu überlegen, ob er den anderen zum Futternapf folgen soll.

Ob der Igel ernsthaft krank ist, lässt sich aus mehreren Merkmalen ablesen. Merkel erklärt: "Wenn er sich nicht einrollt, ist das ein Alarmsignal. Auch wenn er sehr kalt ist, hin und her schaukelt oder eingefallen aussieht." Ist letzteres der Fall, ähnelt die Form des Igels der einer Birne. "Man sieht das auch aus der Entfernung. Wer sich nicht sicher ist, kann den Igel anstupsen", rät die Leiterin des Tierheims. "In der Regel fauchen die Tiere dann."

So helfen Sie richtig

Damit der Igel sicher durch die kalte Jahreszeit kommt, können Gartenbesitzer auf die richtige Art und Weise helfen. "Beispielsweise mit einem naturnahem Garten oder Überwinterungsquartieren wie Laub-, Stein- oder Holzhaufen", erklärt Merkel. Tierliebhaber können außerdem Futternäpfe aufstellen – allerdings mit der richtigen, igelverträglichen Nahrung. Kommt der Jungigel gut durch den Winter, winken ihm normalerweise noch einige schöne Jahre. Die durchschnittliche Lebenserwartung des Tieres liegt bei bis zu vier Jahren – einige Igel können aber auch doppelt so alt werden.

Wer einen hilfsbedürftigen Igel gefunden hat, erreicht das Tierheim unter der Telefonnummer 09529/9519450. Wer das Tierheim mit Spenden materiell oder finanziell unterstützen möchte, findet weitere Informationen dazu auf der Internetseite der Tierschutzinitiative: www.tierheim-hassberge.de

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