Altenstein

Läuten per Fernbedienung: Neue Glocken für Altensteiner Kirche

Weil die alten Glocken schadhaft waren, hängen im Kirchturm des Maroldsweisacher Ortsteils jetzt neue Exemplare aus Bronze - und die lassen sich per WLAN steuern.
Sieht man nicht alle Tage: Am Haken eines Teleskopladers wird eine der neue Glocken am Fenster von Nachbarin Elfi Welz vorbei auf den Altensteiner Kirchturm gehievt.
Sieht man nicht alle Tage: Am Haken eines Teleskopladers wird eine der neue Glocken am Fenster von Nachbarin Elfi Welz vorbei auf den Altensteiner Kirchturm gehievt. Foto: René Ruprecht

Normal ist in Zeiten der Corona-Krise kaum etwas. Eine etwa 700 Kilogramm schwere Kirchturmglocke vor dem Schlafzimmer baumeln zu haben, ist dennoch außergewöhnlich - auch für Elfi Welz. Die Bewohnerin des Hauses direkt neben der Kirche in Altenstein bei Maroldsweisach hat diesen Moment jedoch herbeigesehnt. Seit 37 Jahren wohnt sie nur wenige Meter unterhalb des Kirchturms, das Läuten gehörte seit jeher zu ihrem Alltag. Einige Wochen musste sie auf den Klang verzichten, die drei Glocken wurden abmontiert - zwei sollten komplett ersetzt, eine restauriert werden.

Auf die aus Bronze gegossenen Exemplare freut sich nicht nur die Nachbarin, sondern die gesamte Altensteiner Kirchengemeinde und allen voran Pfarrer Stefan Köttig. Bereits seit 2008, als Sachverständige festgestellt hatten, dass die Glocken schadhaft sind, ist das Geläut Thema. Ein solches Projekt will allerdings wohl durchdacht, und vor allem finanziert werden. Etwa 87 000 Euro kostet der neue Sound aus dem Kirchturm. Dafür muss die Kirchengemeinde selbst aufkommen, Finanzspritzen seitens der Kirche gibt es keine - wohl aber von der Modellbau-Firma Treiber, deren Spende knapp zwei Drittel der Kosten gedeckt hatte.

Freuen sich auf den Klang der neuen Glocken: Pfarrer Stefan Köttig (links) und Kirchenvorstand Volker Sauerteig.
Freuen sich auf den Klang der neuen Glocken: Pfarrer Stefan Köttig (links) und Kirchenvorstand Volker Sauerteig. Foto: René Ruprecht

Bereits vierter Satz Glocken in Altenstein

Es ist bereits der vierte Satz Glocken, der nun in Altenstein hängt - erstaunlich viel für eine Kirche, die erst im Jahr 1909 gebaut wurde. Dass die jüngst entfernten Exemplare nach etwa 70 Jahren Dienst schlappgemacht hatten, ist jedoch nicht überraschend. Sie waren aus minderwertigem Gusseisen gefertigt worden, Lufteinschlüsse im Metall machten einen Austausch notwendig. Zuvor waren die beiden Weltkriege der Grund, weshalb die Glocken entfernt worden waren - die Bronze-Modelle wurden eingeschmolzen und für die Rüstungsproduktion verwendet.

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Neue Glocken für Altensteiner Kirche

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"Irgendwie passt es ja, dass die Glocken gerade jetzt erneuert werden", sagt Pfarrer Köttig, als er andächtig nach oben blickt, während Gerd Köhler am Steuer des Teleskopladers die heikle Fracht in luftige Höhen bugsiert. Zwei Weltkriege, nun eine Pandemie - wenn sich im Altensteiner Kirchturm etwas getan hatte, war es stets zu Krisenzeiten. Dass die Feierlichkeiten aufgrund des Virus deutlich kleiner ausfallen müssen, stimmt sowohl Köttig als auch Kirchenvorsteher Volker Sauerteig traurig. Dafür hoffen beide umso mehr, dass der neue Klang darüber hinwegtrösten wird.

400 Jahre Garantie auf Bronze-Glocken

Die kleinste, etwa 400 Kilogramm schwere Glocke wurde lediglich restauriert und mit einem neuen Klöppel versehen. Die mittlere, 616 Kilogramm schwere "Rogate"-Glocke sowie die größte, 926 Kilogramm schwere "Gloria"-Glocke sind komplett neu angefertigt worden. Dass das Trio akustisch überzeugen wird, dessen ist sich Köttig sicher. Schließlich kommen die Glocken mit einem komplett neuen Joch als Aufnahme und einem meterhohen, aus stabilem Eichenholz gefertigten Glockenstuhl. Und sollte etwas nicht passen: Der Hersteller gewährt stolze 400 Jahre Garantie.

Die Glocke ist noch nicht in Position, aber zumindest schon mal im Kirchturm. Glockenbauer Udo Gravermann wird sich nun um die Montage kümmern.
Die Glocke ist noch nicht in Position, aber zumindest schon mal im Kirchturm. Glockenbauer Udo Gravermann wird sich nun um die Montage kümmern. Foto: René Ruprecht

Oben drauf kommt die Neuanschaffung noch mit modernster Technik. Die Zeiten, in denen ein Mesner das Läuten selbst auslösen muss, sind vorbei. Wenn Köttig künftig im Einsatz ist, wird er eine Fernbedienung bei sich tragen - und die Glocken bequem per WLAN auslösen können. "Das ist schon praktisch", sagt Köttig und muss dabei etwas schmunzeln. "Vor allem bei Aussegnungen auf dem Friedhof benötigte es früher feinster Abstimmung mit dem Mesner, um die Zeremonie mit dem Geläut in Einklang zu bringen." Bald braucht der Pfarrer dafür nur noch ein Knöpfchen auf seiner Fernbedienung zu drücken.

Drei Wochen Arbeit für die Glockenbauer

Während Pfarrer Köttig und Kirchenvorsteher Sauerteig das Geschehen vom Boden aus verfolgen, kümmert sich in etwa zwölf Metern Höhe Udo Gravermann mit seinem Kollegen um die Installation. Beide sind gelernte Glockenbauer, auf und in Kirchtürmen herumzuturnen, ist ihr täglich Brot. "Einen Arbeitsplatz mit so einer Aussicht wie hier in Altenstein haben wir auch nicht alle Tage", erzählt Gravermann. "Aber", fügt er lachend hinzu und klopft sich seinen blauen Kittel ab, "wenn es regnet, bist du hier oben ganz schnell nass bis auf die Unterhose."

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Etwa drei Wochen werden die Glockenbauer insgesamt in Altenstein beschäftigt sein. Eine Woche für die Demontage, eine für den neuen Glockenstuhl, eine für die Installation der neuen Glocken. Wie gut, dass die Handwerker währenddessen den Blick in die Haßberge genießen können - wenngleich es nicht einmal die spektakulärste Baustelle Gravermanns ist. "Ich habe vor ein paar Jahren eine Glocke für den Präsidenten von Madagaskar installiert", sagt er. "Aber das ist eine längere Geschichte." Gravermann hat wenig Zeit, die nächste Glocke am Haken von Köhlers Teleskoplader ist im Anmarsch.

Etwas Herumwuchten und einige Handgriffe später sind die drei Glocken zwar noch nicht installiert, aber zumindest alle im Turm. Unter Applaus haut Gravermann mit dem Hammer gegen ein Exemplar und setzt zum Richtspruch an: "Ziehet, ziehet, hebt! Sie bewegt sich, schwebt. Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute." Geschafft, zumindest fürs erste, die Handwerker lächeln. "Den Spruch haben aber nicht wir erfunden, der ist aus Schillers 'Glocke'."

"Ziehet, ziehet, hebt! Sie bewegt sich, schwebt. Freude dieser Stadt bedeute, Friede sei ihr erst Geläute."
Richtspruch der Glockenbauer aus Friedrich Schillers "Lied von der Glocke"

Ein paar Tage wird es noch dauern, bis die neuen Modelle voll einsatzfähig sein werden. Die Glockenbauer müssen die bronzenen Kawenzmänner noch exakt ausrichten, befestigen und die Elektroinstallation vornehmen. Pünktlich zum Pfingstsonntag soll aber alles funktionieren und die neuen Glocken zum ersten Mal durch ganz Altenstein schallen, erzählt Pfarrer Köttig. Auch Nachbarin Elfi Welz kann es kaum erwarten.

Schöne Baustelle: Eine Luftaufnahme des Kirchturms in Altenstein. Das Gerüst am Fuße des Turms dient den Glockenbauern als Arbeitsplattform, durch den eigens herausgestemmten Schlitz im Mauerwerk werden die Glocken per Teleskoplader gehievt.
Schöne Baustelle: Eine Luftaufnahme des Kirchturms in Altenstein. Das Gerüst am Fuße des Turms dient den Glockenbauern als Arbeitsplattform, durch den eigens herausgestemmten Schlitz im Mauerwerk werden die Glocken per Teleskoplader gehievt. Foto: René Ruprecht

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