Hofheim

Landrat zum Netzausbau: "Irgendwo hat Solidarität Grenzen"

Beim „Bürgerdialog Stromnetz“ in Hofheim stießen vorbehaltlose Befürworter der Energienwende auf Skeptiker, die Nachteile für die Menschen vor Ort fürchten.
Energiewende - Stromtrasse       -  _
Foto: Jens Büttner (dpa-Zentralbild)

Die Stromproduktion aus erneuerbaren Energien ist in Deutschland auf einen neuen Höchststand geklettert. Im ersten Halbjahr 2018 wurden nach Berechnungen des Energiekonzerns E.On 104 Milliarden Kilowattstunden Strom von Wind- und Solaranlagen sowie Wasserkraft- und Biomasseanlagen erzeugt. Nicht erfasst ist der Strom aus privaten Photovoltaikanlagen, der direkt verbraucht und nicht ins Netz eingespeist wird.

Je höher der Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix ist, desto mehr muss das Stromnetz angepasst werden. War es bislang auf die Einspeisung aus vergleichsweise wenigen Kraftwerken zugeschnitten, muss es nun viele neue, oftmals weit von den Stromverbrauchern entfernte Energiequellen einbeziehen. Das Stromnetz muss zudem in der Lage sein, regionale Schwankungen auszugleichen, die bei der Stromerzeugung aus Wind und Sonne naturgemäß auftreten.

Damit der Strom weiter überall hinkommt, wo er gebraucht wird, muss die Netzinfrastruktur modernisiert und verstärkt werden. Reicht dies nicht aus, müssen neue Stromleitungen und technische Anlagen, etwa Konverter oder Umspannwerke, gebaut werden.

Um Bürger in die Diskussion um den Netzausbau und die Energiewende einzubinden, veranstaltete der „Bürgerdialog Stromnetz“ am Montag eine Diskussionsveranstaltung im Haus des Gastes in Hofheim. Gastredner war der frühere Bundestagsabgeordnete der Grünen Hans-Josef Fell. Dieser verwies in seinem Vortrag darauf, dass die Weltgemeinschaft zu 100 Prozent auf erneuerbare Energien umsteigen müsse, um den Klimawandel und damit einhergehende Stürme, Umweltschäden und Noternten zu verhindern.

Studie sieht Kostenvorteil beim Ökostrom

Laut einer Studie der „Energy Watch Group“ ist die komplette Stromgewinnung aus erneuerbare Energien weltweit machbar und kostengünstiger als das konventionelle System von heute. Der Anteil erneuerbarer Energien könnte mit politischer Unterstützung sehr schnell wachsen. So würde das mittelamerikanische Costa Rica bereits 100 Prozent seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien decken. China habe weltweit die Führungsrolle bei den erneuerbaren Energien übernommen.

In Bayern decke dagegen der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht die Abschaltung der Atomkraft. Ein Grund dafür sei die massive Drosselung der Windenergie durch das 10H-Gesetz. Eine Kampagne gegen erneuerbare Energien, organisiert von Kohle- und Atomlobby, argumentiere darüber hinaus mit falschen Argumenten, behauptete Fell. So seien erneuerbare Energien zu teuer und hoch subventioniert, trieben den Strompreis in die Höhe, jagten Industrie aus dem Land oder verursachten Stromausfälle.

Die Realität sei jedoch eine andere, stellte Fell fest: Photovoltaik und Windstrom seien jetzt auch in Deutschland günstiger als Kohle und Erdgas. Durch den Ökostromausbau werde die Netzstabilität zudem gefestigt. Als einen Vorreiter im Bereich der erneuerbaren Energien bezeichnete Fell die Stadtwerke Haßfurt, die 195 Prozent des Strombedarfs der Stadt Haßfurt deckten. Trotz dezentraler Lösungen wie in Haßfurt bräuchte Bayern dennoch eine Nord-Süd-Stromtrasse, um Windenergie vom Norden nach Süden zu transportieren, und umgekehrt Photovoltaik-Strom von Süden nach Norden.

Auch Martin Lips von der Bundesnetzagentur in Bonn betonte, dass Bayern auf Stromimporte angewiesen sei. Es gebe im Strombedarf in Deutschland ein Nord-Süd-Gefälle, weshalb ein Netzausbau unumgänglich sei. Der neue sogenannte Szenariorahmen berücksichtige das angestrebte Ziel eines Anteils von 65 Prozent erneuerbarer Energien im Jahr 2030. Nach diesem Rahmen werde auch der Netzausbau vorangetrieben.

In der anschließenden Podiumsdiskussion sprach sich Landrat Wilhelm Schneider dafür aus, die Lasten gleich zu verteilen. Es könne nicht sein, dass Schweinfurt und Umgebung 25 Prozent der Lasten tragen. Im Landkreis Haßberge gebe es bereits eine 380-Kilovolt-Leitung. „Wir sind ländlich geprägt und leben von unberührter Natur. Eine weitere 380-KV-Leitung zerstört unseren Lebensraum und den Tourismus. Irgendwo hat Solidarität Grenzen“, sagte Schneider und erntete dafür den Applaus des Publikums.

Fell: „Trasse abseits der A 7 ist ein Fehler“

Hans-Josef Fell bemängelte den Szenariorahmen, der 65 Prozent erneuerbare Energien bis 2030 vorsieht. „Nur ein Szenario mit 100 Prozent erneuerbarer Energien bis 2030 macht Sinn“, sagte der Grünen-Politiker. Zudem sei eine Trassenführung, die nicht parallel zur Autobahn A 7 läuft, ein Fehler. „Zwei Millionen Elektroautos wollen in Zukunft schnell geladen werden“, begründete Fell seine Meinung.

Martin Lips von der Bundesnetzagentur entgegnete Fell, dass ein Szenario von 100 Prozent erneuerbarer Energien bis 2030 nicht funktionieren werde. Neue Stromnetze müssten in Kauf genommen werden. Fell erwiderte, dass es bereits heute einen Stromüberschuss in Deutschland gebe aufgrund der mit Braunkohle befeuerten Stromkraftwerken.

Landrat Schneider machte sich für die Speichertechnologie stark. Sie werde stiefmütterlich behandelt. „Haßfurt macht?s uns doch vor“, sagte er.

Richard Bethmann aus Grafenrheinfeld, der seit 40 Jahren beruflich mit Stromnetzen befasst ist, schlug in dieselbe Kerbe. Stromspeicher würden den Netzausbau ersparen, meinte er. Was fehle, sei der politische Wille und der gleichzeitige Lobbyismus der fossilen Branche, der nicht zum Vorteil der Allgemeinheit sei. Fell schlug vor, das EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) zu novellieren: Nur derjenige sollte eine Vergütung von 10 Cent pro Kilowattstunde erhalten, der gleichzeitig in einen Stromspeicher investiert. Die Speicherkosten würden dann schnell sinken. In der Ukraine sei er dabei schon auf offene Ohren gestoßen, in Deutschland noch nicht. Dennoch gebe es einen Wermutstropfen: Der Leitungsausbau und ein Nord-Süd-Link seien dennoch nötig.

Hofheims Bürgermeister Wolfgang Borst sah im massiven Protest der Bevölkerung einen Hemmschuh der Energiewende. Der ursprüngliche Plan, den Haßbergkreis energieautark zu machen, sei an den Protesten und der Gesetzgebung (10H-Regelung) gescheitert.

Solarpark Freiberg       -  _
Foto: Matthias Rietschel (dapd)
10. Offshore Konferenz «Windforce»       -  _
Foto: Ingo Wagner (dpa)
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