Bamberg

Machtmissbrauch gegen Männer: Erzbischof Schick startet Aufarbeitung

Erzbischof Ludwig Schick bricht ein Tabu auf, das oftmals mit Schuldgefühlen und Scham einhergeht: Machtmissbrauch gegen Männer in der Kirche.
Foto: Erzbischöfliches Ordinariat Bamberg/EOB | Erzbischof Ludwig Schick bricht ein Tabu auf, das oftmals mit Schuldgefühlen und Scham einhergeht: Machtmissbrauch gegen Männer in der Kirche.

Natürlich muss irgendjemand die Toiletten im Kloster putzen. Für diese Aufgabe hat der Obere den jungen Ordensbruder Antonius Pawlik (Name geändert) auserkoren. Und zwar mit der geistlichen Begründung: Damit er als der Jüngste demütiger wird.

Bruder Antonius fügt sich zähneknirschend. Nicht weil er sich zu fein zum Toilettenputzen ist, sondern weil der Obere ihm unterstellt, weniger demütig zu sein als die älteren Mitbrüder. Er reibt sich an der Tatsache, dass der Obere diese Aufgabe spirituell statt sachlich begründet. Dass dieser seine Macht ausspielt und das Gehorsamsgelübde heranzieht, um ihn gefügig zu machen.

Spiritueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt, Grenzverletzung und Übergriffigkeit sind Phänomene in der Kirche, die bisher als Betroffenen Frauen, Kindern und Jugendlichen zugeschrieben wurden. Dass es auch Machtmissbrauch gegen Männer in der Kirche gibt, scheint zunächst abwegig zu sein. Steht diese Institution wie keine andere für eine „Männergesellschaft“, für ein durchaus männerbündisches Miteinander, in der alle wichtigen Positionen von Männern bekleidet sind.

Machtgier und Ehrgeiz

Und doch „ist in der Kirche das Problem Machtmissbrauch von Männern gegen Männer genauso vorhanden wie in der Gesellschaft insgesamt“, sagt Erzbischof Ludwig Schick im Gespräch mit dieser Redaktion. Amtsträger missbrauchten ihre Macht für ihre „Machtgier, ihre Habgier und ihren Ehrgeiz“.

Für Machtgier stehe meist das Wort „Mobbing“, für Habgier „Korruption“, für Ehrgeiz „Karrieresucht mit Ellbogenverhalten“: „All das gibt es in der Kirche auch, es wurde aber nicht oder kaum thematisiert“, beklagt der Erzbischof. Nur wenn konkrete Fälle von Finanzskandalen, sexuellem Missbrauch oder auch Amtsmissbrauch aufgetreten seien, „war das Thema virulent“.

Nun hat Erzbischof Schick als Beauftragter für Männerseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) die Initiative ergriffen und einen Prozess der Aufarbeitung gestartet. Das Tabu „Machtmissbrauch gegen Männer“ solle ins Bewusstsein gebracht, wahrgenommen und ernstgenommen werden.

Online-Konferenz

Auftakt bildete vor wenigen Tagen eine Online-Konferenz mit knapp 100 Teilnehmern, die die Kirchliche Arbeitsstelle Männerseelsorge der DBK organisiert hatte. Erfahrungsberichte von Betroffenen und Expertenansichten wurden gehört. „Männer kommen bei erlittenem Machtmissbrauch wesentlich schwieriger aus sich heraus“, betont Erzbischof Schick. Deshalb sei diese Veranstaltung ein wichtiger Schritt aus der Tabuzone.

Denn weil vor allem Männer die Leitungsfunktionen innehaben, kämen Männer in abhängigen Positionen oft nicht genügend in den Blick. Über die Arbeitsverhältnisse in der Kirche hinaus gebe es auch Vereine und Gruppen, Orden und geistliche Gemeinschaften, in denen Männer über Männer Autorität und Macht haben.

Machtmissbrauch in der Kirche sei durch zwei Besonderheiten begünstigt, so Schick. Einmal das Selbstbildnis der Kirche, das besage: „Bei uns ist es doch nicht so. Wir sind doch alle Brüder.“ Mit diesem Selbstbildnis betrüge man sich, wenn man nicht selbstkritisch aufpasse. Die zweite Besonderheit sei, dass Männer mit Leitungsfunktion in der Kirche ihre Autorität und Vollmacht von Gott oder Jesus Christus ableiten. Darüber hinaus hätten sie den Auftrag und Anspruch, etwas Höheres und Göttliches, das Reich Gottes, das Evangelium, die Kirche Jesu Christi voranzubringen.

Gehorchen, Demut, Leiden

Auf der anderen Seite stünden die untergebenen Männer, die „die höhere Autorität im Geist der Nachfolge Jesu annehmen müssen, wozu Sich-Unterordnen, Gehorchen, Demut und auch Leiden gehören“, erklärt der Erzbischof. Wenn diese Männer von Machtmissbrauch betroffen seien, machten sie es deshalb nicht offenbar, manchmal seien sie sich ihrer Leiden nicht einmal bewusst.

„Macht muss kontrolliert werden, alle Amtsträger müssen in Teams gebunden sein, die ein regelmäßiges Feedback geben“, nennt Männerseelsorger Schick eine Konsequenz, um Machtmissbrauch gegen Männer zu verhindern. Und: „Wahrhaftigkeit und Transparenz bei jeder Amtsführung sind gefordert. Seilschaften, Männerbünde und Klüngel – Quellen des Machtmissbrauchs – sind mit der Botschaft Jesu unvereinbar.“

Zwar verbiete das Kirchenrecht Machtmissbrauch für das eigene Fortkommen oder Karrierestreben, für den Ehrgeiz und für die Selbstbereicherung. Doch die Kontrollmechanismen und die Sanktionen „sind sehr ausbaufähig, hier muss das Kirchenrecht nachgebessert werden. Vor allem ist das Strafrecht im Kirchenrecht sehr unterentwickelt“, betont Erzbischof Schick, der viele Jahre als Professor Kirchenrecht an der Universität Fulda gelehrt hat.

Sanktionen ausbaufähig

Jetzt ist er als Erzbischof selbst mit Machtfülle ausgestattet und muss sich zugleich dem Machtwort des Papstes beugen. „Sind Sie also zugleich Täter und Opfer?“ fragt ihn unsere Zeitung. Die Antwort kommt prompt: „Ich bin weder Opfer noch Täter!“ sagt Schick nachdrücklich. Der kirchliche Gehorsam sei ein „kanonischer, dialogischer Gehorsam zwischen Papst und Bischöfen, Bischöfen und Priestern, und kein Kadavergehorsam“.

Gehorsam könne nur im Rahmen des Rechts gefordert werden, „wobei auch die Moral unabdingbar einzuhalten ist“, sagt der Erzbischof. Und räumt ein, dass auch bischöfliches Schweigen in Fällen, in denen objektiv ein Machtwort gegen Unrecht und Machtmissbrauch nötig wäre, es aber nicht ausgesprochen wird, „ein Verstoß gegen das Recht und zugleich ein moralisches Versagen ist, das muss noch viel deutlicher in allen Bereichen der Kirche klar benannt werden“.

Konkrete Hilfen

Es sei wichtig, die Fallstricke des Machtmissbrauchs aus Machtgier, Habgier und Ehrgeiz aufzudecken und die Instrumente zu schärfen, die Machtmissbrauch verhindern. Dazu gehören nach Schicks Worten kirchenrechtliche und moralische, aber auch psychologische und soziologische Maßnahmen und konkrete Hilfen: „Gegen Machtmissbrauch helfen außerdem die gute Auswahl von Amtsträgern, die ständige Begleitung und Weiterbildung.“

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