KREIS HASSBERGE

MS-Gruppe: Anderen Betroffenen Mut machen, nicht jammern

Gegenseitig beistehen: Mitglieder der Multiplen Sklerose Selbsthilfegruppe (MS-Selbsthilfegruppe) Haßberge (hinten von links) Leiterin Rosemarie Pischel, Doris Ammon, Manuela Dirschbacher, Doris Kümmel, (vorne von links) Karin Hierling, Edi Gerber, Angelika Kestler.
Foto: Michael mösslein | Gegenseitig beistehen: Mitglieder der Multiplen Sklerose Selbsthilfegruppe (MS-Selbsthilfegruppe) Haßberge (hinten von links) Leiterin Rosemarie Pischel, Doris Ammon, Manuela Dirschbacher, Doris Kümmel, (vorne von ...

„Es ist eine Krankheit mit 1000 Gesichtern.“ Wenn Rosemarie Pischel über Multiple Sklerose, kurz MS, spricht, weiß sie, wovon sie redet. Fast die Hälfte ihres Lebens kämpft die 60-Jährige aus Buch mit den Auswirkungen der Krankheit. Seit 13 Jahren leitet sie die MS-Selbsthilfegruppe Haßberge. Es ist eine der ältesten Selbsthilfegruppen im Landkreis, seit 25 Jahren gibt es die Gruppe. Das erste Treffen war am 6. Juli 1988 in Westheim.

Störungen des Sehvermögens, des Gleichgewichts oder des Gedächtnisses, Inkontinenz, Schweregefühl sind nur ein Teil der möglichen Auswirkungen von MS. Die Symptome sind sehr unterschiedlich, entsprechend schwierig ist es anfangs, die Krankheit zu erkennen. Sie ist die am häufigsten auftretende organische Nervenkrankheit und kann Menschen aus jeder Altersgruppe treffen, meist bricht sie im Alter zwischen 20 und 40 Jahren aus. Zwei Drittel der Betroffenen sind Frauen. Ärzte schätzen die Zahl der MS-Kranken in Deutschland auf 130 000 bis 180 000.

Wie viele davon im Haßbergkreis leben, ist Pischel nicht bekannt. Ihre Zahl wird nicht erfasst. Rund 15 MS-Kranke treffen sich jeden zweiten Mittwoch im Monat in der Selbsthilfegruppe. „Das Zwischenmenschliche steht bei uns im Vordergrund“, sagt Gruppenleiterin Pischel und ergänzt: „Es geht nicht darum, nur zu jammern. Wir wollen voneinander mitbekommen, wie andere ihr Leben meistern – trotz MS.“ Dazu wird die Krankheit während der Treffen bewusst ausgeblendet. Ausflüge und durchaus heitere Gesprächsthemen erleichtern dies.

Wichtig seien nicht nur praktische Tipps, die regelmäßig auch Referenten in die Gruppe tragen. Mut machen, sich und sein Leben nicht aufzugeben – das ist laut Pischel mindestens ebenso wichtig. Denn: „Menschen, die mit MS leben müssen, sind oft auch psychisch belastet.“ Zwar sind die Symptome der nicht heilbaren Krankheit mittlerweile medizinisch gut behandelbar, deren Auswirkungen verändern das Leben der Betroffenen dennoch radikal. Partnerschaften müssen beispielsweise neu definiert werden, Freundschaften drohen zu zerbrechen, oft kommt es zu Schwierigkeiten im Beruf, der Körper ist kaum noch belastbar. „Viele kommen auch mit der Furcht nicht klar, dass sie einmal im Rollstuhl landen könnten“, schildert Pischel.

Wer sich der MS-Gruppe anschließt, so die Erfahrung der Leiterin, verliert die überbordende Angst vor der ungewissen Zukunft. Sie wünscht sich, dass speziell mehr jüngere MS-Kranke zu den Treffen kommen. Hier weist die Altersstruktur der Gruppe eine Lücke auf. „Die Jüngeren suchen eher nach Möglichkeiten zum medizinischen Austausch über die Krankheit“, berichtet Pischel, das Zwischenmenschliche sei dieser Altersgruppe weniger wichtig. Dabei sei der Kontakt von Mensch zu Mensch nicht zu ersetzen, meint die erfahrene Selbsthilfegruppenleiterin, auch nicht durch Foren im Internet.

Die MS-Gruppe ist für Pischel wie eine Familie, „ich fühle mich darin fest verwurzelt“. Dennoch wäre sie froh, wenn sie in absehbarer Zeit einen Nachfolger für die Gruppenleitung finden würde. Mehrere ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen die Leiterin derzeit. Sie sind beispielsweise MS-Kranken im Rollstuhl behilflich und helfen auch sonst beim Ablauf der Treffen, die immer an barrierefreien Orten stattfinden, mit. Mehr Rückhalt wünscht sich Pischel seitens mancher Ärzte. Unter diesen gebe es welche, die ihren MS-Patienten vom Beitritt zur MS-Selbsthilfegruppe abraten. Offenbar befürchten diese, dass sich MS-Kranke untereinander über medizinische Fragen oder bestimmte Ärzte austauschen, vermutet Pischel, die dieses aus ihrer Sicht unbegründete Standesdünkel der „Götter in Weiß“, wie sie sie nennt, nicht versteht.

Notizen zur Multiple-Sklerose-Gruppe Haßberge

Über die Gruppe: Die MS-Selbsthilfegruppe steht Betroffenen in sozialen, psychischen und rechtlichen Fragen zur Seite. Dies gilt auch für deren Angehörige. Die Treffen sind jeden zweiten Mittwoch im Monat von 14 bis 17 Uhr im St.-Bruno-Haus in Haßfurt; in den Sommermonaten sind die Treffen an verschiedenen, barrierefreien Örtlichkeiten. Ziel der Gruppenmitglieder ist es, aktiv zu bleiben und am Leben teilzunehmen, trotz der Einschränkungen, die die Krankheit mit sich bringt. Es sollen Hemmungen und Ängste abgebaut und Kontakte geknüpft werden, durch Gespräche, Ausflüge und Vorträge zum neuesten Stand der Medizin. Kontakt zur Gruppe: Rosemarie Pischel, Tel. (0 95 21) 46 90. Weitere Infos: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft, Landesverband Bayern, Tel. (0 89) 2 36 64 10, E-Mail: dmsg@dmsg-bayern.de, Internet: www.dmsg.de

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