Haßfurt

Prinzessinnen der Mittelschicht

Josef Kraus, Autor des Buches „Helikopter-Eltern“, hielt einen Vortrag im Ganztagsbetreuungsgebäude Silberfisch.
Foto: Schmieder | Josef Kraus, Autor des Buches „Helikopter-Eltern“, hielt einen Vortrag im Ganztagsbetreuungsgebäude Silberfisch.

Bei der Fußball-EM 2012 stand Deutschland im Halbfinale gegen Italien. Für viele Deutsche, egal welchen Alters, war das ein Ereignis, das man nicht verpassen durfte. Jung und Alt saßen vor den Fernsehern und verfolgten das Spiel. Leider nicht mit dem gewünschten Ergebnis: Deutschland verlor das Spiel.

Doch es gibt noch eine andere traurige Nachricht im Zusammenhang mit diesem Spiel – zumindest für Josef Kraus, den Autor des Buches „Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung“. Im Juni 2012 forderte Baden-Württembergs damalige Schulministerin Gabriele Warminski-Leitheuser die Schulleiter auf, den Beginn des Unterrichts nach dem EM-Halbfinale zu verlegen, damit die Kinder ausschlafen können – für Kraus ein Unding.

Am Donnerstagabend hielt der Autor, der seit 1995 Schulleiter eines Gymnasiums bei Landshut ist, einen Vortrag im Ganztagsbetreuungsgebäude Silberfisch. Eingeladen hatte der Elternbeirat des Regiomontanus-Gymnasiums. „Unter den Eltern gibt es, neben der Mehrheit der vernünftigen und bodenständigen auch solche… und solche“, sagte Kraus. „Die einen sind die, die sich null-komma-nix um ihre Kinder kümmern“, fuhr er fort. „Die anderen kümmern sich um alles.“ Aus seiner Sicht stellen jedoch beide Gruppen eine Minderheit dar. „70 bis 80 Prozent unserer Eltern sind bodenständig, unkompliziert, kooperativ, verantwortungsbewusst.“ Problematisch sei, dass die restlichen 20 bis 30 Prozent diejenigen sind, die Lehrer und Kindergärtner die meiste Zeit und Energie kosten. Früher waren die überbesorgten Eltern fast nur in besonders wohlhabenden Familien zu finden, sagt Kraus. „Heute geht das Nachwuchspaschasyndrom beziehungsweise Prinzessinensyndrom quer durch die Mittelschicht“. Der Autor wendet sich gegen eine Pädagogik der Verwöhnung und Totalkontrolle. Unter dem Motto „Seine Majestät, das Kind“ berichtet er von Beschwerden über die Menge an Hausaufgaben, die Sitzordnung oder ein abgenommenes Handy. Er spricht über Eltern, die ihr Kind selbst zur Schule bringen und direkt bis vor die Tür fahren, aus Angst, es könne etwas passieren.

Ein weiteres Problem sieht er in „Trenddiagnosen“. Wenn sich ein Kind auffällig verhält, würde viel zu schnell ADHS diagnostiziert oder behauptet, das Kind sei ein Mobbingopfer. „Zulasten der echten Mobbingopfer!“, betont der Autor. Seit bekannt ist, dass Hochbegabung zu einem Leistungsabfall führen kann, werde bei schlechten Leistungen oft pauschal eine unentdeckte Hochbegabung angenommen. „Noch intensiver wird es, wenn sich Eltern dieser Motivlage zusammentun. Dann werden daraus Inquisitionsabende“, beklagt Josef Kraus.

So erklärt sich sein Begriff „Helikopter-Eltern“: Sie kreisen beobachtend über ihren Kindern, können schnell eingreifen und wirbeln bei Start und Landung viel Staub auf. Er bemüht das Bild noch weiter, wenn er die Eltern in verschiedene Arten von Hubschraubern unterteilt: Transporthubschrauber, Rettungshubschrauber und Kampfhubschrauber. „Die Mama kommt als Rettungshubschrauber und wenn das nicht hilft, wird der Papa als Kampfhubschrauber geschickt“, beschreibt er die typische Geschlechterverteilung.

Ein weiteres Problem sieht Kraus im um sich greifenden Förderwahn, der dazu führt, dass schon im Kindergarten Fremdsprachen unterrichtet werden oder Bücher mit Titeln wie „Baby Einstein“ erscheinen. Er widerspricht der Behauptung, Menschen würden nur zehn Prozent ihrer Hirnkapazität nutzen. „Hinter all dem steckt ein reichlich materialistisches, im Grunde triviales Menschenbild. Hier werden alle Gedanken, Erinnerungen und Empfindungen als Formen der Erscheinung von Materie betrachtet“. All diese Frühförderung sei sinnlos, man könne ein Kind nicht zum Genie „programmieren“.

Treffend findet Kraus die Zusammenfassung des amerikanischen Neurowissenschaftlers Steve Petersen für die wichtigsten Regeln der Kindererziehung: „Sperren sie ihr Kind nicht in den Schrank, lassen sie es nicht verhungern und schlagen sie ihm nicht mit der Bratpfanne auf den Kopf“. Kraus wendet sich gegen eine Unterstützung dieser Verwöhnung durch Lehrer und Bildungspolitiker. „Mit Förderwahn und Helikopterpädagogik machen wir aus den Kindern unmündige, lasche und zugleich maßlos anspruchsvolle Selbstlinge“, formuliert der Autor die Folgen einer falschen Erziehung.

Die richtige Form sei intuitiv und spontan, mit einer gesunden Mischung aus Führen und Wachsenlassen. Auch müsse man Kinder in Anspruch nehmen. „Alles sofort zugesprochen zu bekommen und sich für nichts anstrengen zu müssen, das geht nicht gut. Vor allem rauben wir unseren Kindern damit die Chance, auf sich selbst stolz sein zu können“. Ein weiterer Appell richtet sich gegen eine Pädagogik, die Kinder und Eltern als Partner begreift. „Erziehen heißt: Mut zur Autorität und zum Vorbild haben“, betont Kraus.

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