HASSFURT

Sehbehinderte: „Das Leben läuft anders ab, nicht schlechter“

Leitet den Stammtisch für Sehgeschädigte: Michael Schulz aus Haßfurt. Er ist selbst voll erblindet und möchte Sehbehinderten und Blinden Mut machen, trotz der Einschränkungen ihr Leben zu meistern.
Foto: Michael Mösslein | Leitet den Stammtisch für Sehgeschädigte: Michael Schulz aus Haßfurt. Er ist selbst voll erblindet und möchte Sehbehinderten und Blinden Mut machen, trotz der Einschränkungen ihr Leben zu meistern.

„Fast 80 Prozent unseres Lebens laufen über die Augen ab.“ Michael Schulz weiß, wovon er redet, wenn er dies sagt. Der 69-Jährige aus Haßfurt ist blind. Er besaß lange genug sein Augenlicht, um zu wissen, was er verloren hat. Altersbedingte Makuladegeneration (AMD) heißt die Krankheit, die nach und nach die Netzhaut zerstört und die bei ihm schon als junger Mann einsetzte. Mit 27 Jahren hatte er noch eine Sehkraft von zehn Prozent, seit dem Jahr 1994 ist er voll erblindet. Ein Einschnitt, zweifelsohne. Doch nicht das Ende. „Das Leben läuft anders ab, nicht schlechter“, stellt er fest.

Wer den pensionierten Lehrer in seinem Haus mit Garten besucht und ihm zuhört, der zweifelt keinen Moment, dass diese Aussage aus seinem Mund keine verzweifelte Parole ist, die er sich einredet, um mit seinem Schicksal irgendwie zurande zu kommen. Während des gesamten Gesprächs ist kein Klagen von ihm zu hören.

Sicher bewegt er sich in seinen eigenen vier Wänden. Seinen Computer bedient er dank eingebauter Hilfsmittel, wenn er beispielsweise im Internet unter www.mainpost.de Zeitungstexte aufruft, dann liest ihm diese eine Frauenstimme vor. Der 69-Jährige fährt auch Fahrrad – auf einem Tandem, versteht sich. Und er singt in einem Chor. „Ich höre mir die Liedtexte an und lerne diese dann auswendig“, sagt er. Schulz gestaltet sein Leben so, dass es sich seinen Umständen anpasst.

„Wenn sie einmal da sind, fühlen sie sich pudelwohl bei uns“
Michael Schulz

Schulz ist Blinden-Sehbehindertenberater des Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbundes (BBSB) für den Landkreis Haßberge. Zugleich leitet er mit Hans-Josef Hero seit dem Jahr 2011 den Stammtisch für Sehgeschädigte, eine Selbsthilfegruppe, die allen offensteht, die Probleme haben mit dem Sehen. Circa 100 Blinde gibt es im Haßbergkreis, sagt Schulz. Die Zahl der Sehbehinderten ist etwa dreimal so hoch. So genau weiß das keiner, denn „viele tun sich schwer damit, zuzugeben, dass sie kaum noch etwas sehen“, weiß Schulz. So müssten sich die meisten erst überwinden, zum Sehbehindertenstammtisch zu kommen.

Dies gilt aber nur fürs erste Mal, meint der Leiter der Selbsthilfegruppe. „Wenn sie einmal da sind, fühlen sie sich pudelwohl bei uns.“

In erste Linie gehe es bei den Treffen um Erfahrungsaustausch, berichtet Schulz, sowie um „fachspezifische Fragen“. So bezeichnet er es, wenn sie beispielsweise über neue Therapie- und Behandlungsmöglichkeiten von Augenkrankheiten sprechen oder lokale Fragen behandeln, beispielsweise die Barrierefreiheit von Kreisverkehren im Landkreis Haßberge oder Aufzüge in öffentlichen Neubauten, die Ansagen machen. Es gehe aber auch darum, Hilfsmittel vorzustellen, die Menschen das Leben erleichtern, wenn die Sehkraft rapide nachlässt – sprechende Uhren beispielsweise.

Gerade diese Fragen, wie der Lebensalltag zu meistern ist, wenn mit zunehmendem Alter und schwindender Sehkraft alles um einen herum erst verschwimmt und dann im ewigen Dunkel versinkt, bereiteten den Betroffenen die größten Sorgen. Wenn etwa beim Spazierengehen Gesichter nicht mehr erkannt werden, die Ziffern am Temperaturschalter des Elektroherds nicht mehr zu entziffern sind oder Autofahren unmöglich wird.

Menschen, die erblinden, brauchen plötzlich Helfer für die Dinge, die ihnen ihr Leben lang wie selbstverständlich von der Hand gingen, schildert Schulz deren belastende Situation. „Das ist für viele sehr schwer.“

Und: Wer weniger als 30 Prozent Sehkraft hat, muss in der Öffentlichkeit einen weißen Stock als – so die offizielle Bezeichnung – amtliches Verkehrsschutzzeichen mit sich führen. Viele empfinden dies als Bloßstellung ihres Handicaps. Dabei soll es in erster Linie Blinde vor ungerechtfertigten Schuldzuweisungen schützen, wenn diese in Unfälle verwickelt sind, erläutert Schulz zum Verständnis.

„Die Ärmsten sind die, die sich daheim verbarrikadieren“
Michael Schulz

Der Austausch unter den Teilnehmern des Sehbehindertenstammtisches macht deutlich: Blinde müssen nicht automatisch vom kulturellen und sozialen Leben ausgeschlossen sein. Dies macht es allerdings erforderlich, sagt Schulz, dass sie von sich aus aktiv werden, trotz des ambulanten Rehadienstes, der Blinde kostenfrei zu Hause beispielsweise bei der Frage unterstützt: „Wie komme ich als Blinder in meinem (veränderten) Leben zurecht?“ „Die Ärmsten der Welt sind in dieser Situation diejenigen, die sich daheim verbarrikadieren“, macht Schulz klar. Der zweimonatliche Stammtisch sei deshalb sehr wichtig für die Teilnehmer, „die freuen sich riesig auf die Termine“.

Die Treffen sind immer zentral in Haßfurt – weil die Kreisstadt mit öffentlichen Verkehrsmitteln noch am besten erreichbar ist. Ein Altenheimbewohner, nennt Schulz nur ein Beispiel, komme jedes Mal extra von Ebern nach Haßfurt.

An jedem zweiten Stammtischtermin sind Einrichtungen wie Feuerwehr und Bayerisches Rotes Kreuz eingeladen, sich den Sehbehinderten vorzustellen und mit den Betroffenen zu erörtern, wie sie auf die Bedürfnisse von Blinden besser eingehen können. „Die Einrichtungen sind für dieses Angebot dankbar“, sagt Schulz.

Über den Stammtisch hinaus macht dieser auch Hausbesuche – bei zwei Sehbehinderten pro Monat. Das ist sein Ziel. Er besucht jeden, ganz gleich, ob Stammtischbruder oder -schwester, oder nicht.

Notizen zum Stammtisch für Sehgeschädigte

Über die Gruppe: Jeden zweiten Dienstag der ungeraden Monate (Januar, März, Mai . . .) treffen sich etwa 20 bis 25 Sehgeschädigte und Blinde von 15 bis 17 Uhr in der Hotel-Gaststätte „Meister Bär“, Pfarrgasse 1, in Haßfurt. Die Selbsthilfegruppe, die es seit dem Jahr 1990 gibt, steht Betroffenen aller Altersgruppen offen und hilft ihnen, Selbstständigkeit und Unabhängigkeit schrittweise zurückzugewinnen. Sie fördert zudem die berufliche Integration und hilft bei der Inanspruchnahme gesetzlicher und sonstiger Sozialleistungen. Die Gruppe bietet Beratung und Betreuung in sozialen und krankheitsbedingten Fragen – auch für Angehörige von Betroffenen. Kontakt: Michael Schulz, Tel. (0 95 21) 53 52, E-Mail: schulz.hassfurt@t-online.de Weitere Infos: Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund, Bezirksgeschäftsstelle Würzburg, Tel. (0 931) 4 45 00, E-Mail: wuerzburg@bbsb.org, Internet: www.bbsb.org

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