KREIS HASSBERGE

Selbsthilfegruppen immer stärker gefragt

Ansprechpartnerin und Vermittlerin: Monika Strätz-Stopfer leitet die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KOS) am Landratsamt Haßberge. Sie steht Selbsthilfegruppen zur Verfügung, ebenso Menschen, die auf der Suche nach Selbsthilfegruppen sind oder Fragen haben.
Foto: Michael Mösslein | Ansprechpartnerin und Vermittlerin: Monika Strätz-Stopfer leitet die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KOS) am Landratsamt Haßberge.

„Eine Gruppe kann mehr als ein einzelner!“ Es ist mehr als nur ein flotter Spruch, den Monika Strätz-Stopfer auf ihrer Visitenkarte stehen hat. Es ist der grundlegende Gedanke, auf den Selbsthilfegruppen bauen. Etwa 80 regionale und überregionale Gruppen sind im Landkreis Haßberge vertreten. Seit 17 Jahren laufen deren Fäden bei der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KOS) im Landratsamt in Haßfurt zusammen. Strätz-Stopfer leitet diese. Sie ist zentrale Ansprechpartnerin für beide Seiten: für die Selbsthilfegruppen und für diejenigen, die nach einer passenden Selbsthilfegruppe für sich suchen.

Von A wie Adoption bis Z wie Zeckenbiss – die Übersicht auf den ersten Seiten der Selbsthilfe-Broschüre, die die KOS vor Kurzem zum fünften Mal aktualisiert hat, spiegelt die große Bandbreite der Angebote in diesem Bereich wider. Überwiegend sind die Selbsthilfegruppen (SHG) im gesundheitlichen sowie im psychosozialen Bereich aktiv. Ihre Angebote werden ausschließlich von Ehrenamtlichen getragen und sind für diejenigen, die diese in Anspruch nehmen, kostenlos – ein weiterer Grundsatz der Selbsthilfe.

„Die Menschen nehmen die Selbsthilfe zunehmend als eine Möglichkeit der Selbstverantwortung wahr. Die Bereitschaft, sich Selbsthilfegruppen anzuschließen, wächst daher weiter“, stellt Strätz-Stopfer fest. Aus ihrer Sicht ist das Angebot der SHG als Stütze von Betroffenen „ohne Alternative“. Und: Selbsthilfe rechnet sich. Eine wissenschaftliche Studie habe festgestellt, dass jeder Euro, der in SHG investiert wird, einen Nutzen erwirtschaftet, der um ein Siebenfaches höher liegt, zitiert die KOS-Leiterin die Ergebnisse der Studie.

Doch wer Selbsthilfe unter rein wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet, der hat allenfalls einen Teil von dem begriffen, was SHG leisten. Ebenso wenig hat derjenige die Bedeutung von Selbsthilfeangeboten begriffen, der denkt, in SHG träfen sich ausschließlich Menschen, die Krankheitsgeschichten austauschen und einander ihr Leid klagen. Dies ist ein abgegriffenes Klischee. Vielmehr, ist Strätz-Stopfer überzeugt, verändere Selbsthilfe die Menschen positiv: „Sie gewinnen Selbstvertrauen, schöpfen Kraft und erfahren Unterstützung.“

Sie begleitet SHG nach deren Gründung während der ersten Monate. „Die KOS wird aber nicht selbst aktiv“, macht Strätz-Stopfer klar. Das heißt: Die Initiative zur Gründung einer SHG muss von Betroffenen ausgehen. Die KOS unterstützt diese dann bei der Umsetzung der Ideen. Wichtig ist, dass die – idealerweise zwei bis drei – Gruppenleiter selbst Betroffene sind, also beispielsweise selbst unter Depressionen leiden, wenn sie einer SHG für Lebensmüde vorstehen.

Inhalte selbst bestimmen

Folgerichtig bestimmen die Mitglieder einer SHG selbst auch die Inhalte ihrer Gruppentreffen. Meistens gehe es um Erfahrungsaustusch, schildert Strätz-Stopfer, um praktische Tipps zum Umgang mit Krankheitsfolgen oder um mögliche Behandlungen. Ebenso wichtig sei es jedoch, dass die SHG den Lebensalltag ihrer Mitglieder nicht aus dem Blick verlieren, die ähnliche Schicksale zusammengeführt hat. So darf – und soll – hier ausdrücklich auch gelacht und Freude erlebt werden.

Alle SHG und deren Mitglieder verpflichten sich laut Strätz-Stopfer zu bestimmten Grundregeln, die sie einhalten. Dazu zählt die freiwillige Teilnahme, die Schweigepflicht der Gruppe (alles Besprochene bleibt in der Gruppe!), die Gleichberechtigung aller Gruppenmitglieder und der gegenseitige Respekt, dass jeder jedem zuhört. Auch wenn SHG heute als separate Säule des Gesundheitswesens anerkannt sind, sind Selbsthilfeangebote eines auf keinen Fall: ein Ersatz von Therapien. Dies ist und bleibt Aufgabe von Fachkräften, macht die Leiterin der KOS deutlich. „Aber es ist sinnvoll und wichtig, beides zu verbinden.“ Nicht zuletzt deshalb, weil innerhalb der SHG häufig private Kontakte geknüpft werden und zwischen den Mitgliedern ein soziales Netzwerk entsteht.

Der Bedarf nach bestimmten Angeboten im Bereich der Selbsthilfe ist recht unterschiedlich, berichtet Strätz-Stopfer von ihren Erfahrungen. So hätte ein Informationsabend zur Gründung einer Borreliose-SHG fast 80 Interessierte angelockt; dabei sollte eine SHG maximal 15 Mitglieder haben. Also entstanden gleich mehrere Borreliose-SHG. Andere SHG lösen sich nach Jahren wieder auf, wie die Krebsgruppe Haßfurt – nach über 30 Jahren. Es war die erste SHG im Landkreis, deren Mitglieder „miteinander alt geworden sind“, wie es Strätz-Stopfer formuliert. Immer wieder entstehen aber auch neue SHG, wie aktuell in Haßfurt eine für Polyneuropathie, eine Nervenkrankheit. Der Bestand der SHG im Haßbergkreis, berichtet die KOS-Leiterin, hält sich seit Jahren die Waage.

Landratsamt finanziert mit

Träger der KOS ist das Landratsamt Haßberge, das den Großteil der Kosten finanziert. Neben dem Zentrum für Familie und Soziales in Bayreuth erfolgt eine finanzielle Förderung zusätzlich durch die Arbeitsgemeinschaft der gesetzlichen Krankenkassen, die einen festen Anteil für Selbsthilfeangebote zahlen müssen. Außerdem fördern die örtlichen Krankenkassen über den sogenannten Regionalen Runden Tisch Unterfranken, der beim Aktivbüro Würzburg angesiedelt ist, auch die Selbsthilfegruppen. Auf Antrag finanzieren diese Ausgaben wie Mieten für Gruppenräume, Fahrtkosten und Kosten für Fortbildungen. Die KOS unterstützt die SHG dabei. Ebenso bietet die Stelle im Landratsamt in Haßfurt Schulungen an oder vermittelt Referenten an die SHG.

Eine weitere Aufgabe, der sich die KOS verstärkt widmen möchte, besteht für deren Leiterin darin, Mediziner und Apotheker über die Arbeit der KOS und der SHG zu informieren und die Zusammenarbeit auszubauen. Ein weiterer Schritt ins öffentliche Bewusstsein könnte die Gestaltung von Schaufenstern sein, wo SHG die Chance hätten, sich vorzustellen. An dieser Idee arbeite sie derzeit, sagt Strätz-Stopfer.

In den kommenden Monaten wird diese Zeitung in loser Folge eine Auswahl an Selbsthilfegruppen im Landkreis Haßberge vorstellen.

Informationsmöglichkeiten und Ansprechpartner

Zentrale Anlaufstelle für Fragen zu Selbsthilfegruppen im Landkreis Haßberge ist die Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KOS) im Landratsamt. Diese ist erreichbar unter Tel. (0 95 21) 2 73 13, per E-Mail an info@selbsthilfe-hassberge.de oder im Internet unter www.selbsthilfe-hassberge.de Speziell an Jüngere richtet sich das Angebot der „Jungen Selbsthilfe“ der nationalen Kontaktstelle (NAKOS). Unter www.schon-mal-an-selbsthilfegruppen-gedacht.de findet sich eine bundesweite Zusammenstellung von Selbsthilfegruppen für und von jüngeren Menschen. Die SelbsthilfeKoordination (SeKo) Bayern geht unter www.selbsthilfe-interaktiv.de neue Wege. Hier können sich Menschen in virtuellen Gruppen treffen, informieren oder diskutieren.

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