Junkersdorf

Sieben Zwerge jagen einen Schwan

Fabian Saal hat einen Gedächtnisweltrekord geknackt. Die Kniffe, die er anwendet, kann jeder lernen, und sich nach nur ein paar Trainingseinheiten 50 Zahlen oder Begriffe merken. Mit einem ganz durchschnittlichen Gedächtnis.
Weltrekord: Gedächtnissportler Fabian Saal aus Junkersdorf hat in 35 Sekunden die ersten 100 Nachkommastellen der Zahl Pi in zufälliger Reihenfolge angeben können. Das hat vor ihm noch keiner geschafft.
Foto: Saal | Weltrekord: Gedächtnissportler Fabian Saal aus Junkersdorf hat in 35 Sekunden die ersten 100 Nachkommastellen der Zahl Pi in zufälliger Reihenfolge angeben können. Das hat vor ihm noch keiner geschafft.

Fabian Saal aus Junkersdorf hat, wie berichtet, am Samstag in  Würzburg als Gedächtnissportler einen Weltrekord geknackt.  In unfassbar kurzen 35 Sekunden war es ihm gelungen, die ersten 100 Nachkommastellen der Kreiszahl Pi anzugeben – in zufällig angefragter Reihenfolge. Trotz des Erfolgs bleibt der 27-jährige Student bescheiden.

Als „Genie“ oder „Superhirn“ würde er sich selbst nie bezeichnen. „Ich habe ein relativ durchschnittliches Gedächtnis“, sagt er über sich selbst. Das Geheimnis seines Erfolgs ist für ihn sein sportlicher Ehrgeiz, sich Dinge möglichst effektiv zu merken. Die nötige Technik dazu, meint er, kann quasi jeder lernen. So, wie er es auch gemacht hat, als er begann aufs Abitur zu lernen.

Frage: Ihre Vorliebe für Zahlen ist recht speziell. Wie kam es dazu?

Fabian Saal: Das mit dem Pi-Weltrekord ist wirklich relativ speziell. Aber das ist nur ein sehr kleiner Teil von dem, was ich eigentlich als Gedächtnissportler mache. Deswegen würde ich mich nicht als einen bezeichnen, den einfach nur Zahlen oder Ähnliches total faszinierend findet, sondern das ist einfach eine nette Anwendung beziehungsweise Spielerei der Lern- und Merktechniken, die man sonst bei anderen Gedächtniswettkämpfen anwendet. Angefangen hat alles, als ich für das Abitur gelernt habe und einfach effektiver lernen wollte. Ich habe dann noch Gedächtnissportler am Fernsehen gesehen und ein Buch zum Thema Gedächtnistechniken von einem dieser Sportler gelesen. Da ich bei vielen Dingen den sportlichen Ehrgeiz entwickle, immer besser oder schneller zu werden, und ich den Wettkampf liebe, habe ich mich zu den Süddeutschen Gedächtnismeisterschaften angemeldet und wurde gleich Zweiter und bester Newcomer. Auf diesem Wege bin ich quasi in den Gedächtnissport gerutscht.

Welche Bedeutung haben Zahlen in Ihrem Alltag? Ordnen Sie Zahlen bestimmte symbolische Bedeutungen zu?

Saal: Im Gedächtnissport wandelt man, will man sich generell Zahlen oder allgemein abstrakte Dinge merken, alles in etwas Bildhaftes um. Dasselbe gilt für den Alltag. So steht zum Beispiel die 2 für einen Schwan (die Form sieht der einer 2 sehr ähnlich), oder die 7 für die sieben Zwerge, oder die Hand für die 5, weil diese fünf Finger hat. So hat man für die weiteren Ziffern jeweils ein Bild. Möchte man sich mehrere Zahlen in einer Reihenfolge merken, bastelt man mit diesen Bildern eine kleine, möglichst lustige und anschauliche Geschichte. Für den Gedächtnissport wendet man noch etwas komplexere Techniken an, die aber genau auf dasselbe Prinzip aufbauen, nämlich, dass das Gehirn sich besser und länger Informationen merkt und behält, wenn diese lustig und bildhaft sind oder Emotionen ansprechen und Bekanntes mit Unbekanntem verknüpft.

Können Sie ein Beispiel bringen?

Saal: Möchte man sich zum Beispiel die Zahl 7255 merken – beispielsweise als Pin-Code –, so könnte man sich vorstellen, wie die sieben Zwerge (7) einen Schwan (2) jagen, diesem hinterherrennen und diesen letztlich schnappen und mit beiden Händen (zweimal 5) den Schwan am Hals festhalten. Soll die Zahl weitergehen, kann man die Geschichte erweitern: Ein zweiter Schwan kommt, um den ersten zu befreien, und schlägt mit einem Schuh (Bild für die 6) auf die Zwerge ein. Und schon hat man die Zahl 7255 im Kopf um 26 erweitert.

Was merken Sie sich außer Zahlen noch?

Saal: Bei Gedächtnismeisterschaften habe ich weitere Gedächtnisleistungen vollbracht, zum Beispiel über 1600 korrekt gemerkte Binärzahlen in 30 Minuten und 366 in fünf Minuten. Außerdem habe ich mir ein Kartendeck mit 52 Karten in 70 Sekunden gemerkt, oder 131 Worte in 15 Minuten. Oder ich habe mir 46 fiktive historische Daten in fünf Minuten eingeprägt. Die angewandten Techniken lassen sich auch super in der Schule oder, wie jetzt bei mir, im Studium anwenden. Überall, wo man etwas auswendig merken oder eine Reihenfolge von irgendwelchen Dingen einprägen muss, egal, ob es Fachtermini für Muskeln fürs Medizinstudium sind oder die Einkaufliste.

Brauchen Sie überhaupt ein Telefonbuch, oder haben Sie alle Nummern im Kopf?

Saal: Theoretisch könnte ich mir die Telefonnummern meiner Bekannten merken, allerdings bin ich in dieser Hinsicht relativ faul und speichere sie trotzdem alle im Handy ab und merke mir nur ein paar wenige. Kleine Anekdote dazu: Es war immer relativ peinlich, wenn Freunde mich nach meiner Handynummer gefragt haben – wenn diejenigen wussten, dass ich Gedächtnissport betreibe – und ich die Nummer dann nicht wusste und nachschauen musste. Aus diesem Grund habe ich mir doch irgendwann mal meine eigene Handynummer gemerkt.

Wie bringe ich mein Gedächtnis in so eine Hochform? Ist das ein Geheimnis?

Saal: Die Techniken sind allgemein bekannt und nur zu empfehlen. Jeder gesunde, begabte Mensch kann das trainieren und anwenden. Jeder ist mit diesen Techniken in der Lage, nach ein paar Trainingseinheiten sich 50 Zahlen oder Begriffe in einer relativ kurzen Zeit zu merken. Ich gebe auch Gedächtniskurse an der Volkshochschule Königsberg für Schüler, in denen man die Techniken erlernt und man trainiert, wie man die Techniken in der Schule und im Alltag anwenden kann. Ich gebe auch Einzeltraining für Erwachsene auf Anfrage. Es gibt in diesem Sinne also kein Geheimnis.

Wie viel haben Sie vor Ihrem Weltrekord trainiert?

Saal: Für den Pi-Weltrekord habe ich in den letzten Wochen schon meist täglich trainiert, aber auch immer nur kurz, mal zwischendurch ein paar Minuten. Ich habe jetzt nicht jeden Tag eine Stunde oder so dafür investiert. Das ganze Training findet fast vollständig am Computer statt. Es gibt spezielle Übungsprogramme für die Turnierdisziplinen.

Sind Sie ein Zahlen-Nerd? Oder haben Sie noch andere Hobbys?

Saal: Als Nerd würde ich mich auf gar keinen Fall bezeichnen. Die meisten Menschen, auf die ich treffe, finden das interessant und fragen nach, wie man so etwas selbst erlernen kann. Wenn ich gefragt werden würde, würde ich Gedächtnissport schon ein Hobby von mir nennen, aber ich habe noch weitere Hobbys, beispielsweise spiele ich seit mehreren Jahren Basketball im Verein, mache generell recht viel Sport und spiele Klavier und Posaune.

Was war Ihre schlechteste Mathe-Note?

Saal: Ich war zwar in Mathe meistens relativ gut, aber eine Fünf war, soweit ich mich erinnere, auch mal dabei.

Was ist Ihre Lieblingszahl?

Saal: Puh, da muss ich erst mal überlegen. Eigentlich habe ich nicht wirklich eine. Wenn ich eine nennen müsste, dann wäre es vielleicht die Eins.

Wie geht es mit Ihnen weiter? Gibt es eine Deutsche Gedächtnismeisterschaft?

Saal: Ja, auch eine Weltmeisterschaft gibt es, an der ich teilnehmen könnte; an solchen habe ich auch schon teilgenommen. Allerdings ist es noch etwas unklar, ob ich dieses Jahr wirklich daran teilnehme, weil diese Wettkämpfe leider während des Semesters beziehungsweise in den Prüfungszeiten stattfinden.

Wie oft sind Sie auf Wettkämpfen?

Saal: Das hängt immer davon ab, wann und wo diese sind. Manchmal war ich schon auf drei Meisterschaften im Jahr, manchmal auf nur einer oder keiner.

Zur Person

Der frisch gekürte Weltrekordhalter aus Junkersdorf hat am Gymnasium in Haßfurt sein Abitur gemacht. In Würzburg hat er zunächst ein Biologie-Studium beendet (Bachelor und Master of Science mit dem Schwerpunkt Molekularbiologie, unter anderem Krebsforschung). Noch während seines Biologie-Studiums hat er ein Medizinstudium begonnen. Aktuell arbeitet er an zwei Doktorarbeiten (Naturwissenschaften und Medizin), wobei es bei der einen um das Kolonkarzinom (Dickdarmkrebs) geht und bei der anderen vereinfacht gesagt um die Anwendung und Effektivität beim Lernen für das Medizinstudium, wobei Saals Erfahrungen mit Lern- und Gedächtnistechniken einfließen.

Zum Lebensmotto hat sich der 27-Jährige aus dem Königsberger Ortsteil erkoren: Alles, was der Mensch sich vorstellen kann, kann er auch erreichen. Der Weltrekordhalter im Gedächtnissport hat auch eine eigene Webseite, auf der er über sich und seine Erfolge informiert: www.fabiansaal.de.

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