Stettfeld

„Stettfelder Freilichtbühne“: Jedes Stück ist selbst gemacht

Die „Stettfelder Freilichtbühne” blickt auf eine lange Theatertradition zurück. Nachwuchsprobleme hat das Ensemble keine.
Foto: Gudrun Klopf | Die „Stettfelder Freilichtbühne” blickt auf eine lange Theatertradition zurück. Nachwuchsprobleme hat das Ensemble keine.

Lautlos bewegen sich ihre Lippen. Wort für Wort spricht Maria Egglseder den Text mit, der Finger fährt derweil von Zeile zu Zeile. Mit sekundenschnellem Blick kontrolliert sie immer wieder, ob er noch an der richtigen Stelle ist. Wahrscheinlich vollkommen unnötig, denn es scheint, als ob sie jede Rolle auswendig beherrscht. Mit sprechender Gestik und Mimik führt sie die Schauspieler sicher durch das Stück. Seit 35 Jahren führt Egglseder Regie und ist zugleich Souffleuse der Theatergruppe „Stettfelder Freilichtbühne“.

Zwei Besonderheiten unterscheiden die Truppe von allen anderen Laiengruppen im Haßbergkreis: Sie spielt im jährlichen Wechsel auf einer Freilichtbühne und in einem Saal. Und sie zeigt Stücke, die noch nie auf einer anderen Bühne zu sehen waren. Dahinter steckt Christian Ziegler, der seit einigen Jahren seiner Leidenschaft fürs Schreiben freien Lauf lässt. Seit 2003 als Akteur dabei, sind ihm die Stärken der Schauspieler bestens bekannt. Nun schneidert er in seinen Stücken einem jeden, einschließlich sich selbst, die perfekte Rolle auf den Leib – ideale Grundlagen für gelungene Vorstellungen.

In den alten Stücken ging's grob zur Sache

Doch zunächst ein Blick zurück: Im Jahr 1922 legte der Gesangverein Stettfeld mit der Gründung einer Theaterabteilung den Grundstein für eine vielfältige Theaterkultur im Ort. Auf die Bühne kamen Einakter, Couplets, Lustspiele, gerne mal ein Drama. Die von Gesangvereinsmitglied Erich Bäuerlein akribisch aufgearbeitete Chronik belegt, welche Stücke über die Jahrzehnte gespielt wurden und wer dabei auf der Bühne stand. Es sind sogar noch einige der alten Stücke vorhanden, doch könne man diese heute nicht mehr spielen, sagt Ziegler. „Die Stücke waren sehr übertrieben, hatten Holzhammer-Humor – da wurde einfach die Sau rausgelassen.“

Währen der ersten beiden Jahre prägte Oberlehrer Erich Hochgesang als Regisseur das Spiel, bevor er 1926 von Ludwig Greubel abgelöst wurde. 1950 trat Heidi Reinhardt an dessen Stelle und formte 40 Jahre das Bühnenspiel in Stettfeld. 1993 tauschte schließlich Maria Egglseder ihren Platz auf der Bühne mit dem Regiestuhl davor ein.

 

 

In den 60er bis 90er Jahren gingen die Stettfelder sogar auf Tourneen. Sie tingelten in Ortschaften in der Umgebung, wie Viereth, Ebelsbach, Zeil, Priesendorf und Gerach. Während es dort damals keine Theatergruppen gab, war Stettfeld, was das Schauspielern betrifft, eine Hochburg. Gleich drei Theatergruppen – beim Sport-Club 1946 Stettfeld, beim Musik- und beim Gesangverein – unterhielten das Publikum. Als die Schauspieler rarer wurden, schlossen sich 1993 die Theaterabteilungen des Sport-Clubs und des Gesangvereins zusammen und teilten sich Arbeit und Einnahmen. 1997 verabschiedete sich der Sport-Club vom Theaterspielen.

„Warum nicht mal im Freien spielen?“ – aus dieser Idee heraus wurde 1997 die Freilichtbühne in der Oberen Mühle in Stettfeld geboren. Seitdem verwandelt sich der Hof des Anwesens von Maria Egglseder immer wieder ab Mai in ein Freilichttheater. Die ganze Truppe sei Maria unendlich dankbar, denn „ein normaler Mensch würde das nicht mitmachen“, versichert Christian Ziegler. Beim Proben und Spielen ist nicht nur der Hof, sondern das ganze Haus fest in Theaterhand. Ob als Garderobenräume, für unterschiedliche Eingänge, für Balkon- oder Fensterszenen – vom Dach bis in den Keller wird alles genutzt. Rainer Ullrich baut für jedes Stück aufwendige Bühnenbilder. Ob ein Schaufenster, ein Gartenhaus, ein Mühlenrad oder eine Kuchentheke gewünscht werden – der Bühnenbauer gestaltet jedes noch so spezielle Bühnenbild. „Er setzt genau das um, was ich mir vorstelle“, schwärmt Egglseder. „Dekotussi“ Martina Kneuer zaubert die perfekte Kulisse für jedes Stück. „Sie hat ein unglaubliches Auge für Details.“ Und nicht zuletzt hat die Regisseurin ein dickes Lob für das Helferteam unter Führung von Andrea Ullrich. „Ohne deren Arbeit im Hintergrund ginge gar nichts.“

Bevor Ziegler 2014 mit seinem Dreiakter „Himmelsmacht und Höllenfeuer“ debütierte, musste Egglseder oft viele Stücke lesen, bis sie eines für gut genug befand. „Jetzt ist es herrlich“, freut sie sich, die Vorlagen von Ziegler mit ihm solange zu zerreißen, bis sie für beide passen. Als eingespieltes, kritikfähiges Team sind sie Kopf und Herz der Gruppe. Immer mit Stift und Zettel ausgestattet, sammelt Ziegler das ganze Jahr über Anregungen und Sätze, die er hört oder etwa in der Zeitung liest.

Ist die Idee zum Stück gereift, brauche es circa drei Wochen, bis das Stück steht und ein Vierteljahr für den Feinschliff, so der 37-Jährige, der im wirklichen Leben Dozent für Englisch ist. Klar greife er auch auf Klischees zurück, „aber es muss nicht immer darum gehen, wer wen kriegt“. Er sei großer Fan von Wortwitz und er tendiere zu größeren Besetzungen mit mindestens zehn bis zwölf Personen, beschreibt er seine Stücke. „Auf der Bühne nicht immer einfach“, wirft die Regisseurin ein.

Genug Schauspieler zu finden, ist dagegen kein Problem. Zum harten Kern der homogenen Gruppen stoßen fast jährlich Neulinge dazu. „Wir bauen immer schon kleine Rollen für junge Leute ein. So gibt es nie Nachwuchsprobleme.“ Die 60-Jährige liebt die Theaterarbeit, arbeitet gerne mit Menschen. „Ich habe meine Vorstellungen, aber ich lasse auch mit mir reden“, beschreibt sie ihr diplomatisches Geschick. Bereits mit 14 Jahren spielte Egglseder Theater. Aber regierführen und soufflieren lägen ihr mehr, als selbst auf der Bühne zu stehen, sagt sie. Selbst wenn sie sich dafür bisweilen in Löchern oder gar im Misthaufen verstecken muss. „Sie hat eine hervorragende Art, den Spielern weiterzuhelfen, wenn sie im Text hängen“, begeistert sich Ziegler.

Gerne besuchen die Stettfelder auch Bühnen, die Stücke von Ziegler aufführen. Inzwischen wurden mehrere seiner Werke verlegt. „Einfach klasse, wenn man seinen Text lebendig werden sieht“, freut sich der Autor.

Seit drei Jahren gibt es eine Kindergruppe

Dass ihr Theaterspiel gut beim Publikum ankommt, zeigt sich in vielen Aktivitäten der Freilichtbühne Stettfeld. Mit von Ziegler verfassten Historienspielen bereichern sie Jubiläen und Stadtführungen von Ortschaften oder Gebäuden. Auf den Landesgartenschauen in Bayreuth, Bamberg und Würzburg unterhielten sie die Besucher mit kurzen Theaterstücken. Auch beim Oberfränkischen Mundarttheatertag sind sie regelmäßig vertreten. Nicht zuletzt errang die 2015 gegründete Kindergruppe unter Regie von Maria Egglseder 2016 beim Gesamtfränkischen Kinder- und Jugendtheatertag in Königsberg Platz eins.

Seit 2009 ist aus der Stettfelder Freilichtbühne eine Wechselbühne geworden. Ein Jahr wird im August um Maria Himmelfahrt herum draußen, im nächsten Jahr um den dritten Oktober herum drinnen im Saal der Gastwirtschaft Strätz gespielt. Wer in eine der jeweils sechs Vorstellungen möchte, muss allerdings schnell sein – nach zwei Tagen sind meist alle Karten ausverkauft.

Sind die anstrengenden vier Theatermonate für die Mitwirkenden um, blicken sie mit gemischten Gefühlen zurück: „Gut, dass es vorbei ist. Schad', dass es rum ist.“

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