KREIS HASSBERGE

Tod auf der Flucht

Kriegsende: Wie mit Kriegsgefangenen und Deserteuren umgegangen wurde. Bei uns. Von denen, die nicht glauben wollten, dass der Krieg verloren ist. Die mordeten, weil ihnen ein Paar Stiefel gefiel...
Das ehemalige Amtsgerichtsgefängnis in Ebern: Im Hof wurden im April 1945 vier Deserteure erschossen. Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel neben dem Hoftor an das traurige Geschehen.
Foto: Cordula Kappner | Das ehemalige Amtsgerichtsgefängnis in Ebern: Im Hof wurden im April 1945 vier Deserteure erschossen. Seit 2006 erinnert eine Gedenktafel neben dem Hoftor an das traurige Geschehen.

Die Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs – sie zeigte sich auch im Leid unzähliger Kriegsgefangener bei uns. Manchen Zwangsarbeitern ging es relativ gut, bisweilen entstanden nach dem Krieg sogar Freundschaften zwischen ihnen und den Familien, in denen sie untergebracht waren. Doch viele andere, vor allem russischer Herkunft, bekamen die ganze Härte des NS-Regimes zu spüren.

Cordula Kappner, ehemalige Leiterin des Bibliotheks- und Informationszentrums in Haßfurt, stieß bei ihren Nachforschungen über jüdische Mitbürger immer wieder auch auf Schicksale anderer Leidtragender des Krieges und der NS-Diktatur. Sie berichtet unter anderem von vier Kriegsgefangenen aus der Ukraine, die im Basaltwerk Voccawind hatten arbeiten müssen und im Frühjahr 1942 auf der Flucht umkamen.

Iwan Kosenkow und Iwan Omeltschenko wurden im Hambach zwischen Ebern und Gleusdorf aufgespürt und erschossen. Fjodor Wilchowoi soll in der Itz ertrunken sein und Grigorij Bilostotzki wurde im Wald erhängt. „Wer die Täter waren, ist nur Dorfbewohnern der umliegenden Orte bekannt gewesen“, so Cordula Kappner in ihren Aufzeichnungen. Bestattet wurden alle vier Toten auf dem jüdischen Friedhof in Untermerzbach, 1960 wurden die Leichname in die Kriegsgräberstätte in Neumarkt überführt.

Vom Lynchmord an einem gefangenen Italiener, der zusammen mit einigen Landsleuten in einem Sägewerk in Haßfurt beschäftigt war, erfuhr Cordula Kappner durch Zeitzeugen. Demnach waren die Männer in Streik getreten, weil sie das Salz, das ihnen vom Roten Kreuz geschickt worden war, nicht bekommen hatten. Es sei ihnen vorenthalten worden, um sie klein zu halten. Der Wortführer der Italiener sei erschossen worden, ohne ein Gerichtsverfahren oder etwas, das diese Bezeichnung verdiente hätte. Cordula Kappner fand heraus, dass dieser Lynchmord am 23. Februar 1945 in der Sandkuhle beim Naturfreundehaus Haßfurt geschah. Das Opfer war Guiseppe Fawa, genannt „Bino“, und um die 40 Jahre alt gewesen. Sein Leichnam wurde zunächst am Rand des jüdischen Friedhofs Kleinsteinach bestattet und später nach Italien überführt.

Aus dem Kriegsgefangenenlager bei Lendershausen waren im Juli 1943 acht polnische Soldaten ausgebrochen. Sie wurden in einem Steinbruch bei Königsberg von vier Buben entdeckt. Einer aus diesem Quartett, Alfred Pröschel, berichtet, dass die Soldaten dann ohne Gegenwehr gefangen genommen wurden, von einem Trupp aus Veteranen der Heimatwehr sowie Mitgliedern der Kreisleitung und der Wachmannschaft des Lagers.

Im Arbeitslager bei Ebelsbach hatten russische Kriegsgefangene eine Widerstandsgruppe gebildet. Mit diesem Kapitel lokaler Geschichte hat sich Roland Mayer befasst. Dem russischen Offizier und Chirurg Nikolaj Kononenko war es demnach sogar gelungen, die Arbeitskommandos in Franken zu einem Netzwerk des Widerstands zu verbinden. Die Widerständler kamen als Patienten getarnt zu ihm ins Lazarett für die russischen Gefangenen. Im Juli 1944 wurde diese Untergrundbewegung von der Gestapo aufgedeckt. Fast 500 Menschen, die in den Jahren 1943/44 im Ebelsbacher Lazarett behandelt worden waren, kamen ins KZ Mauthausen. Kononenko und diejenigen, die als seine Mitstreiter an der Spitze der Bewegung galten, wurden dort erschossen.

Die Menschenverachtung der NS-Diktatur machte auch vor den eigenen Landsleuten nicht halt. Wer nicht mitzog, musste mit dem Schlimmsten rechnen, selbst im Angesicht der bevorstehenden Niederlage. Nicht zuletzt durch das Schicksal von Deserteuren offenbarten die letzten Tage und Wochen des Krieges noch einmal die Ausprägung, aber auch die Absurdität der Naziherrschaft. Das gilt unter anderem für die vier Soldaten, die im April 1945 im damaligen Gefängnishof von Ebern erschossen wurden. Sie waren verraten worden, als sie in Junkersdorf versucht hatten, Waffen gegen Lebensmittel einzutauschen. In Hafenpreppach waren Karl Bojaniowski, Friedrich Fleischer, Alfred Sadlo und Otto Konstanzer dann festgenommen worden.

Das Erschießungskommando bestand aus drei Unbekannten, laut Kappner wahrscheinlich ein fliegendes Standgericht der Wehrmacht. Auf Betreiben des Bürgervereins erinnert seit 2006 eine Gedenktafel neben dem Hoftor an das traurige Geschehen.

Cordula Kappner berichtet von einem weiteren Fall: Drei Bauernfamilien in Knetzgau hatten drei junge Soldaten versteckt gehalten und beschäftigt. Doch auch diese drei Deserteure wurden verraten – weil einer von ihnen gute Lederstiefel besaß. Angeblich seien sie sofort an die Front gekommen. „Wahrscheinlich“, so Kappner, „wurden sie von einem Standgericht erschossen“.

Nach Ansicht von Cordula Kappner ist es wichtig, diese und andere Deserteure nicht zu vergessen: „Das waren Leute, die gesehen haben, wohin das führt, und an ihre Familien gedacht haben.“ Diejenigen Deserteure, die überlebt hatten, hätten auch nach dem Krieg Nachteile erlitten – bis hin zu Problemen bei den Rentenansprüchen – und seien beschimpft worden.

Aber auch Zivilisten, die nicht mit den Nazis konform gingen, waren bis zuletzt nicht sicher. Das zeigt ein Beispiel aus Westheim, das Cordula Kappner in Erfahrung brachte, ebenfalls vom April 1945: Fünf Nazis aus dem Ort hatten demnach beschlossen, ein Ehepaar und eine Familie umzubringen, weil sie deren Aussagen zufolge den Einmarsch der amerikanischen Truppen fürchteten. Vom Verwandten eines der Nazis gewarnt, flüchteten die Bedrohten bei Nacht in den Steigerwald. Ihr Haus wurde tatsächlich am nächsten Morgen gestürmt. Einen Tag später wurde der Ort noch bombardiert, dann marschierten die Amerikaner ein.

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