Jesserndorf

Via Bierdeckel auf die Theaterbühne

„Beamte sterben langsam“ heißt das aktuelle Stück der Jesserndorfer Theatergruppe. Der Titel spricht dafür, dass es für das Publikum viele Gründe zum Lachen geben wird – anders als in den Anfangsjahren der Schauspielergruppe im 234-Seelen-Dorf. Damals beherrschte die Tragödie die Bühne im Saal der Gaststätte Hümmer.
Foto: Gudrun Klopf | „Beamte sterben langsam“ heißt das aktuelle Stück der Jesserndorfer Theatergruppe. Der Titel spricht dafür, dass es für das Publikum viele Gründe zum Lachen geben wird – anders als in den ...

Warum bin ich tot und weiß nichts davon?“, fragt sich Norbert Schläfer verwundert. Sei es vom Alkohol oder weil ihm eine Plastiktüte übergestülpt wird – immer wieder schwinden dem Beamten die Sinne. Dirk Kammlott alias Inspektor Schläfer ist eine der (vermeintlichen) Leichen, die sich auf der Bühne im Saal der Gastwirtschaft Hümmer in Jesserndorf tummeln. Dort feilen die Mitglieder der Theatergruppe unter der Regie von Rüdiger Ebert an ihren Auftritten und geben dem diesjährigen Stück den letzten Schliff. Die Zeit ist knapp: In wenigen Tagen schon startet die Theatersaison in Jesserndorf und der Vorhang zur Premiere von „Beamte sterben langsam“ wird sich öffnen.

Tragische Anfänge in den Siebzigern

So lustig wie heute ging es in den Anfangsjahren der 1971 gegründeten Theatergruppe auf der Jesserndorfer Bühne nicht zu. Die Titel der in den Siebziger- und Achtzigerjahren unter der Leitung von Manfred Fausten gespielten Heimatstücke wie „Der blinde Förster“, „Und die Berge schwiegen“ oder „Sturm über den Gipfeln“ lassen Dramatisches erahnen. Vielleicht, um die Zuschauer nach all dem tragischen Geschehen wieder aufzumuntern, schloss sich der Heimattragödie immer ein lustiger Einakter auf der Bühne an. Die Zeit der rührseligen Heimatdramen war in den Neunzigerjahren vorbei. Unter der Leitung von Klaus Müller wichen sie auch auf der Jesserndorfer Bühne Komödien, Lustspielen und Schwänken.

Ab 2002 dirigierte Karl-Heinz Mock die Schauspieler, bis er schließlich 2011 von Rüdiger Ebert abgelöst wurde. Im Theaterbetrieb zählt Ebert zu den alten Hasen. Seit 1987 steht er auf der Bühne. In diesem Jahr sitzt er zum ersten Mal davor und führt Regie, ohne selbst mitzuwirken. „Gleichzeitig spielen und Regie führen, das war immer recht schwierig“, schildert er. Da gehe leicht der Überblick verloren. Die Stücke wählt Ebert nach der Anzahl der zur Verfügung stehenden Schauspieler und deren Alter aus. „Eine Zwanzigjährige kann eine Oma einfach nicht glaubhaft spielen“, ist er überzeugt.

Die Truppe ist flexibel und stets offen für Neue, die Theaterluft schnuppern wollen. Immer wieder setzt mal einer aus oder findet ein früherer Mitspieler zurück auf die Bühne. Erfahrene Spieler wie der seit 30 Jahren aktive Markus Fausten stehen neben Neulingen auf der Bühne. Ihr Debüt gibt in diesem Jahr Hanna Ebert. Neu ist das Theaterspielen für sie aber keineswegs. Schon als Kind war sie mit ihren Schwestern stets bei den Proben dabei, als ihre Mutter Marion noch auf der Bühne stand. Die hat mit ihren Töchtern inzwischen quasi den Standort getauscht und versorgt die ganze Truppe lieber ab und an nach der Probe mit Leckereien. „Vier Familienmitglieder auf der Bühne – das reicht“, sagt sie. Denn neben ihrem Mann Rüdiger und Tochter Hanna mischen auch die Töchter Christin und Jessica beim Bühnenzauber kräftig mit. „Aber einmal mit Mama auf der Bühne stehen – das wäre schon toll“, wünscht sich Tochter Hanna.

Gemeinsam mit alteingesessenen Jesserndorfern unterhalten aber auch Zugezogene das Theaterpublikum. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich mal Theater spiele“, sagt der aus Thüringen stammende Dirk Kammlott. Seit zehn Jahren genießt er das turbulente Theaterleben und die Gemeinschaft mit den anderen Spielern.

Und die wird gepflegt, bei gemeinsamen Ausflügen, Essen oder bei der großen Bühnenparty, die nach jeder letzten Vorstellung steigt. Früher seien sogar die Familien der Mitspieler jährlich gemeinsam eine Woche beim Skifahren gewesen. „Wer will, kommt in Jesserndorf gut in die Dorfgemeinschaft rein“, ist Rüdiger Ebert überzeugt. Beste Gelegenheit böten da neben der Theatergruppe die sieben aktiven Vereine in dem 234-Seelen-Dorf.

Vorsicht ist in den Jesserndorfern Wirtshäusern geboten. Dort haben schon öfters sogenannte „Bierdeckelverträge“ für Nachwuchsspieler in der Theatergruppe gesorgt. Eine lockerer Spruch in fortgeschrittener Bierlaune – schon ist man dabei, auf den Brettern, die die Welt bedeuten. „Euer bisschen Spielerei, da könnte ich auch locker mithalten“ – eine unbedachte Prahlerei, eine Unterschrift auf einem Bierdeckel dazu und Sebastian Kreb durfte sein bislang verborgenes schauspielerisches Talent unter Beweis stellen. „Und wer einmal mitgespielt hat, der bleibt meist dabei“, freut sich Leiter Rüdiger Ebert. Auch Sebastian Kreb ist seit seinem Einstieg 2014 ein festes Mitglied der Truppe und darf im diesjährigen Stück unter anderem die zweite Leiche spielen.

Ebenso halten die zahlreichen Helfer vor und hinter der Bühne der Truppe die Treue, wie etwa Kilian Lurz, der seit vielen Jahren für die Bühnenausstattung sorgt. „Den Saal bekommen wir für die Proben und Aufführungen kostenlos“, sagt Ebert. Die Seniorchefin Klara Hümmer habe zu ihrer Zeit immer zum Gelingen der Vorstellungen einen Schnaps für die Schauspieler beigesteuert.

Finanzielle Hilfe für Südafrika

Den gesamten Erlös der Aufführungen stellt die Truppe jedes Jahr Missionsschwester Dagmar zur Verfügung. Die 78-Jährige stammt aus Jesserndorf und ist seit 1972 in Mariannhill in Südafrika im Einsatz. Die Spenden kommen vor allem Kindern aidskranker Eltern zugute, und werden für Schulgeld, Schuluniformen, Schulausstattung oder aber einen Spielplatz eingesetzt. Wenn Schwester Dagmar ihre Heimat besucht, berichtet sie über die verschiedenen Projekte in Südafrika. Über die Verwendung der Spendengelder machten sich auch öfters schon Mitglieder der Theatergruppe vor Ort ein Bild. „Die Familien und Kinder bekommen dort nichts geschenkt. Sie müssen immer auch mitarbeiten und ihren Teil zum Projekt leisten“, weiß Kilian Lurz zu berichten.

Wer die Jesserndorfer Schauspieler im Stück „Beamte sterben langsam“ sehen und gleichzeitig die Projekte in Südafrika unterstützen will, kann dies am Freitag, 8., Samstag 9., Freitag, 22., und Samstag, 23. Februar, jeweils um 19 Uhr tun sowie am Sonntag, 10. Februar um 14 Uhr im Saal der Gastwirtschaft Hümmer in Jesserndorf.

Karten gibt es im örtlichen Edeka-Laden Schmitt und unter Tel. (0 95 31) 209.

Hochkonzentriert: Rüdiger Ebert stand lange Jahre auf der Jesserndorfer Bühne, jetzt führt er Regie.
Foto: Gudrun Klopf | Hochkonzentriert: Rüdiger Ebert stand lange Jahre auf der Jesserndorfer Bühne, jetzt führt er Regie.
Die „Theatergruppe Jesserndorf” spendet die Erlöse ihrer Aufführungen für die Arbeit der Missionsschwester Dagmar, die aus Jesserndorf stammt.
Foto: Gudrun Klopf | Die „Theatergruppe Jesserndorf” spendet die Erlöse ihrer Aufführungen für die Arbeit der Missionsschwester Dagmar, die aus Jesserndorf stammt.
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