Haßfurt

„Viele sind bereit, sich ehrenamtlich einzubringen“

Bischof Dr. Friedhelm Hofmann (links) beim Redaktionsgespräch mit (weiter von links) Redakteur Wolfgang Sandler, Manfred Müller, Sekretär des Bischofs, Redakteur Matthias Lewin (im Vordergrund), Bernhard Schweßinger, Pressesprecher der Diözese, Dekan Stefan Gessner und Dekanats-Referent Günter Schmitt.
Foto: HT-Reitwiesner | Bischof Dr. Friedhelm Hofmann (links) beim Redaktionsgespräch mit (weiter von links) Redakteur Wolfgang Sandler, Manfred Müller, Sekretär des Bischofs, Redakteur Matthias Lewin (im Vordergrund), Bernhard Schweßinger, ...

Bischof Dr. Friedhelm Hofmann visitiert seit Montag das Alt-Dekanat Haßfurt, in dem rund 26 000 Katholiken leben und das heute zusammen mit dem ehemaligen Dekanat Ebern das Dekanat Haßberge bildet. Zusammen mit Weihbischof Ulrich Boom besucht er die fünf Pfarreiengemeinschaften Aidhausen-Riedbach, Sankt Kilian Haßfurt, Hofheim, Knetzgau und Theres. Kurz vor der offiziellen Eröffnung der Visitation (siehe eigenen Bericht auf der Titelseite) besuchte Bischof Hofmann zusammen mit seinem persönlichen Sekretär Manfred Müller, Dekan Stefan Gessner, Dekanats-Referent Günter Schmitt und Bernhard Schweßinger, Pressesprecher der Diözese Würzburg und Leiter der Pressestelle, das Haßfurter Tagblatt, beantwortete Fragen der Redaktion und erzählte von den Zielen der Visitation und den Chancen, die sich daraus ergeben.

Natürlich kann eine Frage nicht ausbleiben, die wie kaum ein anderes kirchliches Thema in jüngster Zeit die Schlagzeilen beherrscht: Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und seine Folgen für die katholische Kirche. Der Limburger Bischof war wegen seines Führungsstils und der drastisch gestiegenen Kosten für die neue Bischofsresidenz in die Kritik geraten. Derzeit nimmt Tebartz-van Elst eine Auszeit in einer Benediktinerabtei in Niederbayern, nachdem er vom Papst beurlaubt worden war.

„Sie merken ja, dass sehr viel in Unruhe ist, dass die Vorgänge in Limburg ja deutschlandweit für Furore gesorgt haben. Wenn man alleine die Kirchenaustritte ansieht... Die Bischofskonferenz hat eine Kommission eingerichtet, die jetzt einmal diesen ganzen Fragen, dem Prozedere nachgeht. Und wir warten jetzt erst einmal die Ergebnisse ab. Vorher kann man nichts Vernünftiges dazu sagen“, so Bischof Friedhelm. „Wir haben ja schon erlebt, dass manche Äußerungen nicht mehr Bestand haben oder zurückgenommen werden. Der Papst hat entschieden, dass der Bischof sich jetzt erstmal erholt, eine Auszeit nimmt, und danach wird geschaut, was können wir weiter machen. Also die Auswirkungen sind ja traurig. Warum? Egal was in Limburg passiert ist, die Art und Weise, wie hier mit einem Menschen umgegangen wird, macht einen traurig. Dass wir so auf einem herumhacken, der schon am Boden liegt, ist nicht nachvollziehbar, ist inhuman. Die Auswirkungen müssen wir abwarten. Wir können nur durch Transparenz und Offenheit versuchen, Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist sicher die Aufgabe aller. Das wird hoffentlich auch in dem nötigen Maße geschehen.“

Sichtlich angenehmer ist es für den Diözesanbischof, den neuen Papst Franziskus vorzustellen: „Wir können uns nur freuen, dass wir diesen Heiligen Vater zurzeit haben, weil er bewusst den Blick auf ein Thema lenkt, das mit dem innersten Wesen der Kirche zu tun hat, das ist Barmherzigkeit, den Blick auf die Armen lenken. Papst Benedikt hat das auch gemacht. Ich kenne viele Schriften von ihm, die uns dazu auffordern. Aber der neue Papst hat irgendwo die Herzen der Menschen erreicht. Er ist so unmittelbar, so eingängig. So dass jeder versteht, was er sagt – und er lebt es uns ja auch vor und insofern ist das für uns eine gute, gute Wahl und wir können uns nur mit ihm freuen.“

Kein Patentrezept hat der Bischof gegen den herrschenden Priestermangel: „Ja, also da können wir höchstens reevangelisieren“, scherzt er ein bisschen. „Wir müssen den Glauben wieder neu implantieren. Ich bin im Sommer in Südamerika gewesen in unserem neuen Partnerbistum Óbidos, das ist ein Bistum, so groß wie die Bundesrepublik Deutschland und hat 20 Priester oder 22. Wir hatten jetzt einige Frauen aus diesem Bistum hier, die zu unserem Diözesanrat gekommen sind, um zu erzählen, wie sie Pastoral vor Ort aufrechterhalten. Und ein Ergebnis ihres Besuches war es, zu sagen, wie viele Priester hier sind. Also genau das umgekehrte Erlebnis. Wir sehen nur, dass es diesen Priestermangel nach unseren Einschätzungen gibt, aber die sehen das völlig anders. Und insofern: wir haben immer weniger Kinder, und immer weniger Familien, in denen der Glaube auch wirklich gelebt wird, wir haben eine Gesellschaft, die sich mehr und mehr säkularisiert. Dann ist es ja kein Wunder, dass auch weniger junge Leute den Weg zum Priestertum finden. Wir müssen uns gewaltig anstrengen, junge Leute zu begeistern und ihnen vorzuleben, dass der Priesterberuf etwas Erstrebenswertes ist, etwas sehr Schönes. Aber sie brauchen auch das Vertrauen, dass sie den Weg gehen. Und wenn Sie einmal sehen: In der Gesellschaft lässt ja auch so die Bindungsfähigkeit nach. Das sieht man auch im Abschluss der Ehen, immer weniger Ehen werden geschlossen. Da merkt man, da ist eine gewisse Angst, sich ein Leben lang zu binden. Das spielt hier natürlich auch eine Rolle. Aber ich freue mich, dass wir immerhin doch in unserem Bistum Würzburg noch 24 Priesteramtskandidaten zurzeit haben. Das ist schon nicht ganz schlecht.“

Priestermangel herrschte vor einigen Jahren nach dem Weggang von Stadtpfarrer P. Reinhold Schmitt auch in der Pfarrei Haßfurt. Damals hielt sich lange Zeit das Gerücht, der Würzburger Bischof habe den Haßfurtern als Strafmaßnahme den Seelsorger verweigert, weil die Kreisstädter ihren Oberhirten beim Besuch der Stele in der Ritterkapelle beschimpft hatten. Dem widerspricht Bischof Friedhelm jedoch entschieden:

„Nein, also das ist ein Gerücht, das können Sie dementieren. Nein, nein, nein, ich glaube, dass Haßfurt gute Seelsorger hat. Also ich weiß nicht, wer das aufgebracht hat. Nein, überhaupt nicht, da ist nichts dran. Das kann man ganz leicht dementieren. Also Sie haben ja nun mit dem Pfarrer Eschenbacher wirklich einen guten Pfarrer“, wird der oberste Hirte der Diözese beinahe heftig.

Und Dekanats-Referent Günter Schmitt ergänzt: „Das war keine Strafaktion, sondern die Folge davon, dass der Pfarrer Eschenbacher nicht passgenau in Miltenberg rausgekommen ist. Das hat etwas gedauert. Ich finde die Wahl übrigens äußerst gut.“

„Das Problem“, so Bischof Friedhelm, „haben ja andere Pfarreien auch und die werden ja wohl nicht dasselbe Argument bringen können.“

Bischof Friedhelm Hofmann freut sich auf die beinahe drei Wochen dauernde Visitation im alten Dekanat Haßfurt und erklärt gerne die Ziele dieses Projekts:

„Der Begriff Visitation kommt ja aus dem Lateinischen visitatio, das heißt Besuch. Ich beziehe mich gerne auf den Besuch Mariens bei Elisabeth, ihrer Cousine. Das heißt, Maria geht hin, um zu sehen, wie es ihrer Cousine Elisabeth geht, und der Bischof kommt in die Gemeinden, um vor Ort zu sehen, wie es den Leuten geht. Und das ist das Anliegen: Festzustellen, was für Freuden, was für Leiden sind vor Ort. Und dann zu helfen, wenn schwierige Situationen da sein sollten, dass man sie löst, aufbricht, aber mit dem Schönen die Leute ermutigt, eben den Glauben in den Familien wieder verstärkt zu leben. Und auch die Freude, in der Gemeinschaft der Pfarreiengemeinschaften sich zurechtzufinden und den eigenen Beitrag leisten zu können.“

„Jeder hat ein besonderes Charisma“, ist der Bischof überzeugt, „wir müssen offen werden für die einzelnen Talente, die da sind, und die auch fördern und mitmachen lassen in Eigenverantwortung. Das ist das, was ich hier eigentlich bei den vielen Begegnungen, die ich haben werde, auch überbringen möchte.“

Und weiter: „Es sind im Grunde alle Möglichkeiten erfasst, um eben die Nähe auch bestimmter Berufsgruppen zu finden. Ob es sich um die Pädagogen handelt, ob es sich um die Erzieherinnen handelt, die Betreuer im Seniorenheim, Pfarrgemeinderäte, Kirchenverwaltungen – das sind ja Leute, die zum großen Teil ehrenamtlich agieren und das muss auch bedankt werden. Und das soll so ein Besuch auch möglich machen.“

„Das Besondere hier ist ja“, so Bischof Friedhelm, „dass wir mit dem alten Dekanat Haßfurt ein Dekanat besuchen, das ja nur ein Teil des neuen Dekanats Haßberge ist. Ebern habe ich schon 2007 visitiert, und da habe ich noch sehr gute Erinnerungen. Es ging damals sehr um die Einrichtung der Pfarreiengemeinschaften. Da war sehr viel Aufklärung nötig. Das ist ja, glaube ich, inzwischen geschehen.“

Und Dekanats-Referent Schmitt ergänzt: „Das ist der Vorteil des ,Zonenrands', dass Dinge, die jetzt in den letzten Jahren hier eingeführt wurden, eigentlich bei uns im Dekanat schon lange gang und gäbe waren. Die erste Pfarreiengemeinschaft gab's im Steigerwald mit Heilig Geist Rauhenebrach. Ich habe 20 Jahre lang in einer Pfarreiengemeinschaft gearbeitet, die sich entwickeln konnte, und jetzt ist es spannend, zu sehen, was sich daraus entwickelt hat. Ich erlebte auch Aufgeregtheiten in Pfarreiengemeinschaften, die geguckt haben, dass jede Pfarrei für sich ist, und nichts zusammen gemacht haben und jetzt durch den Prozess, den sie selbst angestoßen haben, gezwungen wurden, zusammenzugehen. Da gab's noch viel Heulen und Wehklagen. Das erlebe ich so jetzt nicht mehr.“

„Ich habe das auch bei vielen Gesprächen beim Aufbau der Pfarreiengemeinschaften gehört“, so Bischof Hofmann. „Die Kritik, dass ältere Leute sagten, wir durften früher nicht auf die Nachbarkirmes, dort wurden wir verprügelt. Und heute sollen wir zusammenarbeiten. Aber das hat sich doch gelegt. Aber, das frage ich mich, wie hilft man den Leuten in so schwachen Gebieten, wo die Überalterung eminent fortschreitet, wo die Jungen wegziehen. Ist es sinnvoll, da hineinzupumpen und zu sagen, wir müssen das alles am Leben erhalten, oder müssen wir sagen, wir müssen auch gewisse Entwicklungen akzeptieren?“

Dazu Günter Schmitt schon in Vorwegnahme einiger Besuchstermine der Visitation: „Es gibt ein paar Versuche, wie zum Beispiel in Riedbach. Die versuchen, soziale Einrichtungen dort anzusiedeln, die die Leute auch schultern können. Dort gibt es einen Dorfladen, wo die Leute etwas einkaufen können, gekoppelt mit Bibliothek und allem Pipapo. Dann gibt's da oben inzwischen eine Tagespflege für die Leute der Umgebung. Die sichern, dass die jungen Leute arbeiten können, aber abends doch die alten bei den jungen Leuten sind. Da gibt es zum Beispiel auch eine gute Geschichte, dass die kleinen Kindergärten, fast alle nur eingruppig, mit Hilfe der Kommune einen Strukturverein gebildet haben, der die Personalentwicklung, die Leitung und alle diese Dinge übernimmt, und die Kindergärten selber vor Ort können sich auf ihre eigentliche Aufgabe, die Pädagogik, konzentrieren. Wir müssen vor Ort auch als Kirche etwas anbieten. Wir werden es aber nicht schaffen, dass die Leute in einer Pfarreiengemeinschaft zu einem zentralen Gottesdienst gehen. Da verlieren wir einen Großteil der Leute, wir verlieren die Identität der Pfarrei. In einer Befragung kam die Antwort, wir brauchen die Kirche als identitätsstiftenden Faktor im Ort. Also die Menschen brauchen die Kirche, damit sie selber noch die Identität von Gemeinschaft spüren. Und da müssen wir schauen: Wie gelingt uns das?“

Bischof Hofmann: „Es muss ausgewogen sein. Es darf nicht auf Kosten des Verlustes der Messe als Wert gehen. Aber das andere muss man genauso sehen, dass wir die Gemeinschaften stützen. Die Kirche ist auch inzwischen bei diesem Strukturwandel die letzte Institution, die die Gemeinschaft vor Ort aufrechterhält. Aber es interessiert mich auch, wie weit das noch in Zukunft möglich ist.“

Dekan Gessner ergänzt: „Und das wird das Spannende sein: wie bekomme ich die Leute vor Ort dazu, wirklich aktiv zu werden. Vor allem in den kleinen Ortschaften, wo oft die Gemeinde zu klein ist, an Hochfesten große Gottesdienste zu feiern. Wie packe ich da die Gelegenheit, etwas zu etablieren, dass die Gemeinde vor Ort sich bildet, aber doch auch in der großen Feier noch etwas möglich ist.“

Günter Schmitt: „Diese kleinen Feiern, diese Wortgottesfeiern vor Ort, gefährden unsere Eucharistie nicht. Unsere Leute schätzen den Wert der Eucharistie sehr. Und wir merken auch, dass es in vielen Pfarreiengemeinschaften inzwischen auch Leute gibt, die sagen, ich will meine Eucharistie am Sonntag, und die fahren jetzt auch. Die Wanderbewegungen werden stärker. Das in der richtigen Balance zu halten, wird sehr spannend.“

Und Bischof Friedhelm schlägt wieder die Brücke zur Visitation: „Da müssen wir auch die Bedürfnisse vor Ort sehen. Darum geht es ja auch bei einer Visitation. Zu sehen, was ist wo wie. Man kann nicht alles über einen Leisten scheren. Es sind ganz unterschiedliche Situationen im Bistum. Bei meiner Visitation in Ebern habe ich so viel ehrenamtliches Engagement gesehen. Da kann man nur den Hut ziehen vor den Leuten. Es wird immer gesagt, das Ehrenamt geht zurück. So stimmt das gar nicht. Es sind viele bereit, wenn denn die entsprechenden Angebote gemacht werden, dass sie sich einbringen.“

Und abschließend: „Jugendarbeit ist auch ein großes Thema. Wie erreichen wir die Jugend, auch unter veränderten Bedingungen mit Internet und Facebook und was es da alles gibt. Da werden wir bei der Visitation auch Einiges sehen – und da freue ich mich schon drauf.“

Bischof Dr. Friedhelm Hofmann erklärend.
Foto: HT-Reitwiesner | Bischof Dr. Friedhelm Hofmann erklärend.
Bischof Dr. Friedhelm Hofmann abwehrend.
Foto: HT-Reitwiesner | Bischof Dr. Friedhelm Hofmann abwehrend.
Bischof Dr. Friedhelm Hofmann präsentierend.
Foto: HT-Reitwiesner | Bischof Dr. Friedhelm Hofmann präsentierend.
Michael Gerhart, Geschäftsführer der Haßfurter Tagblatt Verlag GmbH, führte Bischof Dr. Friedhelm Hofmann vor dem Redaktionsgespräch durch die Produktionsstätten des Betriebes und der Firma Haßfurter Medienpartner.
Foto: HT-Reitwiesner | Michael Gerhart, Geschäftsführer der Haßfurter Tagblatt Verlag GmbH, führte Bischof Dr. Friedhelm Hofmann vor dem Redaktionsgespräch durch die Produktionsstätten des Betriebes und der Firma Haßfurter Medienpartner.
Bischof Dr. Friedhelm Hofmann erheitert.
Foto: HT-Reitwiesner | Bischof Dr. Friedhelm Hofmann erheitert.
Nichts mehr verpassen: Abonnieren Sie den Newsletter für die Region Haßberge und erhalten Sie zweimal in der Woche die wichtigsten Nachrichten aus Ihrer Region per E-Mail.
Themen & Autoren / Autorinnen
Haßfurt
Benedikt XVI
Bischöfe
Bistum Würzburg
Dekanat Haßberge
Ehrenamtliches Engagement
Eucharistie
Franz-Peter Tebartz-van Elst
Friedhelm Hofmann
Haßfurter Tagblatt
Manfred Müller
Papst Franziskus I.
Päpste
Weihbischöfe
Ziele
Lädt

Damit Sie Schlagwörter zu "Meine Themen" hinzufügen können, müssen Sie sich anmelden.

Anmelden

Das folgende Schlagwort zu „Meine Themen“ hinzufügen:

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits.

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
Kommentare (0)
Aktuellste Älteste Top

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!