Bamberg

Was das ETA-Hoffmann-Theater in Bamberg ab Oktober bieten wird

Pressekonferenz: Auf der Theaterbühne stellen Intendantin Sibylle Broll-Pape, Chefdramaturg Remsi Al Khalisi (rechts) und Bürgermeister Jonas Glüsenkamp die Pläne für die neue Spielzeit am ETA-Hoffmann-Theater vor.
Pressekonferenz: Auf der Theaterbühne stellen Intendantin Sibylle Broll-Pape, Chefdramaturg Remsi Al Khalisi (rechts) und Bürgermeister Jonas Glüsenkamp die Pläne für die neue Spielzeit am ETA-Hoffmann-Theater vor. Foto: Marion Krüger-Hundrup

Schon die Vorstellung des neuen Spielplans für die Saison 2020/21 war dramaturgisch perfekt. Weckte Neugier auf klassische wie zeitgenössische Stücke, die das ETA-Hoffmann-Theater auf die Bühne bringt. Intendantin Sibylle Broll-Pape und Chefdramaturg Remsi Al Khalisi standen im absoluten Rampenlicht dieser Pressekonferenz für zahlreiche Medienvertreter. Gemäß des Mottos der kommenden Spielzeit "Wo stehen wir?" gaben die beiden Theatermacher klare Antworten, was das Publikum an Antworten zu erwarten hat – trotz eines kleinen, unberechenbaren Virus, der auch dem Spielbetrieb des Theaters in diesem Frühjahr ein vorzeitiges Ende bereitete.

Motto passt zur Situation

Das Motto "Wo stehen wir?" passe auf die derzeitige Situation, erklärte Broll-Pape. Der Lockdown gewähre Zeit zu überlegen, "wo die Gesellschaft steht, wo man persönlich steht". Wie es um "unsere Grundrechte steht: Überlassen wir die Diskussion um Freiheit den Rechten und Verschwörungstheoretikern? Wie steht es um unser Wirtschaftssystem, um Nationalismus und Globalisierung, Klimawandel?", listete die Intendantin Zeitansagen auf.

Ob die Welt sich nach Corona ändern wird und wenn ja, wie, vermag sicher gerade niemand zu sagen. Aber die Situation fordere eine Bestandsaufnahme und Standortbestimmung, dazu wolle das ETA Hoffmann Theater beitragen, so Broll-Pape und sagte im übertragenen Sinne "Vorhang auf" für den Chefdramaturgen, der in die geplanten zwölf Neuproduktionen, davon zwei Uraufführungen und zwei Erstaufführungen, einführte. Anschaulich, unterhaltend, facettenreich, berührend, künstlerisch anspruchsvoll, changierend zwischen Champagnerlaune und apokalyptischer Düsternis versprechen diese Stücke zu werden.

Saisonstart mit einem Liederabend am 3. Oktober

Saisonstart ist der 3. Oktober mit dem Liederabend "Schöne Aussichten!" unter der musikalischen Leitung von Bettina Ostermeier. Sibylle Broll-Pape führt Regie und versprach bereits jetzt ein fulminantes Wiedersehen mit dem Publikum, das gefeiert werden solle. Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem in den vorherigen Spielzeiten bewährten Ensemble. Lediglich zwei Schauspieler haben an größere Theater gewechselt, zwei Mimen kommen neu nach Bamberg.

Ab Oktober heißt es wieder 'Vorhang auf' im Bamberger ETA Hoffmann Theater.
Ab Oktober heißt es wieder "Vorhang auf" im Bamberger ETA Hoffmann Theater. Foto: Marion Krüger-Hundrup

Am  9. Oktober 2020 geht es mit Anton Tschechows Komödie "Der Kirschgarten" weiter im Spielplan (Regie: Sibylle Broll-Pape). Darin treffen die nostalgischen Bewahrer auf den blitzgescheiten Aufsteiger, der erkannt hat, dass die Zukunft Sentimentalitäten nicht verzeihen wird. Björn SC Deigners Theaterstück "Die Polizey" (Uraufführung: Daniel Kunze) ist ein Auftragswerk, welches basierend auf Schillers Fragment "Die Polizey" Polizeigeschichte ebenso wie Verschwörungen in und um den Polizeiapparat untersucht. Die Klimatrilogie "paradies fluten/hungern/spielen" (Erstaufführung aller drei Teile: Cilli Drexel) beleuchtet die Migrationsströme und die Ausbeutung von Mensch und Natur vor historischem Hintergrund – mit beunruhigenden Erkenntnissen für das 21. Jahrhundert. Das Weihnachtsmärchen 2020 wird "Herr Bello und das blaue Wunder" des berühmten Bamberger Kinderbuchautors Paul Maar sein. Regie führt Jana Vetten. In Mark Ravenhills "Der Stock" (Deutschsprachige Erstaufführung: Matthias Köhler) kommt durch die gnadenlos-bissigen Dialoge der Kern der Debatte um Machtmissbrauch zum Vorschein, althergebrachte Auffassungen zerbrechen an den Anforderungen der Gegenwart. Mit "Gott ist 3 Frauen (Gi3F)" (Uraufführung: Jakob Weiss) entwirft Miroslava Svolikova fein und leicht eine Schöpfungsgeschichte, die das menschliche Irren und Streben zwinkernd begutachtet. "Effingers" ist ein großer Familienroman. Er beginnt mit einem Brief des 17-Jährigen Paul Effinger und endet mit dem Abschiedsbrief des nunmehr 80-Jährigen kurz vor der Deportation in die Vernichtungslager 1942. Regie führt Sibylle Broll-Pape. Ausgehend von Hannah Arendts Schriften zum "Bösen" will sich das ETA Hoffmann Theater mit der großen Denkerin des 20. Jahrhunderts beschäftigen. "Die Banalität des Bösen" wird von Clemens Bechtel inszeniert. "Der Riss durch die Welt" (Regie: Sibylle Broll-Pape) ist Roland Schimmelpfennigs neuestes Stück, in dem er seine Figuren mit einem göttlichen Fingerschnipsen rasant von Champagnerlaune in apokalyptische Düsternis springen lässt. Ödön von Horváths Volksstück "Kasimir und Karoline" in der Regie von Stefan Otteni nimmt das Publikum mit auf das Münchner Oktoberfest in Zeiten der Wirtschaftskrise. In "Gold" von Philipp Gärtner (Regie: Wilke Weermann) geht der Spätkapitalismus.

Nur 70 anstatt 400 Zuschauer im großen Saal

"Wir hoffen, dass wir den Spielplan durchziehen können", brachte die Intendantin noch einmal die Unwägbarkeiten des Corona-Virus ins Gespräch. Auch in den Proben, selbst in den Aufführungen müssten die geltenden Hygienevorschriften wie Abstandhalten berücksichtigt werden. "Die Spielweisen ändern sich, die Bühnenbilder müssen angepasst werden", erklärte Broll-Pape. Durch die Corona-Regeln könnten lediglich 70 statt der üblichen 400 Zuschauer im großen Saal Platz nehmen. Doch "wir wollen unbedingt spielen". Auch wenn das Theater "durch den gigantischen Einnahmeverlust ins finanzielle Loch fällt und gefallen ist". Broll-Pape hofft, dass "wir finanziell nicht von der Stadt Bamberg im Stich gelassen werden".

Plädoyer für die Kultur

Die Theaterchefin schaute aufmerksam Zweiten Bürgermeister Jonas Glüsenkamp (Grüne) an, der als kommissarischer Kulturreferent an der Pressekonferenz teilnahm. Der konnte noch keine klare Aussage darüber treffen, ob in der städtischen Haushaltskasse "wegen und nach Corona" ausreichende Mittel für den Kulturbetrieb drinnen sein werden. Zumindest legte Glüsenkamp ein geradezu leidenschaftliches Plädoyer für die Kultur generell ab, die keine Nebensache sei, sondern zentraler Bestandteil der Stadtgesellschaft. Dass das ETA-Hoffmann-Theater wieder offensiv in eine neue Saison gehe, sei ein "Hoffnungsschimmer wie Löwenzahn, der durch den Asphalt bricht", sagte der "grüne" Bürgermeister Glüsenkamp. Und würdigte das "für gesellschaftlich relevante Stücke überregional vielfach ausgezeichnete Theater", das mit Herzblut von dem ganzen Team um Sibylle Broll-Pape und Remsi Al Khalisi wirksam in Szene gesetzt werde.

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