Haßfurt

Corona: Wie ein Main-Post-Redakteur die Quarantäne erlebte

Als Reiserückkehrer aus Nordholland musste Peter Schmieder in häusliche Isolation. In seinem Erfahrungsbericht geht es um Hilfsbereitschaft, aber auch um Behörden-Chaos.
Reiserückkehrer aus Risikogebieten müssen sich auf Corona testen lassen. Dafür gibt es mittlerweile viele Teststationen, zu denen man mit dem Auto fahren kann (Symbolbild). Danach heißt es: Warten auf ein Ergebnis.
Foto: Sven Hoppe, dpa | Reiserückkehrer aus Risikogebieten müssen sich auf Corona testen lassen. Dafür gibt es mittlerweile viele Teststationen, zu denen man mit dem Auto fahren kann (Symbolbild). Danach heißt es: Warten auf ein Ergebnis.

Spätestens seit März sind die Begriffe "Quarantäne" und "häusliche Isolation" in aller Munde. Wir alle wissen, dass es jeden von uns treffen kann: Einmal zu einer Person Kontakt gehabt, die kurz darauf positiv auf Corona getestet wird, und schon bekommt man selbst auferlegt, dass man einige Tage das Haus nicht verlassen darf. In der Theorie wissen wir alle, was das bedeutet. Aber wie es sich dann tatsächlich anfühlt, das wissen wir erst, wenn wir es selbst erleben – so wie meine Frau und ich vor zwei Wochen. Geärgert haben wir uns dabei vor allem über widersprüchliche Informationen von den Behörden.

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Gespenstische Stille in der Ferienhaussiedlung

Unsere Geschichte beginnt mit einer Reise in unser Ferienhaus in den Niederlanden. Bei der Anreise zählt die Provinz Nordholland noch nicht als Risikogebiet. Und ein echtes Risiko gehen wir auch nicht ein, denn das Ferienhaus liegt in einer ländlichen Region, in der es bisher kaum Corona-Fälle gab. Doch während wir dort sind, steigen in der Metropole Amsterdam die Fallzahlen. Deutschland erklärt sie zum Risikogebiet und mit ihr die gesamte Provinz Nordholland – auch solche entlegenen Winkel auf dem Land wie unsere Ferienhaussiedlung. In der wird es dann in den nächsten Tagen gespenstisch still, denn mit der Nachricht vom Risikogebiet reisen fast alle Deutschen ab – außer uns, denn wir haben noch eineinhalb Wochen Urlaub und: "Jetzt, wo wir hier sind, ist es doch sowieso schon wurscht."

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Die nächste Woche fühlt sich seltsam an: So lange wir in Holland sind, können wir uns frei bewegen, normal einkaufen, an den Strand gehen, wandern oder auch mal ein Museum besuchen, doch wir wissen: Sobald wir wieder nach Deutschland einreisen, ist alles anders. Und wir beginnen, uns Fragen zu stellen: Mit einer Tankfüllung kommen wir nicht von der Grenze bis nach Hause. Aber darf ich als Risikogebiet-Rückkehrer so einfach in einen Tankstellenshop gehen, um zu bezahlen?

Peter Schmieder am Strand in Holland: Nach der überstürzten Abreise vieler deutscher Touristen ist hier nur noch wenig los.
Foto: Eva Spanier | Peter Schmieder am Strand in Holland: Nach der überstürzten Abreise vieler deutscher Touristen ist hier nur noch wenig los.

Die Antwort liefert das Internet: Ja, darf ich, denn die Quarantäne beginnt erst mit der Ankunft zuhause. Auf der Fahrt sollen wir zwar unnötige Kontakte vermeiden – also bitte keine Kaffeepause an der Raststätte – aber für nötige Dinge wie das Bezahlen an der Tankstelle oder einen Toilettenbesuch kann uns keiner etwas anhängen. Ein komisches Gefühl bleibt trotzdem.

Vorverurteilung durch Behördenmitarbeiter?

Am Sonntagabend kommen wir zuhause an, für Montagmorgen haben wir bereits von Holland aus einen Termin an der Teststation vereinbart. Die Leute dort sind sehr freundlich und während meine Frau und ich noch Formulare ausfüllen, höre ich mit halbem Ohr, wie eine Teststation-Mitarbeiterin einer anderen von einem geplanten Österreich-Urlaub erzählt. Das beruhigt mich ein bisschen, denn nachdem Gesundheitsminister Jens Spahn von allen "unnötigen Auslandsreisen" abgeraten hatte, habe ich ein bisschen Bammel, von Mitarbeitern offizieller Stellen vorverurteilt zu werden: "Das ist ein Reise-Rückkehrer. Das ist einer, der sich unvorsichtig verhält." Aber wenn diese Frau selbst noch verreisen will, sollte das kein Problem sein.

Dann beginnt das Warten auf das Ergebnis. Drei bis fünf Tage wird es dauern, haben die Damen beim Testzentrum gesagt. Zum Glück können meine Frau und ich beide im Homeoffice arbeiten. Ich kann zwar für ein paar Tage als Reporter keine Termine besuchen, aber schreiben, telefonieren und E-Mails bearbeiten geht auch von zuhause. Angebote von Bekannten und Verwandten, die für uns einkaufen gehen wollen, bekommen wir mehr, als wir brauchen.

Frust über eine Pressemitteilung

Auch ohne Quarantäne gibt es Tage, an denen man keinen Fuß vor die Tür setzt und keinen Besuch bekommt. Trotzdem gibt es einen Unterschied: Es fühlt sich eben anders an, ob man nicht rausgeht, weil man gerade keinen Grund dazu hat, oder ob man es nicht tut, weil man es nicht darf.

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Einen echten Frustmoment erlebe ich am Montag, meinem ersten Arbeitstag in Isolation, als ich für die Zeitung die tägliche Pressemitteilung aus dem Landratsamt über die aktuellen Corona-Zahlen im Landkreis Haßberge bearbeite. Denn bisher sind meine Frau und ich davon ausgegangen, dass die Quarantäne automatisch beendet ist, sobald wir negative Testergebnisse haben – so steht es zumindest auf der Internetseite des bayerischen Gesundheitsministeriums. Doch dann lese ich in der Landratsamts-Mitteilung: "Rückkehrende mit einem negativen Test können sich unter Umständen durch das Kreisgesundheitsamt von der Quarantänepflicht befreien lassen."

"Können"? "Unter Umständen"? Soll das heißen, selbst wenn ich den Beweis vorliegen habe, dass ich nicht infiziert bin, muss ich erst einmal als Bittsteller darauf hoffen, dass die Behörden mir erlauben, wieder vor die Tür zu gehen? Und warum steht dann auf der Seite des Ministeriums etwas anderes?

Das Kleingedruckte nicht gelesen

Besonders beunruhigend daran ist das Gefühl, keine Rechtssicherheit zu haben. Kann hier jeder Landkreis seine eigenen Regeln machen? Müssen Leute eventuell sogar Strafen zahlen, wenn sie sich auf die Angaben des Gesundheitsministeriums verlassen ohne das "Kleingedruckte" ihres heimischen Gesundheitsamtes gelesen zu haben?

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In diesem Moment bin ich froh, meinen Erstwohnsitz nicht mehr im Kreis Haßberge zu haben: Meine Frau arbeitet im Großraum Nürnberg, deswegen haben wir unser gemeinsames Zuhause in Fürth. Zwar habe ich zusätzlich eine Mietwohnung in Haßfurt, um nicht jeden Tag pendeln zu müssen, aber für Quarantäne und Homeoffice bleibe ich in Fürth.

Und das Fürther Gesundheitsamt scheint da viel entspannter zu sein. Als wir dort per E-Mail mitteilen, dass wir in Holland waren und jetzt auf unsere Testergebnisse warten, bekommen wir eine Antwortmail, die uns sagt, dass wir das Haus wieder verlassen dürfen, sobald wir ihnen unser negatives Testergebnis schicken. "Eine Antwort von uns brauchen Sie nicht abzuwarten." Im Gegensatz zum Alarm-Tonfall der Haßfurter Behörden klingt das eher wie ein großes "Bassd scho!"

Ergebnis nach 48 Stunden

Eine Nachfrage bei der Pressesprecherin des Landratsamts Haßberge ergibt übrigens, dass auch dort die Quarantäne üblicherweise beendet wird, wenn ein negativer Test vorgelegt wird. Sie ende aber nicht automatisch, weil "mit den Betroffenen nochmal Rücksprache genommen wird, ob Symptome vorhanden sind oder nicht". Am nächsten Tag ist die Pressemitteilung dennoch anders formuliert. Auf einmal heißt es auch in Haßfurt: "Die Quarantänepflicht endet vorzeitig, wenn..."

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Im Gegensatz zu dem Ärger, den die widersprüchlichen Behördenangaben bei mir ausgelöst haben, ist die häusliche Isolation dann gar nicht so schlimm. Tatsächlich sorgt auch die Arbeit für eine gewisse Ablenkung. Das negative Testergebnis ist dann auch sehr schnell da: Am Mittwochvormittag, nur etwa 48 Stunden nach dem Test – ich befinde mich gerade in einer Telefonkonferenz mit meinen Kollegen – kommt meine Frau in mein Arbeitszimmer und hält mir ihr Handy mit der Nachricht unter die Nase.

Hamsterkäufe? Nicht nötig!

Und was ist nun das Fazit aus diesen Erlebnissen? Zum einen: Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist groß. Man muss weder Klopapier noch Nudeln hamstern, denn im Fall einer Quarantäne finden sich mehr als genug Leute, die mal den Einkauf übernehmen. Mit der Isolation ist es wie mit vielen anderen Dingen auch: Die Angst davor ist oft schlimmer als die Sache selbst. Zum anderen: Es ist wichtig, vernünftige Informationen zu haben und nicht das Gefühl zu bekommen, behördlicher Willkür ausgeliefert zu sein. In diesem Bereich besteht noch etwas Nachbesserungsbedarf.

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