Haßfurt

Droht Wanderern Gefahr durch Eisschlag an Windrädern?

Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sind auch für Windenergieanlagen eine Herausforderung. Zur Frage, ob die rotierenden Riesen bei Eis und Schnee für Menschen gefährlich sind.
Ganz so viele Windenergieanlagen wie hier im Windenergiepark Odervorland gibt es im Windpark Sailershausen nicht. Droht dennoch im Winter Gefahr von vereisten Windrädern?
Foto: Patrick Pleul, dpa | Ganz so viele Windenergieanlagen wie hier im Windenergiepark Odervorland gibt es im Windpark Sailershausen nicht. Droht dennoch im Winter Gefahr von vereisten Windrädern?

Temperaturen um den Gefrierpunkt und zum Teil deutlich darunter verspricht die Wetterprognose für die nächsten eineinhalb Wochen. Das bedeutet Kälte, vielleicht Schnee und auf jeden Fall Eis. Was automatisch auch einige Gefahren in sich birgt. In diesen Zeiten wird Windenergieanlagen in dem Zusammenhang immer wieder unterstellt, sie könnten durch eisige Wurfgeschosse von ihren Propellern zur Bedrohung für harmlose Spaziergänger werden. Müssen Wanderer notgedrungen einen großen Bogen um die rotierenden Riesen machen? Norbert Zösch, Geschäftsführer des Stadtwerks Haßfurt, das den Bürgerwindpark Sailershäuser Wald betreibt, erklärt das schlichtweg für Humbug.

Zahlreiche Sicherungen eingebaut

Von einem solchen Fall habe er noch nicht gehört, so Zösch. Vor allem das Bild vom Eiszapfen durch die Gegend schießenden Windrad verweist er entschieden ins Reich der Fabel und Phantasie. Der Stadtwerkchef weist darauf hin, dass eigens für derartige Eventualitäten zahlreiche Sicherungen in die Windkraftanlagen eingebaut seien. Zum einen, so Zösch im Gespräch mit der Redaktion, könnte sich nur auf stehenden Rotoren Rauhreif ansammeln. Würde es dabei zu größeren Eisbildungen kommen, entstünde bei einem sich langsam andrehenden Rotorrad eine Unwucht, die von speziellen Sensoren festgestellt werde. Die Folge wäre die sofortige Abschaltung des betroffenen Windrades.

Einen längeren Aufenthalt direkt unter einem Windrad sollte man im Winter vermeiden, um nicht von einem herabfallenden Stück Eis getroffen zu werden.
Foto: Thomas Malz | Einen längeren Aufenthalt direkt unter einem Windrad sollte man im Winter vermeiden, um nicht von einem herabfallenden Stück Eis getroffen zu werden.

In den letzten Jahren seien neue Systeme entwickelt worden, die ein sogenanntes Rotorblatt-Monitoring ermöglichen. Dieses Monitoring werde unter anderem zur Eiserkennung genutzt. Die Überwachung erfolge mithilfe von Sensoren, die die Eigenfrequenzen der Rotoren messen. Aufgrund der Gewichtszunahme von vereisten Rotorblättern könne der Grad der Vereisung berechnet werden. Die Monitoringsysteme erkennen auch, ob die Windenergieanlage wieder eisfrei ist.

Heizung für Rotorblätter

Dies sei vor allem bei älteren Windkraftanlagen wichtig, erklärt Zösch. Neuere Systeme seien zumeist sogar mit einer speziellen Heizung ausgestattet, die die Rotorblätter erwärmt, sei es durch feine Heizdrähte in der Oberfläche der Rotorblätter oder Warmluft-Durchströmung der Hohlräume, und so den Eisansatz verhindert. Zudem würden bei Starkwind im Anlagenbetrieb die Rotorblätter "gepitcht", das heißt aus dem Wind gedreht, um im Falle von Blitzeisbildung an einem Rotor ein Katapultieren von Eisbrocken zu unterbinden.

"Windenergieanlagen sind auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, bei Eisregen und Schneefall sicher."
TÜV Nord

Zösch erhält Unterstützung vom TÜV Nord, der eigens zu diesem Thema eine Mitteilung verfasst hat. Der TÜV schreibt: "Windenergieanlagen sind auch bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, bei Eisregen und Schneefall sicher." Für einen unbesorgten Winterspaziergang gebe es jedoch einige Hinweise zu beachten. Um das Risiko für Mensch und Umgebung möglichst gering zu halten, erstellen die Windenergiefachleute vom TÜV Nord eigens Analysen zu dem Thema und geben den Betreibern Maßnahmen zur Reduzierung des Risikos an die Hand.

Nicht unter dem Windrad aufhalten

Natürlich weiß auch Norbert Zösch, dass sich an Rotoren Eis bilden kann. "Das ist nicht anders als an jedem Haus oder jedem Baum", sagt Zösch. "Man sollte sich halt nicht direkt darunter aufhalten, sondern nur auf den ausgewiesenen Wander- oder Feldwegen bewegen." Um folglich wirklich in Gefahr zu geraten, so Zösch, müsste man querfeldein zu einem Windrad laufen und sich so lange unter ein vereistes Rotorblatt stellen und warten, bis sich von diesem endlich ein Eisbrocken löst. 

Risikobeurteilung durch Fachleute

Ähnlich sieht es der TÜV, dessen Fachleute regelmäßig zu Risikobeurteilungen herangezogen werden. Diese seien Teil jedes Genehmigungsverfahrens. Das heißt, noch bevor eine Anlage gebaut wird, berechnen die Expertinnen und Experten, ob die Anlage Mensch und Umgebung potenziell gefährden könne. In diese Risikobeurteilung flössen unter anderem die Wetterbedingungen an dem geplanten Standort ein und welche Schutzobjekte wie Straßen, Betriebsgelände oder Ähnliches sich in der Nähe befinden.

Sieht die Genehmigungsbehörde auch nur eine geringe Möglichkeit der Gefährdung durch Eisschlag an einem Windrad, müssen Warnschilder aufgestellt werden.
Foto: Norbert Vollmann | Sieht die Genehmigungsbehörde auch nur eine geringe Möglichkeit der Gefährdung durch Eisschlag an einem Windrad, müssen Warnschilder aufgestellt werden.

Es werde auch berechnet und simuliert, so der TÜV Nord, wie viel Eisobjekte sich an den Rotorblättern bilden und wohin diese im schlimmsten Fall fliegen könnten. Kommen die Fachleute zu dem Ergebnis, dass von der geplanten Windenergieanlage ein erhöhtes Risiko ausgehen könnte, empfehlen sie verschiedene Maßnahmen, um dieses zu minimieren. So könne es auch sein, dass für den gefährdeten Bereich Warnschilder aufgestellt werden müssten.

Welche Maßnahmen umzusetzen sind, entscheide die für das Genehmigungsverfahren zuständige Behörde, so die Verlautbarung des TÜV. Denn es seien zwar in Deutschland bislang keine Fälle bekannt, in denen Menschen durch herabfallendes Eis von Windenergieanlagen zu Schaden gekommen seien, dennoch bestehe immer auch eine potenzielle Gefährdung.

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