KITZINGEN

Ärger am Kitzinger Friedhof: ein Trauerspiel

Trauernde auf dem Neuen Friedhof in Kitzingen werden in diesen Wochen bei Beerdigungen wortwörtlich im Regen stehen gelassen. Foto: Kathrin Jünk

Kathrin Jünk ist geschockt. Und sie ist nicht die Einzige. Die Übergangslösung am Neuen Friedhof in Kitzingen ärgert einige Trauergäste. Die Stadt setzt auf den Faktor Zeit.

Im April gingen die Renovierungsarbeiten an der Aussegnungshalle los. Die gesamte Technik ist veraltet, alle Gebäudeteile müssen erneuert werden. Das Gebäude stammt aus den 1950er Jahren. Bei Beerdigungen wurde zunächst der Arkadenbereich neben der Halle genutzt, im Sommer stellte die Stadt zusätzlich ein Zelt auf. Als Schutz vor Sonne und Regen war es gedacht. Jetzt hagelt es Kritik.

„Die Übergangslösung ist entwürdigend.“
Bürgerin aus Kitzingen

„Die aktuelle Situation im Neuen Friedhof ist für Menschen, die von ihren Toten Abschied nehmen wollen, kaum erträglich“, schreibt Kathrin Jünk in einem Brief an diese Redaktion. Dass die Aussegnungshalle renoviert werden muss, sei verständlich. „Aber die daraus entstandene Situation hat mit einem würdevollen Abschied nichts zu tun.“ Eine weitere Kitzinger Bürgerin, die nicht namentlich genannt werden will,findet in ihrem Brief an die Stadt, der dieser Redaktion vorliegt, noch deutlichere Worte: „Die Übergangslösung ist entwürdigend.“

Seit dem Sommer steht vor der eingerüsteten Aussegnungshalle ein blau-weißes Festzelt, das Platz für etwa 30 bis 40 Personen findet. „Eine Notlösung“, bestätigt die Sprecherin der Stadt, Claudia Biebl. Zunächst habe die Stadt ganz ohne Zelt geplant, sei dann auf die Anregungen von Bestattungsunternehmen eingegangen und habe bei den regionalen Verleihern einen entsprechenden Schutz vor der Sonne gesucht. „Wir mussten nehmen, was noch vorhanden war“, sagt sie und bittet um Verständnis. In der Fest-Saison seien Zelte rar gesät. Viel größer hätte das Zelt auch nicht ausfallen können. „Wir müssen mit den Gegebenheiten vor Ort umgehen.“

Kathrin Jünk will sich mit den Gegebenheiten nicht zufrieden geben. „Am Tag der Beerdigung meines Opas hat es den ganzen Tag über stark geregnet“, berichtet Jünk. Um sich vor dem Regen zu schützen, wollten sich etliche Angehörige bei den Arkaden unterstellen. „Nach kurzer Zeit wurden sie weggeschickt und mussten sich wieder auf die Freifläche stellen“, berichtet sie. Weitere Sitzgelegenheiten für die älteren Trauernden? Fehlanzeige. „Obwohl wir im Vorfeld darum gebeten hatten.“ Die Beerdigung ihres Großvaters wird Kathrin Jünk deshalb im doppelten Sinne in trauriger Erinnerung behalten. „Am Ende der Trauerfeier mussten wir durchnässte Kondolenzlisten entgegennehmen. Und die Gäste konnten ebenfalls nur nasse Sterbebildchen mitnehmen.“

Ihr Onkel Udo Eckoff und seine Frau sind diesem Tag rund 300 Kilometer aus Kehl angereist. „So etwas Geschmackloses seitens einer Stadt, einer Gemeinde oder einer Friedhofsverwaltung haben wir noch nie erlebt“, schreibt er an Oberbürgermeister Siegfried Müller und bietet an, einen Festzeltverleiher „aus der Ferne“ zu ermitteln und zu vermitteln, der ein entsprechendes Zelt mit weißen Seitenteilen verleiht und aufstellt. „Pietät sollte nicht an ein paar Euro scheitern.“

Für Kathrin Jünk war die Beerdigung ihres Opas nicht die erste schlechte Erfahrung auf dem Neuen Friedhof. Einige Wochen vorher weilte sie auf einer anderen Beisetzung. „Mitten im Trauergottesdienst hörte man die Bauarbeiter mit ihrem Bohrhammer arbeiten“, erinnert sie sich. „Erst als sich der Bestatter einschaltete, hörte der Lärm auf.“ Wieso die Verantwortlichen von Stadt und Friedhof nicht fähig sind, den Trauernden trotz der Baumaßnahmen wenigstens diese schwere Stunde in einem angemessenen Rahmen zu ermöglichen, ist ihr schleierhaft.

Die Bürgerin, die unerkannt bleiben möchte, stört sich vor allem an der Optik der Baustelle.

„So etwas Geschmackloses seitens einer Stadt, einer Gemeinde oder einer Friedhofsverwaltung haben wir noch nie erlebt.“
Udo Eckoff Trauerfeierbesucher aus Kehl

Warum die Stadt keinen Sichtschutz aufgestellt hat, leuchtet ihr nicht ein. Hinter dem Baugerüst sei bei der Beerdigung, die sie besucht hatte, kreuz und quer Arbeitsmaterial herumgelegen. „Es wäre doch ein leichtes und absolut notwendig, ein dezentes Transparent anzubringen“, meint sie und fragt in ihrem Schreiben, ob die Kitzinger Bürger wirklich nicht mehr Respekt und Würde verdient hätten. Als sie vor einigen Wochen auf einer Trauerfeier war, hing in dem blau-weiß-gestreiften Festzelt sogar noch ein Schild, auf dem ein Bierpreis angegeben war. Das Schild ist mittlerweile entfernt worden.

Die Frau setzt ihre Hoffnung nun auf den Oberbürgermeister. „Ich bin überzeugt, dass Sie sich ein Bild machen und diese misslichen Zustände abschaffen werden“, schreibt sie in ihrem Brief. Die Hoffnung wird sich wohl als trügerisch erweisen. Ende November soll die Aussegnungshalle so weit fertiggestellt sein, dass dort wieder Beerdigungen abgehalten werden können, informiert Claudia Biebl und ergänzt: Bis dahin wird die Notlösung auch weiterhin Bestand haben.

Ein blau-weiß-gestreiftes Festzelt dient als Übergangslösung. Foto: Ralf Dieter
Die Aussegnungshalle ist eingerüstet. Ende November soll sie wieder für Beerdigungen zu nutzen sein.Fotos: Ralf Dieter Foto: Ralf Dieter

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