DETTELBACH

Alte Posthalterei: Schmökern unterm Stuck-Himmel

Die Würzburger Straße in Dettelbach ist vor ein paar Jahren neu gepflastert worden, und seitdem stört sich mancher am Geräusch der Autos beim Vorbeirollen. Dabei dürfte der Sound wohl nichts sein gegen das Klappern, Ächzen und Knarren einer Postkutsche vor vielleicht hundertfünfzig Jahren!
Ein Schmuckstück: Bauherr Fritz Herrmann vor der sanierten Fassade der alten Posthalterei. Foto: Torsten Schleicher

Derlei Lärm wird es in der Würzburger Straße wohl oft gegeben haben, befand sich hier doch die Posthalterei mit ihren zwei großen Toren. In das eine rein, durch das andere raus – so sei das damals gewesen, kann man heute noch in der Stadt hören.

Von derlei Theorien will Fritz Herrmann, 63, nichts wissen. „Ich glaube nicht, dass es so gewesen ist. Der Wendekreis im Hof ist zu klein, die wären gar nicht herumgekommen.“ Herrmann kennt sich aus mit dem alten Gebäude – er hat es 1996 gekauft.

Ein "Dummer" hat sich gefunden

Es war eines von den Häusern, bei denen die Denkmalpfleger froh sind, wenn sich – Originalton Herrmann – „ein Dummer gefunden hat“. Denn die alte Posthalterei, sie war schon ein rechtes Gerütsch und alles andere als eine Zierde im Straßenbild.

Fragt sich bloß, warum Herrmann sich mit damals 49 Jahren noch so einen Ballast aufhalst. 700 000 Euro kostet die Sanierung, „ohne Eigenleistung“. Dafür hätten sich er und seine Frau Ruth Habberger-Herrmann eine schöne Villa ins Baugebiet am Stadtrand setzen können. Aber ein Haus von der Stange oder aus dem Entwurfsregal eines Architekten, das ist nichts für Fritz Herrmann. „Das Alte hat mich schon immer fasziniert, ich richte gern etwas her“, sagt er. Das glaubt man ihm sofort, wenn man den Blick im fertig ausgebauten Hinterhaus der Posthalterei schweifen lässt. Im großen Wohnraum mit angeschlossener Küche dominieren antike Möbel und allerlei Dekoratives aus alter Zeit.

Spuren im Putz: Familie Herrmann und ihr Leitspruch.
Nun ist es aber schon noch ein Unterschied, einen alten Sekretär zu restaurieren oder ein Haus wie die alte Posthalterei auf Vordermann zu bringen. Im 15. Jahrhundert erbaut und seitdem immer mal wieder umgemodelt, stand der Bau mit der lang gestreckten Fassade seit 1985 leer: „Die Denkmalschützer haben vor uns Scharen von Leuten durch das Haus geführt, keiner wollte es haben.“

Scheune weg - Licht im Innenhof

Die Herrmanns aber wollten – beide. „Meine Frau hat mich immer unterstützt, ohne sie wäre das gar nicht gegangen“, sagt Fritz Herrmann. „Das“ war nämlich nicht nur das von der Straße aus sichtbare Vordergebäude. Im Hof standen noch eine Scheune und ein Hinterhaus.

Die Scheune verschwand als erstes, seitdem ist Licht im Innenhof. Das Hinterhaus, das noch vor dem Hauptgebäude saniert werden sollte, war in einem jämmerlichem Zustand. „Wir haben nur noch die Außenmauern stehen lassen“, berichtet Fritz Herrmann. Das mag man heute nicht mehr glauben, so gemütlich und einladend wie das Haus ist. 2002 sind die Herrmanns mit ihren vier Kindern eingezogen. Der Nachwuchs, heute zwischen neun und 15 Jahre alt, gewöhnte sich schnell an das Leben auf einer Baustelle: „Die Kinder hatten da gleich ihren Abenteuerspielplatz.“

Alte Pracht: noch unsanierte Stuckdecke.
So manches Abenteuer erlebte allerdings auch der Bauherr, als es um die Sanierung des Vorderhauses ging und ein teils marodes Tragwerk zum Vorschein kam: „Die Schäden waren größer als angenommen. Aber wir hatten zum Glück einen guten Architekten und pfiffigen Statiker.“

Als allerdings ein meterlanges Teil der Fassade komplett neu aufgebaut werden musste, kam auch Denkmal-Fan Herrmann an einen Punkt, an dem sich der Enthusiasmus nur noch in engen Grenzen hielt: „Da ging die Stimmung in den Keller. Ich hatte gedacht, wir können die Fassade halten. Aber man muss sich eben darauf einstellen, dass alles etwas länger dauert, dass es Rückschläge gibt. Einem Radfahrer hängt ja am Berg auch die Zunge raus.“

Inzwischen ist die Zunge wieder drin und die Sanierung gut vorangekommen. Von außen ist das Vorderhaus bereits ein Schmuckstück, das am Tag des Denkmals die Besucher in Scharen anzog. Innen ist freilich noch eine Menge zu tun. Zurzeit wird die Wandheizung installiert – schmale gelbe Leitungen, die später nicht mehr zu sehen sein werden.

Noch geht es über Hühnerleitern nach oben

Überhaupt lässt sich nur erahnen, wie es sich in dem Haus einmal leben lassen wird: Noch geht es über Hühnerleitern nach oben, noch sind die prächtigen Stuckdecken teils unter Stützplatten verborgen. Fantasie braucht es also, aber in dieser Hinsicht muss einem bei Fritz Herrmann nicht bange sein. „Ich habe nur Schwierigkeiten, mir ein neues Haus vorzustellen, bei einem alten ist das viel leichter.“

Romantisch: Treppe zum Hinterhaus.
Und so steht bereits fest, dass im Vorderhaus, das bei weitem nicht so viel Raum bietet, wie von außen vermutet, die Kinder ihre neuen Zimmer beziehen werden. Schmökern unterm Stuck-Himmel – das gibt's wohl nicht in jedem Kinderzimmer. Und auch Bücherfreund Fritz Herrmann, von Beruf Psychiater in Werneck, freut sich schon darauf, seine Bibliothek nicht mehr auf dem Dachboden verstecken zu müssen. Ins Denkmal wird wieder Leben einziehen.

Ihre Spuren haben die Herrmanns aber auch so schon hinterlassen – für jedermann sichtbar an der Fassade. Unter einer Tafel mit Jahreszahlen aus der Biografie des Hauses hat die Familie die Hände in den Putz gedrückt. Und da hatte die Denkmalpflege nichts dagegen? „Man muss ja nicht immer fragen“, sagt Fritz Herrmann lächelnd und zitiert den Wahlspruch auf der Tafel. „Beständig ist der Wandel“, steht dort geschrieben.

  

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