KITZINGEN

Aplawia sieht Existenz bedroht

Sinnbild: Sechs von acht Mitarbeitern der Aplawia stehen, bildlich gesprochen, vor einer für sie unüberwindlichen Wand. ... Foto: Ralf Weiskopf

Ein Gesetz, das noch gar nicht in Kraft getreten ist, wirft seine Schatten voraus. Schatten, die auch bei der „Aplawia“ in Kitzingen angekommen sind und dies nicht ohne Folgen, wie Geschäftsführer Knut Rosberg und sein Stellvertreter Volker Lang berichten. Sie haben auf drohende Kürzungen reagiert und das Personal drastisch reduziert.

Das Arbeitslosen-Selbsthilfe-Projekt gibt es in Kitzingen seit 27 Jahren. Der Name steht für „Andere planen, wir arbeiten“. Unter anderem betreibt „Aplawia“ ein Sozialkaufhaus im Lochweg in Kitzingen und bis vor kurzem eine Filiale in Volkach und einen Secondhand-Kleidermarkt in der Herrnstraße in Kitzingen.

Insgesamt 62 so genannte Ein-Euro-Jobber und einige sozialversicherungspflichtige Mitarbeiter waren dort beschäftigt. Heute sind es nur noch 20, die Filiale Volkach und der Kleiderladen wurden geschlossen.

Der „Gesetzentwurf zur Instrumentenreform“ den das Bundeskabinetts am 25. Mai verabschiedet hat, hat laut Entwurf zum Ziel, die Wirksamkeit der beruflichen Eingliederung und Weiterbildung zu verbessern. Das Gesetz soll am 1. April 2012 in Kraft treten und ist Teil des 2010 von der Bundesregierung beschlossenen Sparpakets. Mit dem soll die Bundesagentur für Arbeit bis 2015 7,5 Milliarden Euro einsparen.

„Das Gesetz bedroht unsere Existenz“, fürchten Rosberg und Lang. Das Sparpaket sehe vor, dass Maßnahmen auf dem zweiten Arbeitsmarkt, wie Ein-Euro-Jobs und Arbeitsgelegenheiten für Problemfälle – beispielsweise Menschen mit psychischen Problemen – wegfallen oder nicht mehr in dem Umfang gefördert werden wie bisher. Das trifft laut Rosberg Langzeitarbeitslose, die dann noch weniger Chancen auf eine zumindest befristete bezahlte Arbeit haben. Und es hat auch Auswirkungen auf Vereine wie die „Aplawia“, die Ein-Euro-Jobber beschäftigen.

Rosberg und Lang haben kein Verständnis für die Sparpläne. „Noch bei der 25-Jahrfeier vor zwei Jahren wurden wir gelobt, dass es durch unsere Arbeit gelungen ist, fast alle ehemaligen Ein-Euro-Jobber in den ersten Arbeitsmarkt einzugliedern“, erinnert sich Lang. Viele haben als Leiter der Verwaltung, des Kaufhauses oder bei Firmen, die mit „Aplawia“ zusammenarbeiten, feste Jobs gefunden.

„Es sind Menschen, die sich selbst am Schopf gepackt und aus dem Sumpf gezogen haben, in den sie geraten waren“, so Lang. Menschen, die bei „Aplawia“ landen sind meist allein erziehende Mütter, Jugendliche ohne Ausbildung, Alkoholiker, junge Migranten, Jugendliche aus kaputten Familien und sozialen Brennpunkten. Oft treffen mehrere dieser Faktoren zusammen, erklärt Rosberg. Es sind Menschen, die trotz des boomenden Arbeitsmarktes keine Chancen haben, sich im ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.

„Wir machen mit diesen Menschen keine Arbeitstherapie, indem wir sie Mauern aufbauen lassen, die abends wieder abgerissen werden“, erklärt Rosberg. „Wir versuchen ihnen Grundtugenden, wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit und Gründlichkeit bei der Arbeit zu vermitteln“, ergänzt Lang. „Unser Klientel hat kein Selbstvertrauen und kein Selbstwertgefühlt, wenn sie zu uns kommen. Wenn aber beispielsweise Kunden zu uns ins Kaufhaus kommen, die gebrauchte Möbel abzugeben und sagen, 'Das ist aber toll, was Sie hier machen und dass ich meine gebrauchten Sachen nicht wegwerfen muss', dann merken unsere Leute, dass sie gebraucht werden und sind stolz auf das, was sie tun“, berichtet Lang.

Die beiden Geschäftsführer haben wenig Hoffnung, dass sich an den Sparplänen noch etwas ändert und befürchten weitere Kürzungen. Von ehemals sieben Plätzen für die es eine sogenannte Entgeldförderung gibt, gibt es bei „Aplawia“ derzeit noch einen – und die Stelle wird zum September gestrichen. „Das war ein Erfolgsmodell. Seit 2006 konnten wir elf Mitarbeiter in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln“, sagt Rosberg. Zurückgegangen seien auch die „Zuweisungen“ von Ein-Euro-Jobbern durch das Jobcenter.

Der Bereich, in dem diese Menschen eingesetzt werden dürfen, sei stark eingegrenzt und reglementiert, um nicht mit Firmen auf dem freien Markt zu konkurrieren, sagt Martin Hertlein, stellvertretender Leiter des Job-Centers in Kitzingen. Das Jobcenter prüfe, ob die Voraussetzungen für einen Ein-Euro-Job erfüllt sind und weist die Leute dann Kommunen oder Sozialprojekten wie der Aplawia zu. Dass das neue Gesetz Einsparungen erforderlich machen wird, bestätigt auch Hertlein.

„Was genau kommt, wissen wir bis jetzt auch nicht“, sagt er. Welche Maßnahmen in Zukunft gefördert werden können, hänge von den vorhandenen finanziellen Mitteln ab, die gezielt eingesetzt werden müssen.

„Jährlich rund 150 000 Euro, werden uns durch die Sparmaßnahmen fehlen“, schätz Lang. Um aus der prekären Situation heraus zu kommen, arbeiten er und Rosberg an einem Plan und hoffen dabei auf die Hilfe der Bevölkerung, der Stadt und des Landkreises. „Wenn Bürger uns mehr Gebrauchtmöbel liefern oder mehr Dienstleistungen von Aplawia nachgefragt werden, können wir die wegfallenden Zuschüsse kompensieren“, hofft Rosberg.

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