KITZINGEN

Aufgabe der Zukunft im Landkreis

Über kommunale Daseinsvorsorge im ländlichen Raum diskutierten im Stadtteilzentrum Siedlung (von links): Claudia Spiegel vom VdK Bayern, Hausarzt Edgar Gramlich, Landrätin Tamara Bischof, Referentin Doris Rosenkranz, Moderator Jürgen Gläser und Volker Wedde vom Handelsverband Bayern. Foto: Gerhard Bauer

Das 11. Kitzinger Sozialforum des VdK stand am Montagabend im Stadtteilzentrum Siedlung unter dem Leitwort „Kommunale Daseinsvorsorge im ländlichen Raum“. Der VdK hatte für das Impulsreferat die Professorin im Sozialreferat an der Technischen Hochschule Nürnberg, Doris Rosenkranz, eingeladen.

Verändertes Landleben

In seiner Begrüßung stellte VdK-Kreisvorsitzender Hartmut Stiller fest, dass Leben auf dem Land immer schwieriger werde. Post, Arzt und selbst Ladengeschäfte verschwänden. Die Menschen seien immer mehr auf ein Auto mit großem Kofferraum angewiesen.

Für Ältere auf dem Land und in kleinen Städten werde diese Entwicklung zum Problem. Bei guter Gesundheit älter zu werden, sei zwar erfreulich, gleichzeitig aber schwänden die Angebote. So seien für Hausärzte immer schwieriger Nachfolger zu finden. Daher versuche der VdK neue Wege aufzuzeigen, Politik und Handel seien zudem gefragt.

Doris Rosenkranz wies eingangs auf die veränderte Lebenserwartung hin. 1891 habe diese bei 38 Jahren für Männer und 41 Jahren für Frauen gelegen, 2016 seien es durchschnittlich 78 und 83 Jahre.

Die Verdoppelung der Lebenserwartung sei auch durch gute medizinische Versorgung entstanden. Dadurch und durch schwache Geburtenzahlen verschlanke sich die Bevölkerungspyramide nach einem früheren Geburtenboom. Trotz Zuwanderung erwartet Rosenkranz einen Rückgang der Bevölkerung in Deutschland von aktuell 82,5 Millionen auf 70 Millionen Einwohner in 20 Jahren. Die Entwicklung sei regional unterschiedlich. In Jahrzehnten seien die Menschen mobiler und flexibler geworden, hätten aber weniger Zeit. Einkommensungleichheiten in höheren Lebensjahren und veränderte Lebensformen brächten Probleme mit sich. Daraus entstehe die Frage, wer jemanden im Alter pflege, wenn er kinderlos oder unverheiratet ist. Als Perspektive nannte sie Nachbarschaftshilfen wie Seniorengenossenschaften, die auf gegenseitige Hilfe setzen. Im Landkreis sei die Aktion „eine Stunde Zeit“ bereits etabliert.

Ehrenamtliche Unterstützer bewegten sich jedoch im Alter zwischen 45 und 75 Jahren, es fehlten die jüngeren. Daher müssten die private Unterstützung und Selbsthilfegruppen gestärkt werden.

Landkreis gut aufgestellt

Der Landkreis Kitzingen sieht die Wissenschaftlerin im Vergleich zu anderen bereits sehr gut aufgestellt. Menschen wünschten sich Anlässe um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Kleine Dorfläden seien da ein Lösungsansatz, denn Zusammenwirken in Netzwerken für Mobilität, Einkaufen und Versorgung stehe als Baustein für Selbstverantwortung. Generationenmanagement laute daher die Aufgabe der Zukunft.

Moderator Jürgen Gläser stellte an Landrätin Tamara Bischof gewandt fest, der Landkreis habe bereits alles. Sie unterstrich man müsse beachten, dass mancher nicht bereit sei, sich helfen zu lassen. Sie kündigte für den Bereich Pflege die Einrichtung eines Pflegestützpunktes für alle Pflegefragen am Landratsamt an.

Dorfladen als Lösung?

Hausarzt Edgar Gramlich (Albertshofen) räumte ein zu überlegen, wie sein Rückzug aussehen könne. Er beklagte eine dramatische Zunahme der Bürokratie, gleichzeitig sei die Hausarztpraxis aber auf einem guten Weg zum Fortbestand. Für den Landkreis kündigte er eine dramatische Entwicklung an, da sich rund ein Drittel der Hausärzte dem Rentenalter nähere. Nur Gemeinschaftspraxen könnten wohl überleben. Städte saugten aber wie ein Schwamm den Hausarztnachwuchs weg. Spiegel forderte dafür einen aktualisierten Bedarfsplan, da ältere Menschen auch mehr Ärzte bräuchten.

Die Versorgung des ländlichen Raums mit Mitteln des täglichen Bedarfs ist für Volker Wedde vom Handelsverband Bayern in Würzburg ein Anliegen. Das Angebot Lieferservice sei ebenso möglich wie die Einrichtung von Dorfläden wie beim Kummrei in Buchbrunn. Er würdigte das ehrenamtliche Engagement, das auch erforderlich sei, denn auch ein Dorfladen sei kein Selbstläufer. Dorfläden gebe es vor allem dort, wo sich kleine Läden nicht halten könnten.

Bischof führte dazu an, dass Lebensmittelketten große Verkaufsflächen erwarteten, die seien auf dem Land kaum denkbar. Daher sollten, so Spiegel, Kommunen Verantwortung für solche Läden übernehmen, um die Versorgung zu sichern.

Bezüglich Wohnen in WGs erklärte Rosenkranz, das klinge zwar romantisch, aber niemand wolle das wirklich. Menschen wollten ihr Leben möglichst lange eigenständig führen können. Einkaufen und Arztpraxis seien daher nur ein Aspekt.

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