IPHOFEN

Baldwin Knauf: Kühler Konzernlenker

Er ist einer der herausragenden Persönlichkeiten im Landkreis: Aus vergleichsweise bescheidenen Anfängen hat er vom Standort Iphofen aus einen der größten Baustoffkonzerne der Welt mit aufgebaut. Den wahren Luxus lernt er nach dem Rückzug aus vorderster Reihe kennen: Baldwin Knauf hat endlich Zeit für Familie und manches Hobby.
Gefeiert wie ein Popstar: Baldwin Knauf verkündet im Winter 2007 vor der Belegschaft seinen Abschied aus der vordersten Konzernreihe.
Gefeiert wie ein Popstar: Baldwin Knauf verkündet im Winter 2007 vor der Belegschaft seinen Abschied aus der vordersten Konzernreihe. Foto: FOTO Robert Haass

Wo denn die besten Pilze wüchsen hier? Baldwin Knauf spaziert den langen Waldweg entlang, der vom Regen der letzten Tage aufgeweichte Boden suppt unter seinen Füßen – und der groß gewachsene, grau melierte Herr, der auch im ausgehenden siebten Lebensjahrzehnt noch immer mächtig und erhaben wie eine deutsche Eiche wirkt, lässt den Blick schweifen durch den dunklen Tann. Zu seiner Linken marschiert Iphofens Stadtförster Rainer Fell, der hier jeden Baum und jedes Fleckchen Erde kennt und der seinem interessierten Gegenüber in der erdfarbenen Hose und dem blattgrünen Regenblouson schließlich die erwünschte Auskunft erteilt. Knauf hat sich den Abend frei gehalten, um mit den ehemaligen Kollegen des Iphöfer Stadtrates informell durch den Forst zu schreiten. Das hat Tradition – einmal jährlich begibt sich der Magistrat unter der Führung von Bürgermeister Josef Mend zum besseren Verständnis auf Stippvisite in den Stadtwald. Am späteren Abend sitzt die Gruppe zum gemütlichen Ausklang bei Spanferkel oder Antipasti in Knaufs kleiner Jagdhütte und plaudert über Gott und die Welt.

„Zeit ist Luxus – man hat viel zu wenig davon.“

Baldwin Knauf, Weltunternehmer

Knauf gehört seit seinem Ausscheiden aus dem Rat vor anderthalb Jahren nicht mehr regelmäßig zu dieser Runde, aber zu raren Anlässen klinkt er sich immer noch gerne ein: bei der Weihnachtsfeier der Stadträte im altehrwürdigen Rentamt, das ebenfalls zu seinem weitläufigen Besitz gehört, oder eben bei Ortsterminen im Wald. Der Forstbetrieb bildet seit jeher eine der soliden Säulen, auf die das Kleinod zu Füßen des Schwanbergs seinen Wohlstand gründet. „Wein, Gips und Holz sind der Iphöfer Stolz“, sagt der Volksmund. Knauf verkörpert in diesem ureigenen Wertekanon der Stadt den von der Natur geschaffenen Rohstoff Gips. An der Spitze eines inzwischen mächtigen Konzerns hat Baldwin Knauf es gemeinsam mit seinem Vetter Nikolaus vermocht, das „weiße Gold“ auf der ganzen Welt salonfähig zu machen.

Dass der heute auf dem gesamten Erdball verwurzelte Baustoffriese mit seinen mehr als 23 000 Mitarbeitern und fünfeinhalb Milliarden Euro Jahresumsatz noch immer aus der fränkischen Provinz, dem beschaulichen Iphofen, geführt wird, ist der Bodenständigkeit der Gründersöhne zu verdanken. Geboren im Weserbergland, aufgewachsen zunächst im Saarland, sozialisiert im Frankenland: Baldwin Knauf erlebte durch die Kriegswirren keine unbeschwerte Kindheit. Doch erst einmal sesshaft geworden, wuchs er wohlbehütet, gleichwohl in einfachen Verhältnissen auf. Der Vater, ein passionierter Jäger, packte den Sohn schon zeitig am Portepee. „Entweder du leistest was, oder du wirst Straßenkehrer“, beschied er dem Filius, „und Straßenkehrer“, erinnert sich Knauf, „war damals kein anzustrebender Beruf.“

Der folgsame Sprössling ging aufs Gymnasium in Scheinfeld, beendete die Schulzeit mit dem Abitur und studierte danach in Würzburg Betriebswirtschaft. In den Ferien setzte er sei-ne Studien mit dem praktischen Teil im elterlichen Unternehmen fort. Es war die Zeit, als die Deutschen durch Fleiß und Beharrlichkeit ihr legendäres Wirtschaftswunder schufen, eine Ära voller traumhafter Aufstiege, die eines lehrte: Leistung lohnt sich. Für Baldwin Knauf lohnt der Blick auf die entbehrungsreiche Zeit, wenn dieser Tage wieder einmal nach Wegen aus der weltweiten Krise gefahndet wird. „Damals gab es die Anspruchsgesellschaft noch nicht. Alles basierte auf dem Grundsatz: Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“ Aus dem Erfahrungsschatz der jungen Erwachsenen-Jahre schöpfte der im konservativen Milieu aufgewachsene Knauf auch während der vier Jahrzehnte, in denen er den vom Vater übernommenen Familienbetrieb zu einer globalen Marke ausbaute.

Ende 1969 zu geschäftsführenden Gesellschaftern berufen, machten er und sein gut zwei Jahre älterer Vetter Nikolaus sich Mitte der siebziger Jah-re daran, das Lebenswerk der Väter zu vollenden. Getrieben von der schwachen Binnenkonjunktur und durchgeschüttelt von drei Krisen im Baugewerbe begannen die „Gipskönige von Iphofen“, wie die „Financial Times“ einmal schrieb, ihr Reich Schritt für Schritt zu vergrößern. Sie erschlossen mehr und mehr ausländische Märkte und wurden für ihren Mut zum Risiko und ihre unternehmerische Weitsicht mit immer neuen Wachstumszahlen belohnt. Im vergangenen Jahr sahen sie ihre Mission bei einem Umsatz von fünf Milliarden Euro erfüllt. Seither haben sie sich zwar aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, ganz loslassen aber können sie auch im Spätherbst ihres Schaffens (noch) nicht.

Für Baldwin Knauf bleibt nun Zeit, Versäumtes nachzuholen, im Winter Ski zu fahren, im Sommer seine Runden auf dem Golfplatz zu ziehen, sich der Familie zu widmen, Ehefrau Inge und den zwei erwachsenen Kindern, die früher und später an den Schalthebeln der Macht im Unternehmen sitzen werden. „Zeit ist Luxus – man hat viel zu wenig davon“, hat Knauf einmal gesagt. Sein Stadtratsmandat hat der überzeugte CSU-Mann nach 24 Jahren auslaufen lassen – aus Verärgerung über den Kurs des Ortsverbandes, bei der Kommunalwahl 2008 mit einem eigenen Bürgermeisteranwärter gegen den profilierten Amtsinhaber Josef Mend (Freie Wähler) anzutreten. Diesen mit heißer Nadel gestrickten Beschluss hat Knauf, der kühl kalkulierende Pragmatiker, nie gutgeheißen. Er glaubte, auch ohne lärmende Opposition Ziele erreichen zu können: mit Charisma, hohem Sachverstand und diplomatischem Geschick. Noch immer hält er diskreten Kontakt zum Bürgermeister, mit dem er häufig auf einer Linie lag – nicht immer zufällig. Hintergrundgespräche sind und waren ein beliebtes politisches Stilmittel Knaufs.

In seinem aufrechten Habitus, seiner distanzierten, von manchem als spröde empfundenen Art gilt Knauf vielen als unnahbar. Gefühlsausbrüche, wie sie seinem gelegentlich Blitze schleudernden Vetter Nikolaus zugeschrieben werden, allzu starke Regungen sind dem nüchternen Sachwalter ebenso fremd wie jede Art von Glamour. Als der Iphöfer Stadtrat vor geraumer Zeit nach ein paar griffigen Straßennamen für sein neues Baugebiet suchte, kam einer aus der Runde auf die Idee, eine Straße nach Knauf zu benennen. Immerhin habe dessen Unternehmen doch für Arbeitsplätze und Wohlstand in der Stadt gesorgt. Der weltläufige Konzernlenker, der in einem Bungalow zu Füßen der Weinberge wohnt und seinerzeit als dritter Bürgermeister selbst mit am Ratstisch saß, gab sich geschmeichelt, lehnte aber dankend ab. Inszenierungen um sich sind nicht die Sache des Baldwin Knauf. An diesem Mittwoch (23. September 2009) feiert er seinen 70. Geburtstag. Ginge es nach ihm, er würde an einem Tag wie diesem auch im Wald Pilze sammeln gehen.

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