Kitzingen

Corona-Krise in Kitzingen: Eine Stadt kommt zum Stillstand

Das öffentliche Leben in Kitzingen ist nahezu ausgeknipst: am Marktplatz, in Läden und Cafés. Was bleibt, sind einzelne Hotspots. Beobachtungen in einer auf Notbetrieb gedimmten Stadt.
Der Kitzinger Marktplatz ist am Montag zur Mittagszeit menschenleer. Nur wenige Geschäfte sind noch geöffnet. Foto: Eike Lenz

Der Himmel über Kitzingen ist so blau, wie man ihn sonst nur von den Ansichtskarten kennt, die jetzt herrenlos auf dem Ständer eines Schreibwarengeschäfts in der Innenstadt stecken. Die Sonne gleißt, kein Wölkchen zu sehen, das Geschäft geschlossen. Am Marktplatz dreht der Mann der Sicherheitswacht seine Runden, tiefblaue Uniform, Funkgerät, mit dem er Kontakt zur Polizei hält. Für einen Augenblick legt er den Kopf in den Nacken, er schaut nun nach oben. „Sehen Sie das?“ Am Wochenende sei es ihm zum ersten Mal aufgefallen. „Keine Kondensstreifen weit und breit.“

Die weißen Schleppen, mit denen die Flugzeuge an normalen Tagen Streifen von Fernweh hinter sich herziehen, sie sind wie weggewischt. Kein gutes Zeichen. Das letzte Mal war das vor zehn Jahren der Fall, als auf Island ein Vulkan ausbrach und dabei Gift und Galle spuckte. Die Aschewolke verbreitete sich damals weithin sichtbar über halb Europa. Diesmal ist es anders, diesmal ist die Gefahr global, aber nicht zu sehen. Und das macht die Sache nicht einfach. Denn was nicht zu erkennen ist, bleibt abstrakt und wird nicht als konkrete Bedrohung empfunden. So ist das auch mit dem Coronavirus. Erst die dramatischen Bilder aus Italien und die weitreichenden Maßnahmen des deutschen Staates haben den meisten Leuten einen Eindruck vermittelt, dass es ernst steht um die Welt in diesen Tagen.

Vor einer Apotheke am Kitzinger Marktplatz wartet ein Mann auf Medikamente. Zum Schutz des Personals ist am Eingang eine Durchreiche eingerichtet. Foto: Eike Lenz

Es ist Tag drei der bayernweit geltenden Ausgangsbeschränkung und der erste Tag einer über ganz Deutschland verhängten Kontaktsperre. Nur noch zwei Menschen – ausgenommen Familienangehörige – dürfen sich jetzt gemeinsam an einem Fleck aufhalten. Für den Mann der Kitzinger Sicherheitswacht, der an diesem Tag ehrenamtlich seine Runden in der Stadt dreht und der Polizei zuarbeitet, hat die dreistündige Schicht entspannt begonnen. „Alles im grünen Bereich“, ruft er dem Reporter aus sicherem Abstand zu.

Er lässt keinen Zweifel, dass er die vom Staat getroffenen Maßnahmen für richtig hält, „sie hätten nur eine Woche eher kommen müssen“. Auf seiner Tour durch die Stadt spricht er immer wieder Leute an, und Leute sprechen ihn an. „Sie sollen sehen, dass da jemand ist, der sich kümmert“, sagt er. Wenn es ernst wird, kann er über Funk die Polizei rufen – so sieht es das vom bayerischen Innenministerium gestützte Modell vor. Aber anders als die Woche zuvor, ist er nicht auf feierwütige Jugendliche getroffen.

Man hört Geräusche, die sonst im Lärm der Masse untergehen

Beim Gang über den Marktplatz vernimmt man Geräusche, die sonst untergehen im Lärm der Menge. Das Sirren einer Kühlanlage, das Brummen einer Bohrmaschine, das sanfte Kratzen dürren Laubs, das der Ostwind über das Pflaster treibt. Die meisten Läden haben geschlossen, an den Türen und Schaufenster kleben Schilder, die mit den Worten beginnen „Bitte haben Sie Verständnis, dass ...“ und „Leider müssen wir unser Geschäft ...“ Am Eingang eines ebenfalls zugesperrten Wolle-Ladens heißt es: „Ab 18.3. geschlossen auf Grund der Bundesregierung.“

Geöffnet sind zu dieser Zeit am Marktplatz: ein Lotto-Toto-Laden, zwei Bäcker und die beiden Apotheken. Die Lamm-Apotheke am Rathaus schützt ihre Angestellten mit einer Vorrichtung der Marke Eigenbau. In die einen Spalt breit geöffnete Automatiktür hat der Chef ein Holzgestell geklemmt und auf Kopfhöhe ein kleines Sichtfenster ausgespart, das wiederum mit einer Plexiglasscheibe versehen ist. Durch diesen Vorbau wird der Publikumsverkehr abgewickelt.

Die Kaiserstraße, eine der Hauptverkehrsadern der Kitzinger Innenstadt, wirkt am Montagvormittag wie ausgestorben. Foto: Eike Lenz

Drückt man die kleine Tischklingel, kommt eine Mitarbeiterin an die Tür und berichtet, dass es bis vor einigen Tagen noch überhaupt keine Empfehlungen des Apothekerverbandes gegeben habe und sie dem Chef „dankbar“ sei für seine Initiative. Ab und zu treten Kunden ans Fenster und lösen Rezepte ein. Ein paar Schritte entfernt begrüßen sich zwei Frauen um die 50. „Und wie? Noch gesund?“ Auch einen ehemaligen Kitzinger Geschäftsmann hat das sonnige Wetter nach draußen gelockt. Viel Freude hat er nicht, er beklagt sich über Raser, die mit ihren PS-Schleudern immer wieder die Straße hinunterdonnern. Die Unvernunft hat sich von der Weite öffentlicher Plätze in enge Fahrerkabinen verlagert.

In der Stadtkirche zieht der Organist alle Register

Wer die schwere Holztür der evangelischen Stadtkirche aufstemmt, dem schlägt vertrauter Klang entgegen. Es ist an diesem Montagvormittag zwar kein Gottesdienst im Gange, aber an der mächtigen Orgel im Hochschiff sitzt um 11 Uhr ein Mann und zieht alle Register. Musik gegen die Krise. Der letzte Eintrag im Gästebuch, das links neben dem Eingang ausliegt, stammt vom Dienstag, 17. März. „Warum kümmert sich die Kirche eigentlich nicht mehr um Umweltschutz?“ Im Gärtchen vor dem Gebäude sammeln zwei seltsam aufgekratzte Krähen Nistmaterial. Als die Turmuhr halbeins schlägt, ist der eine Häuserzeile dahinterliegende Marktplatz nahezu menschenleer. Normalerweise würden die Menschen jetzt hier in der Frühlingssonne ihre Mittagspause verbringen: bei Eis, Espresso oder Mettwurstbrötchen.

Mancher macht sich – wie hier an einem Laternenmast vor dem Kitzinger Bürgerzentrum – seinen eigenen Reim auf sonderbare Rituale in der Krise. Foto: Eike Lenz

Stattdessen sitzt nur ein Mann auf einer der Bänke und beißt in seine Brotzeit. Das Rascheln der Tüte ist noch aus größerer Entfernung zu hören. Und man fragt sich: Ist die Stadt hier nur durch staatlichen Zwang zur Ruhe gekommen? Oder haben die Bewohner, die jetzt hinter all den von der Sonne angestrahlten Fassaden sitzen, tatsächlich ihre Ruhe gefunden? Was auffällt: Die Leute auf der Straße halten Abstand zueinander, als befinde sich zwischen ihnen ein unsichtbares Maßband. Aber man hat auch den Eindruck: Mit jedem Zentimeter mehr wächst die soziale Distanz. Es ist ein beklemmendes, ein bizarres Stillleben; die meisten, mit denen man spricht, verwenden nur einen Begriff: gespenstisch.

Viele Geschäftsleute sind in der Krise kreativ geworden

Die Not, so sagt ein Sprichwort, kennt kein Gebot. Viele Geschäftsleute, die ihren Laden schließen mussten – und das ist der überwiegende Teil –, sind in der Krise kreativ geworden. An der Tür eines Frauenmodegeschäfts hängt ein Zettel mit dieser Idee: „Ab sofort berate ich Sie gern telefonisch und stelle Auswahlpäckchen für Sie zusammen, Lieferservice inklusive.“ Viele Restaurants verkaufen ihre Speisen über die Ladentheke. Beate Eichinger muss sich keine Sorgen um Kundschaft machen. Sie leitet die Filiale der Norma, dem einzigen Lebensmitteldiscounter in der Altstadt, und hat an diesem Morgen mit ihrer Kollegin gut zu tun. Die Warteschlange reicht fast bis in die Mitte des kleinen Ladens, und sie wäre noch länger, würden die Leute den geforderten Mindestabstand von 1,50 Meter einhalten.

Beate Eichinger begegnet in der Norma-Filiale im Kitzinger Schwalbenhof mit bewundernswerter Ruhe dem Trubel um sie herum. Foto: Eike Lenz

Dafür kämpft Beate Eichinger mit anderen Problemen. Wenn Mehl und Toilettenpapier fehlen, wenn – wie an diesem Morgen – keine Frischeier geliefert werden, wenn es an der Kasse mal wieder nicht schnell genug geht, fangen Kunden an zu meckern. „Die wollen wissen, wann Dies und wann Jenes geliefert wird, und ich antworte, ich weiß es nicht. Dann sagen sie: Aber Frau Merkel hat doch gesagt, dass die Regale voll sind.“ Beate Eichinger, die für all das nichts kann, die von früh um sieben bis abends um acht, wenn die letzte Lieferung kommt, Lager und Regale bestückt, die erlebt hat, dass Kunden vor lauter Frust auf Geldstücke spucken, ehe sie sie ihr reichen, wird dann zuweilen schnippisch: „Dann müssen Sie zu Frau Merkel gehen.“ In all dem Trubel hat sich die junge Frau eine bewundernswerte Ruhe und Lakonie bewahrt. Ob sie sich als Heldin fühlt? „Nein“, sagt Beate Eichinger, „ich mache nur meinen Job.“

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