SULZFELD

Das Blau des Himmels: Bilder von Erich Fraaß

„Tiger“ (1930).
„Tiger“ (1930).

Als 1918 die Gasgranaten von Ypern verraucht und in den Schützengräben von Verdun die letzten sinnlosen Tode gestorben waren, kehrte mit der geschlagenen deutschen Truppe auch eine Künstlergeneration zurück, die 1914 noch im allgemeinen Hurra ausgerückt war und nun ernüchtert auf ein ausgeblutetes Land blickte.

Es ist die Zeit, als in Dresden der 26-jährige Erich Fraaß einen Holzschnitt anfertigt: „Einsiedler im Winter“, nennt er das Blatt aus dem Jahre 1919, das noch stark die Anklänge des Expressionismus ahnen lässt.

20 Jahre später geht der nächste Krieg von Deutschland aus. Im Februar 1945 verglüht die Barockstadt Dresden im anglo-amerikanischen Bombenhagel, in den Ruinen verbrennt auch ein großer Teil des Ateliers von Erich Fraaß. Quasi in letzter Minute hatte der Maler noch einen Teil seiner Werke in die Heimatstadt Glauchau ausgelagert, darunter auch den „Einsiedler“.

Dass das Blatt nun in einer Mappe auf einem Tisch im Sulzfelder Papiushof liegt, dass an den Wänden der von Angelika Müllner-Pianka seit Jahren kenntnisreich geführten kleinen Galerie die Gemälde des 1974 gestorben Künstlers hängen, gehört zu den Kuriositäten der deutschen Geschichte nach 1945. Denn es war purer Zufall, dass der zur Generation der „verschollenen Maler“ zählende Fraaß, in seiner Dresdner Heimat gleichwohl bis heute geachtet, in Franken gezeigt wird.

Kurz nach der Wende hatte die Galeristin vom Fenster ihres Hauses aus beobachtet, wie der ihr damals noch unbekannte Dresdner Maler Karl Timmler im Sulzfelder Altort Milieustudien betrieb. Später kamen zwei Timmler-Ausstellungen in Sulzfeld zustande – und darüber eröffnete sich auch der Weg zu Erich Fraaß: Er war der Vater von Timmlers Frau.

Für die Galeristin – und gewiss nicht nur für sie – eine echte Entdeckung, gehörte Fraaß doch in den späten 20er und frühen 30er Jahren zu den wichtigsten Exponenten der Dresdner Malerszene. 1931 war er Mitbegründer der „Dresdner Sezession 1932“, zu der unter anderem auch Otto Dix gehörte. Der Künstlergruppe war keine lange Existenz beschert: Die Nazis werteten die Werke als „entartet“, 1934 kam das Verbot.

Nach Kriegsende 1945 kann Fraaß noch einmal eine Karriere starten: 1947 wird er in Dresden Dozent an der Hochschule der Bildenden Künste, 1953 Professor für Malerei. Seine Expressionistischen Wurzeln vergisst er nicht und praktiziert in seiner Kunst einen ungepassten Realismus.

Die Sulzfelder Ausstellung, in der rund 60 Werke aus allen Schaffensphasen des Künstlers zu sehen sind, gleicht einer Reise durch die Brüche und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Es brauchte wohl erst den Abstand zum Ende des Kalten Krieges und die Normalität nach 20 Jahren Wiedervereinigung, um das Werk von Erich Fraaß auch im gesamtdeutschen Maßstab wiederzuentdecken. Dem expressionistischen Frühwerk – meistens Grafiken – sind die farbmächtigen Gemälde der mittleren und späten Schaffensphase gegenübergestellt.

Die Werke haben, wie es der Kunsthistoriker Dr. Erich Schneider bei der Sulzfelder Vernissage ausdrückte, „vielfach dörfliche und landschaftliche Motive zum Gegenstand; stets dominiert dabei das malerische Motiv. Mensch und Tier werden in einem fast biblisch zu nennenden Sinn zu Synonymen der Schöpfung.“

Mensch und Tier, sie sind Erich Fraaß' lebenslanges Bildmotiv. Was wohl auch damit zu tun hat, dass der Maler schlicht sein Handwerk beherrschte, unaufhörlich Naturstudien betrieb, Anatomie und Bewegung ins Bild zu setzen wusste.

Und dann die Farben. Blau-dunkle Sommergewitter-Wolken überm sandigen Gelb des Kornfeldes oder ein selten so gesehenes Grün von Wiesen und Wäldern – die Kunst des Erich Fraaß ist immer auch Kunstfertigkeit – und unbedingt einen Besuch im Sulzfelder Papiushof wert.

Die Ausstellung „Erich Fraaß - Expressiver Realismus“ in der Galerie Papiushof in Sulzfeld (Papiusgasse 3) ist noch bis zum 5. August zu sehen. Öffnungszeiten: samstags, sonntags und feiertags von 14 bis 17 Uhr oder nach telefonischer Vereinbarung: Tel. (09 3 21) 92 20 72.

„Einsiedler im Winter“ (1919).
„Einsiedler im Winter“ (1919).
Mensch und Tier: „Bauer mit zwei Kühen“, ein Werk des Malers Erich Fraaß (um 1950).
Mensch und Tier: „Bauer mit zwei Kühen“, ein Werk des Malers Erich Fraaß (um 1950). Foto: Repro: Torsten Schleicher
Dunkel-blauer Himmel, reifes Getreide: „Erntezeit“ (1935).
Dunkel-blauer Himmel, reifes Getreide: „Erntezeit“ (1935).

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