KITZINGEN

Davon erzählt kein Geschichtsbuch

Museologe bei der Arbeit: Nicolas Lucker hat die Ausstellung „Lebenswelten im Kitzingen des 20. Jahrhunderts“ selbst entwickelt.
Museologe bei der Arbeit: Nicolas Lucker hat die Ausstellung „Lebenswelten im Kitzingen des 20. Jahrhunderts“ selbst entwickelt. Foto: Anna Baum

Früher standen hier Büchsen und Fähnchen in Vitrinen – ab Samstag bietet Raum 6 im Stadtmuseum eine spannende Reise durch Kitzingen in der Zeit des Kriegsendes.

Zeitzeugeninterviews und Fotos erzählen vom 23. Februar 1945 in Kitzingen, dem Tag des Bombenangriffs. Im neuen Rundgang sind auch Alltagsgegenstände wie alte Schultaschen, ein Löffel und ein Schlüsselanhänger zu entdecken. Doch die Bedrohung aus der Luft schwingt immer mit.

Der Museologe Nicolas Lucker aus Würzburg hat im Städtischen Museum den Menschen ins Zentrum seiner Ausstellung „Lebenswelten im Kitzingen des 20. Jahrhunderts“ gestellt. Museumsleiterin Stephanie Nomayo hat dem Absolventen der Museologie die Umgestaltung des Raumes ganz anvertraut. Dafür wurde ein Teil der permanenten Ausstellung komplett umgekrempelt und beschädigte Vitrinen vom Bauhof repariert. Sie kennt Nicolas Lucker von seinem Praxissemester. Dafür hatte er sich ebenfalls das „kleine Museum auf dem Land“, ausgesucht.

„Es gibt Leute, die ganz viel zeigen möchten und das dadurch auch selber verarbeiten.“
Nicolas Lucker Museologe

Lucker gehört zu den Ersten in Würzburg, die Museologie studieren konnten. Seit 2010 ist das an der Universität Würzburg möglich. Beim Auftrag in Kitzingen konnte er seine Ideen fast komplett umsetzen, auch wenn ihm Stephanie Nomayo auf das ein oder andere Ausstellungsstück aufmerksam gemacht hat. Auch Zeitzeugen hat der junge Mann selbst befragt. Einer sei laut Lucker kurz nach dem 23. Februar 1945 als 18-Jähriger durch die Stadt gelaufen. Es war alles zerstört, auch seine Schule. „Das ist natürlich auch eine ganz andere Hausnummer.“

Das Zusammensetzen von Puzzlestücken aus dieser Zeit ist für ihn und seine Arbeit enorm wichtig. Das sei jedoch eine sehr emotionale Situation nicht nur für die Interviewten gewesen. „Es gibt Leute, die ganz viel zeigen möchten und das dadurch auch selber verarbeiten, weil sie darüber nie reden konnten“, mutmaßt Lucker. Andere taten sich schwer mit dem Erzählen. Beides habe er auch in Kitzingen erlebt, bei den Arbeiten für die Ausstellung, die den Tag des Bombenangriffs in den Mittelpunkt stellt.

Seine Ausstellung stellt die Menschen in Kitzingen am Kriegsendes vor. „Wir gehen auf der einen Seite auf Weinbau und die Kitzinger Schulen ein. Auf der anderen Seite steht der Krieg selbst und was er aus dem Alltag gemacht hat“, erzählt Lucker. Der Stolz über sein erstes Werk als fertiger Museologe ist ihm anzusehen. Wichtig ist es ihm zu zeigen, wie es damals war und wie sich die Leute hier gefühlt haben. „Mir war zum Beispiel gar nicht bewusst, dass es bis zu einem Jahr gedauert hat, die Leichenberge anständig bestatten zu können.“

Stephanie Nomayo ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden: „Solche Sachen erfährt man einfach nicht aus dem Geschichtsbuch!“ Für die Archäologin ist das 20. Jahrhundert Neuland. Deshalb hat sie Nicolas Lucker dafür engagiert. Am Samstag wird die Ausstellung um 18 Uhr mit stellvertretender Kulturreferentin Elvira Kahnt offiziell eröffnet.

Die Öffnungszeiten des Städtischen Museums Kitzingen sind Dienstag bis Freitag von 15 bis 18 Uhr und Samstag, Sonntag und Feiertags von 14 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene zwei Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahren ist der Eintritt frei. Mehr Informationen gibt es unter Tel. (0 93 21) 92 99 15.

Unheimlicher Schatten: Die Gefahr aus der Luft stellt Nicolas Lucker mit Hilfe einer Flugzeugattrappe dar.
Unheimlicher Schatten: Die Gefahr aus der Luft stellt Nicolas Lucker mit Hilfe einer Flugzeugattrappe dar. Foto: Anna Baum
Gut geplant: In akribischer Arbeit hat der junge Museologe geplant und gezeichnet, wo welches Element zu sehen sein wird.
Gut geplant: In akribischer Arbeit hat der junge Museologe geplant und gezeichnet, wo welches Element zu sehen sein wird. Foto: Anna Baum

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Kitzingen
  • Ausstellungen und Publikumsschauen
  • Bombenangriffe
  • Elvira Kahnt
  • Geschichtsbücher
  • Julius-Maximilians-Universität Würzburg
  • Kriegsende
  • Museologie
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!