MAINBERNHEIM

Den Opfern ein ehrendes Gedenken bewahren

Beitritt: Regierungspräsident Paul Beinhofer und Mainbernheims Bürgermeister Peter Kraus setzen ihre Unterschrift zum Beitritt der Stadt zum Riga-Komitee.
Beitritt: Regierungspräsident Paul Beinhofer und Mainbernheims Bürgermeister Peter Kraus setzen ihre Unterschrift zum Beitritt der Stadt zum Riga-Komitee. Foto: Robert Haass

Mit den Unterschriften von Bürgermeister Peter Kraus und Regierungspräsident Paul Beinhofer zum Beitritt der Stadt zum Riga-Komitee hat Mainbernheim am Mittwochnachmittag einen weiteren Schritt hin zur bewussten Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit gemacht. Dass diese Aufarbeitung alles andere als einfach war und ist, machte der Bürgermeister in einer bemerkenswerten Rede deutlich.

Mainbernheim, so Kraus, blickt auf eine lange Geschichte zurück, die besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts alles andere als rühmlich war. Die Auswirkungen des verlorenen Ersten Weltkriegs, die Machtergreifung der NSDAP und das Dritte Reich haben dabei in der Stadt Spuren und tiefe Wunden hinterlassen, deren Aufarbeitung die Menschen heute noch beschäftigt. „Dabei müssen wir uns eingestehen, dass lange Zeit geschwiegen wurde über das Verhalten der Mainbernheimer Bürgerschaft in dieser unheilvollen Zeit, über die Judenfeindlichkeit, die Zerstörung, Plünderung, Misshandlung und den unmenschlichen Umgang mit den ehemaligen jüdischen Mitbürgern“, sagte Kraus.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die jüdischen Familien fest in die Gesellschaft Mainbernheims integriert, geachtet und akzeptiert. Das änderte sich mit der nationalsozialistischen Propaganda und mündete 1935 in einen Acht-Punkte-Katalog des Mainbernheimer Stadtrats, der jeden Kontakt mit Juden untersagte, Abwehrmaßnahmen gegen das Judentum anordnete und zur Folge hatte, dass die Bewohner der Judengasse beantragten, den Straßennamen zu ändern.

Beim Novemberpogrom 1938 wurden von 50 bis 60 Mainbernheimer SA-, SS- und Hitlerjugend-Leuten die Häuser von sechs jüdischen Familien durchsucht, die Bewohner misshandelt, Möbel und Hausrat zertrümmert und Kleider zerrissen. Zwar wurde die Synagoge in der Unteren Brunnengasse wegen der Gefährdung der Nachbargebäude nicht in Brand gesetzt, Mitglieder der SA deckten jedoch das Dach ab und die Inneneinrichtung, die Thorarollen und Bücher wurden von der Hitlerjugend und Schülern auf einen Platz geschleppt und dort angezündet. Und „natürlich“ wurden die Mainbernheimer Juden deportiert und, wie das Beispiel der Familie Hausmann deutlich macht, auch ermordet – unter anderem in Riga.

Auch wenn es durchaus mutige Mainbernheimer gab, „es waren Jahrzehnte vergangen, bis man den Mut aufbrachte, sich öffentlich mit der unrühmlichen Vergangenheit Mainbernheims auseinanderzusetzen“, so Kraus. Es war verpönt, Namen von Beteiligten zu nennen und Personen mit dem Dritten Reich in unmittelbare Verbindung zu bringen, weil man den noch in Mainbernheim Lebenden und ihren Nachkommen die Schmach und Schande ersparen wollte. Einerseits nachvollziehbar, da die Schuld nicht zur Sippenhaft werden sollte, aber auch, so Kraus, fatal, da dies zum schleichenden Vergessen führte. „Dass wir aus der Vergangenheit nur dann lernen können, wenn wir uns mit ihr beschäftigen, die Gründe für das Fehlverhalten erforschen und uns die verheerenden Auswirkungen vor Augen führen, ist keine neue Erkenntnis, sondern eine uralte Weisheit“, sagte Kraus.

Und es gibt Beispiele, dass sich die Bewohner und der Stadtrat mit eben dieser Geschichte, wenn auch spät, auseinandersetzen: Etwa die lange diskutierte Versetzung des Kriegerdenkmals mit eindeutig antisemitischer Botschaft vom exponierten Rathausplatz hinter die Kirche; die Gedenkfeier zum Volkstrauertag im Jahr 2007 mit der besonderen „Stadtführung“ zu den ehemaligen jüdischen Anwesen; die Stolpersteine; Veröffentlichungen im Mitteilungsblatt zur Geschichte der Juden in Mainbernheim; der Beitritt der Stadt zur „Allianz gegen Rechts“.

Und 2012 die Fahrt einer Reisegruppe nach Riga, die den Anstoß zum Beitritt zum Riga-Komitee gab. In Riga fielen von der ehemaligen Mainbernheimer Familie Hausmann Mutter Frieda und die Kinder Heinz und Rosi einer Massenerschießung zum Opfer, Vater Siegmund überlebte, gilt aber als verschollen. „Möge dieser Beitritt dazu dienen, den Opfern ein ehrendes Gedenken zu bewahren und ihnen einen Platz in der Geschichte Mainbernheims einzuräumen, der ihnen als ehemalige Mitbürgerinnen und Mitbürger zusteht“, sagte Kraus zum Abschluss.

Mainbernheim, so Regierungspräsident Paul Beinhofer, ist nach Würzburg die zweite unterfränkische Kommune, die dem Riga-Komitee – einem Zusammenschluss von über 50 Städten, deren jüdische Mitbürger in Riga ermordet wurden – beitritt und die damit dazu beitragen wolle, dass das himmelschreiende Unrecht nicht vergessen wird. Für die Jugend Mainbernheims begründete Thomas Jäger die Notwendigkeit des Erinnerns: Es sei wichtig, Verantwortung zu übernehmen, aus der Vergangenheit zu lernen und die Würde der Opfer zu achten.

Gleichzeitig mit dem Beitritt zum Riga-Komitee gibt es bis zum 31. Juli im Mainbernheimer Rathaus zu dessen Öffnungszeiten eine Ausstellung unter dem Titel „Bikernieki - Wald der Toten“.

Weitere Artikel

Schlagworte

  • Mainbernheim
  • Robert Haaß
  • Antisemitismus
  • Das dritte Reich
  • Hitlerjugend
  • Juden
  • Mord
  • NSDAP
  • Peter Kraus
  • Regierungspräsidenten
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0
Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!