MICHELFELD/AURORA

Ein Jahr in den USA: Sehnsucht nach Fasching

Ein Jahr in den USA: Die Gardetanz-Trainerin Ann-Katrin Götz betreut ihre Kitzinger Schützlinge bei der KiKaG auch von Illinois aus
Gardetänzerin mit Leib und Seele: Ann-Katrin Götz (links) 2013 mit Lena Dettmann beim Faschingsgottesdienst in der Kitzinger Stadtkirche. Foto: Ralf Weiskopf

Ein Auslandsjahr in den USA machen Viele. Doch bei Ann-Katrin Götz aus dem Marktstefter Ortsteil Michelfeld gibt es eine Besonderheit: Die 20-Jährige coacht von Übersee aus in Teamarbeit mit Kollegin Alisa Hack die Nachwuchs-Garden der Kitzinger Karnevalsgesellschaft (KiKaG).

Im Interview erzählt Ann-Katrin, was sie besonders an ihrer Gastfamilie schätzt, was ihr am meisten fehlt und wovor sie schon jetzt Bammel hat.

Frage: Bei uns geht im Fasching gerade die Post ab. Wie fühlt es sich an, nicht dabei zu sein?

Ann-Katrin Götz: Ganz schlimm. Das ist das erste Mal seit 16 Jahren, dass ich zur Faschingszeit nicht da bin. Der Fasching ist ein sehr großer Teil von mir, seit ich fünf Jahre alt bin. Meine kleinen und großen Mädels und alles drum herum fehlt mir unheimlich. Das wird schlimmer als Weihnachten, glaube ich. Ich wünschte, wir hätten schon Mitte Februar und alles wäre vorbei. Meine Gastschwestern müssen mich jedenfalls „therapieren“.

Sie sollen ja auch von Übersee aus die KiKaG-Garden tatkräftig unterstützen.

Götz: Ich bestelle notwendige Dinge wie Stiefel, Strumpfhosen, Bodies, schreibe Listen mit Terminen für die Auftritte. Auch bekomme ich von Junioren-Trainerin Alisa Hack die Videos der Mädels geschickt, um zu überprüfen, wo noch etwas zu verbessern ist. Die Mädels und ihre Mütter können mir jederzeit schreiben, wenn es Fragen gibt, auch wenn ich über 7000 Kilometer weit weg bin. Es bedeutet mir viel, dass Alisa und ich so gut zusammenarbeiten.

Nimmt jemand für Sie die Sitzungen auf?

Götz: Ja, Papa filmt zumindest die Garden. Ich hoffe zudem auf ganz viele weitere Fotos von meinen Mädels, den Helfern, den Höhepunkten der Sitzung und allem anderen.

Wird in Amerika auch Fasching gefeiert? Haben Sie Ihre Idee umgesetzt, dort etwas anzustoßen?

Götz: In Illinois kennt man nur Mardi Gras (Faschingsdienstag), in New Orleans ist mehr geboten. In den Supermärkten gibt es bunte Ketten und Hütchen, aber keine Verkleidungen. Meine Idee, den Amerikanern unseren Fasching näher zu bringen, konnte ich noch nicht umsetzen. Derzeit arbeite ich in einem Reisebüro, das bietet Kreuzfahrten auf Rhein, Donau und Main an.

In den Katalogen habe ich Kitzingen entdeckt – ich möchte Interessierte für Stadt und Fasching begeistern. Ab März helfe ich einen Tag pro Woche in einer Einrichtung für Bedürftige in der Suppenküche. Auch dort will ich unser Museum und den fränkischen Fasching unter die Leute bringen, zudem einen Vortrag halten.

Auf Ihrer „To-do-Liste“ sind noch viele Punkte offen. Was sollte unbedingt noch klappen?

Götz: Hawaii ist am wichtigsten, dazu Florida und der Grand Canyon. Anfangs wollte ich unbedingt die komplette Liste abarbeiten, jetzt habe ich andere Prioritäten: Amerikanisches Familienleben und Traditionen mitzuerleben, ist mir wichtiger als das Reisen. Orte und Sehenswürdigkeiten kann ich auch zu anderer Zeit anschauen, aber mit meinen Gastgebern alle Feiertage und Traditionen zu erleben, das geht später nicht mehr so einfach. Mein neuer, inoffizieller Punkt auf der To-do-Liste ist deshalb, so viel Zeit als möglich mit der Familie und vor allem meinen Gastschwestern Abby und Michelle zu verbringen. Sie wollen ja auch noch mit mir in das Familien-Ferienhaus in Wisconsin fahren. Das ist für mich wertvoller, als beispielsweise zu den Niagara-Fällen zu fliegen.

Welcher Punkt Ihrer Liste hat Ihre Erwartungen übertroffen? Und wo waren die Erwartungen größer als das Erlebte?

Götz: Das College stand nicht auf der Liste, hat aber definitiv meine Erwartungen übertroffen. Die ganzen Aktivitäten, die vielen kostenlosen Sachen – und natürlich die Atmosphäre dort. Es ist wirklich so, wie man es aus Filmen kennt. Ich wäre lieber weiter aufs College gegangen als jetzt noch sechs Monate zu arbeiten. Vom Christmas Day (25.12.) hatte ich mir mehr erwartet – morgens vor dem Kamin sitzen und Geschenke auspacken. Da mein Gastbruder aber arbeiten musste, haben wir die Stockings (die Socken am Kamin) und Geschenke eingepackt und alles erst bei der Oma aufgemacht, ganz ohne Weihnachtsbaum. Davon abgesehen war jedoch im Großen und Ganzen alles super.

Was außer Familie und Freunde vermissen Sie in Amerika am meisten?

Götz: Brot, Brot und noch mal Brot. Das Toastbrot ist frisch getoastet akzeptabel, aber am nächsten Tag latschig bis zum geht nicht mehr. Dazu fehlt mir die gute Qualität und Auswahl an Wurst und Käse. Beides schmeckt immer gleich, irgendwie leicht nach Plastik. Natürlich vermisse ich auch Weinfeste und Kirchweih – ich liebe die Atmosphäre, und man trifft dort so viele Bekannte.

Was werden Sie von Amerika am meisten vermissen, wenn Sie wieder in Deutschland sind?

Götz: Ich finde super, dass viel weniger Leute rauchen und fast alle öffentlichen Einrichtungen rauchfrei sind. Dazu die Möglichkeit, alles in größter Auswahl zu kaufen, selbst wenn man ein noch so kleines oder verrücktes Ding sucht. Und natürlich den günstigen Spritpreis – eine Gallone (3,8 Liter) kostet zwischen 1,68 und 2,30 Dollar.

Wieviel Anteil nehmen Sie und Ihre Gastfamilie am Vorwahlkampf um die Präsidentschaft?

Götz: Im Vorbereitungsseminar wurde uns gesagt, dass Politik bei vielen ein No-Go ist, kein Smalltalk-Thema. Interessant ist, dass die meisten überhaupt nicht wissen, wen sie wählen sollen. Auf Facebook sieht man viel von Donald Trump und seinen hirnrissigen Ideen. Und Witze über ihn, zum Beispiel gibt es da einen Hamster, der aussieht wie seine Frisur. Dabei steht: „Sogar Trumps eigene Haare rennen schon von ihm weg“. Mein Gastbruder findet Bernie Sanders gut, einen Kandidat der Demokraten. Von Hillary Clinton höre man in Illinois nicht sehr viel.

Zur Person: Ann-Katrin Götz

Die 20-jährige Fremdsprachenkorrespondentin aus Michelfeld ist über das Austauschprogramm des Deutschen Bundestages in die USA gekommen, ihre Patin ist Anja Weisgerber. Neben dem Gardetanz bei der Kitzinger Karnevalsgesellschaft sind Ann-Katrins Hobbys radeln, Fremdsprachen lernen und neue Kulturen entdecken.

Sie lebt noch bis 25. Juli in Aurora (Bundesstaat Illinois), einer Stadt mit 200 000 Einwohnern, rund eine Autostunde von Chicago entfernt. Ihre Gasteltern sind Kris und Dan, ihre Gastgeschwister Abby (25), Bobby (23) sowie Michelle (25), die vor einigen Jahren von der Familie aufgenommen wurde.

Abby gibt Englisch-Unterricht, Michelle ist Krankenschwester – die beiden sind ständig mit Ann-Katrin unterwegs, zeigen ihr möglichst viel typisch amerikanisches Leben. Ann-Katrin schreibt, „der Gedanke, dass ich Abby und Michelle zurücklassen muss, macht mich jetzt schon traurig, da ich selbst ja keine Geschwister habe“.

In ihrem Blog über den USA-Aufenthalt beschreibt sie viele Episoden, dazu gibt es Fotos und Videos. Zu finden unter: www.32ppp.de/agoetz/

Ann-Katrin Götz im Millenium Park von Chicago. Das „Cloud Gate“ des britischen Künstlers Anish Kapoor wird wegen seiner ... Foto: Fotos (2): Götz
Weihnachtsfoto mit Stockings (Socken für Geschenke). Hinten von links Ann-Katrin, Abby mit Labrador Jade, Michelle und B... Foto: A. Götz (MPZ)

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