KITZINGEN/ALBERTSHOFEN

Endstation Container?

Leben auf engstem Raum: Toilette, Wasch- und Spülbecken, Herdplatte, Bett. Sherman Winston lebt zurzeit auf rund zehn Quadratmetern. Foto: Ralf Dieter

Er hat schon bessere Zeiten gesehen. Viel bessere. Sherman W. tourte als männlicher Tänzer und Stripper durch Europa. Er war ein Teil der „Candy-Men“. Jetzt ist das süße Leben vorbei. Sherman W. wohnt in einem Container in Albertshofen.

Auf zehn Quadratmeter hat sich die Welt des 54-Jährigen reduziert. Ein Bett, ein Klapptisch mit Herdplatte, ein Waschbecken, ein Klo: Alles in einem Raum. Sein Klavier hat dort auch noch Platz. „Es ist kalt“, sagt er. „Ich kann hier nicht schlafen. Ich brauche unbedingt eine Wohnung.“

Seit ungefähr 25 Jahren lebt Sherman W. in Deutschland. Als Soldat ist er nach Kitzingen gekommen. Und geblieben. Er hat geheiratet, zwei Kinder in die Welt gesetzt. Seit acht Jahren hat er sie nicht mehr gesehen. „Die wohnen jetzt in Florida“, sagt er. Wie alt die Kinder sind? „18 und 14, glaube ich.“

Sherman W. ist in der Karibik geboren. Auf der Insel Dominica. Der Film „Fluch der Karibik“ ist dort gedreht worden. Klingt wunderbar. Nicht für Sherman W.. „Keine Arbeit, keine Zukunft“, sagt er. In diesem Frühjahr hat er es noch mal versucht. Drei Monate hat er auf Dominica verbracht. Und dann ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Das Leben sollte nicht einfacher werden.

Keine Wohnung, keine Arbeit

Bei einer Freundin in Albertshofen ist er untergekommen. Aber nicht lange. Sherman W. stand auf der Straße. Keine Wohnung, keine Arbeit. Aber er hat Glück: Der deutsche Staat unterstützt Menschen wie ihn. 391 Euro Grundversorgung nach SGB II, im Volksmund Hartz IV. Geld für eine Wohnung gibt es auch. „Aber die Wohnung müssen die Betroffenen schon selbst suchen“, sagt Toni Orth, Leiter des Jobcenters in Kitzingen.

2350 Menschen erhalten derzeit im Landkreis Kitzingen Hartz IV. 700 Kinder sind darunter. Die Behörde spricht von 1200 Bedarfsgemeinschaften, also Familien und Einzelpersonen zusammengenommen. „Das ist ein historischer Tiefstand“, sagt Orth. Vor sechs Jahren zählte der Jobcenter noch 1800 Bedarfsgemeinschaften. Neben dem monatlichen Regelsatz von 391 Euro erhalten die Betroffenen auch die Kosten für eine angemessene Unterkunft erstattet. Angemessen bedeutet: Bis zu 50 Quadratmeter für eine Einzelperson. Inklusive Nebenkosten und Heizkosten zahlt der Staat 350 bis 360 Euro zusätzlich.

Gibt es solche Wohnungen in Kitzingen und Umgebung? „Sicher“, sagt Orth. „Die Landkreisverwaltung beobachtet den Wohnungsmarkt ständig.“ Sherman Winston sagt, dass er auf der Suche ist, aber nichts findet. In dem Container könne er es nicht mehr lange aushalten. Ihm steht nur kaltes Wasser zur Verfügung. Wenn er sich waschen will, dann stellt er den Wasserkocher an und setzt sich in einen Plastikkorb. „Das kann so nicht weitergehen.“

Keine Lösung für den Winter

Albertshofens Bürgermeister Horst Reuther sieht das ähnlich. „Wenn es noch kälter wird, dann ist der Container sicher keine Lösung“, sagt er. Erst im Sommer diesen Jahres hat er diese Unterkunft besorgt, als Notlösung. „Wir haben keine freie Wohnung mehr in Gemeindebesitz“, erklärt er. Das Gesetz schreibt vor, dass jede Gemeinde eine Unterkunft für Menschen, die in ihrem Einzugsgebiet in Not geraten, vorweisen muss. Sherman Winston war zuletzt in Albertshofen gemeldet.

„Eine Gemeinde ist verpflichtet, Menschen in Not ein Dach über dem Kopf zu gewähren“, bestätigt Orth. Der klassische Fall tritt nach einer Zwangsräumung ein. Der Fall von Sherman Winston ist eher eine Ausnahme. Im Jobcenter ist er kein Unbekannter. 17 Jahre ist er nach eigener Aussage als Tänzer durch Europa getourt. „Ich hatte Energie, das hat gut geklappt.“ Dann haben sich die „Candy-Men“ aufgelöst. Sherman W. hat sich arbeitslos gemeldet. „Das muss ungefähr 2005 gewesen sein“, schätzt er. Kurzfristig hat er als Masseur gearbeitet, schwere Arbeiten kann er nicht mehr ausführen. Ein ärztliches Attest bestätigt ihm eine mittelschwere bis schwere Hüftarthrose. Empfehlung: kein regelmäßiges Heben von mehr als 10 bis 15 Kilo, kein Arbeiten bei langem Stehen, keine Arbeiten bei stark wechselnden klimatischen Bedingungen. „Ich will etwas tun“, versichert Winston. Aber vorher muss er dringend aus dem Container raus.

Im November hat ein Sprachkurs begonnen, den der 54-Jährige besuchen sollte. Eine Maßnahme des Job-Centers. „Unter diesen Umständen kann ich nicht in den Kurs“, sagt der 54-Jährige. Seit mehr als zwei Monaten wohnt er jetzt in dem Container. Er schläft kaum noch, kann sich nicht duschen. Die Zeiten sind hart für Sherman W.. Er würde gerne wieder einen Lichtblick sehen.

Briefkasten am Container: Sherman Winston ist dankbar, dass er ein Dach über dem Kopf hat. Den Winter kann er nicht in der Albertshöfer Notunterkunft verbringen.
Bessere Zeiten: Mit den „Candy-Men“ war Sherman Winston in Europa unterwegs. Als die Strippergruppe auseinanderfiel, begannen die Probleme.

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