KITZINGEN

Expertenanhörung: Bahnlärm nervt Bürger

„Unerträglich.“ „Da stehst du nachts senkrecht im Bett.“ „Der Krach macht krank.“ Der Bahnlärm geht vielen Menschen in Kitzingen und Umgebung auf die Nerven. Dies wurde am Montagabend bei der Expertenanhörung in der Alten Synagoge vor rund 80 Zuhörern deutlich. Eine Lösung gab's nicht. Allerdings will die Stadt laut OB Siegfried Müller die Anregungen aus der Anhörung in einer Sondersitzung diskutieren und gegen den Krach in die Offensive gehen.
 
„Es ist Aufgabe des
Gesetzgebers
hier was zu tun.“
Dieter Bulla
Deutsche Bahn
 
Das Getöse von der Bahnstrecke beschäftigt die Menschen: Dies zeigte sich auf den vielen Zetteln, auf denen Anhörungsteilnehmer Fragen, Beschwerden und Vorschläge formulierten. Das Fazit der Willensbekundungen auf vier Pinnwänden formulierte Müller am Ende der dreistündigen Versammlung: Die Stadt wird an zwei oder drei Punkten in der Stadt Messungen durchführen lassen, die Funktion der umstrittenen Lärmschutzwand Nummer sechs am Eselsberg prüfen und politischen Druck machen.
Echte Ansatzpunkte, um den Lärm zu dämpfen, konnte keiner der acht Experten auf dem Podium bieten. Den Grund dafür formulierte der Vertreter der Deutschen Bahn AG, Dieter Bulla: „Es ist Aufgabe des Gesetzgebers, hier was zu tun.“ Bislang gilt bei Altstrecken nur das Prinzip der Freiwilligkeit: Lärmschutz sei nur dort vorgeschrieben, wo neue Strecken entstehen, so Iphofens Bürgermeister Josef Mend zu dem gesetzlichen Schwachpunkt.
Tempobegrenzungen oder eine Verringerung des Zugverkehrs – vor allem im Güterzugbereich – sind laut Bulla ausgeschlossen: Die Bahn habe einen zwingenden „Transportauftrag“ und könne auch die Bestellungen von rund 300 externen Streckennutzern weder ablehnen noch das Tempo herunterbremsen. Dass auf den Schienen durch Kitzingen viel Güterverkehr durchrollt und das auch noch laut, stritt der Bahnvertreter nicht ab. Die Strecke sei am Rande ihrer Kapazität.
Einen kleinen Lichtblick hatte Bulla allerdings im Gepäck. Die Bahn arbeite an leiseren Güterwaggons, die ab 2013 in den Einsatz gehen sollen. Daneben plane sie ein Bonussystem für die Transporteure, die leisere Güterzüge einsetzen: „Es geht nur übers Geld“, so Bulla zu dieser Form der Lärmminderung. Die schon technisch nötig ist: „Güterzüge sind so laut, weil die Fahrwerke so schlecht sind“, so Willy Tasch vom Ingenieurbüro Wölfel.
Das hilft allerdings denjenigen nicht, die am Eselsberg Krachspitzen von mehr als 80 Dezibel (A) gemessen haben, wie eine Anwohnerin erzählte. Deren Momentaufnahmen von Lärmorgien bieten aber laut der Experten keinen wirklichen Hebel gegen den Krach von den Gleisen. Der Gesetzgeber habe Lärmberechnungen vorgeschrieben, bei denen die durchschnittliche Belastung festgestellt werde, so Josef Nuber von der Ingenieurgesellschaft mbh (Maier), die unter anderem für das Planfeststellungsverfahren an der Nordtangente verantwortlich war – inklusive Lärmschutz.
Einzige Chance: Wenn die Stadt oder die Bürger per Messung beweiskräftig belegen können, dass die Prognosen im Planfeststellungsbeschluss zur Nordtangente klar daneben liegen, könnte laut Nuber die Lärmfrage neu bewertet werden. Das gelte auch für die Lärmschutzwände  –wie die berühmte Nummer sechs am Eselsberg – deren Funktionieren sowohl am Eselsberg als auch in Sickershausen angezweifelt wird.
Nuber hält Behauptungen wie „Die Schallschutzwand ist wie eine Blechtrommel“ für ein rein subjektives Empfinden der Anwohner. Die wiederum wollen das Material geprüft wissen. „Das ist kein Problem“, erklärte Tasch vom Ingenieurbüro Wölfel. Sorgen, dass die Wand nicht schallschluckend ist, machen sich weder Nuber noch Bulla. Das Bauwerk habe viele Tests durchlaufen und werde bundesweit installiert – ohne Probleme.
Einigkeit in der Expertenrunde gibt's in einem Punkt: der Verantwortung des Gesetzgebers. Wenn der bei bestehenden Strecken statt der Freiwilligkeit den Zwang zum Schutz der Bürger vor übermäßigem Lärm einführe und zudem leisere Güterwaggons zur Pflicht mache, werde der krank machende Krach deutlich vermindert. Und um das zu erreichen, will sich Kitzingen laut OB Müller mit anderen Gemeinden verbünden und mit den kommunalen Verbänden so viel Krach schlagen, bis der Bahnlärm weniger wird.

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