KITZINGEN

Hartz IV und der Bürokratie-Wust

Der Mann auf der Anklagebank ist wütend: „Es kann nicht sein, dass ich hier vor Gericht stehe!“ Dass er betrogen haben soll – gegen diesen Vorwurf wehrt er sich vehement. Der Einsatz lohnt sich: Am Ende wird der Kitzinger Strafrichter das Verfahren ohne Auflagen einstellen und der 49-Jährige darf versöhnt aus dem Gericht marschieren.

Zuvor jedoch müssen alle Beteiligten in die Welt der Sozialhilfe abtauchen – und damit in einen Bürokratie-Wust, der zwar unendlich viele Akten füllt, aber nicht verhindern kann, dass hier und da der Überblick verloren geht. Im Falle des 49-Jährigen ist es so: Weil er durch eine Krankheit nicht genug Geld verdiente, musste er aufstocken. Seine Kontakte mit dem Kitzinger Jobcenter waren jedoch mitunter recht unerquicklich.

Hier und da kamen Schriftstücke scheinbar nicht da an, wo sie ankommen sollten. Weshalb sich der Mann angewöhnt hat, seine Briefe „nur unter Zeugen“ in dem Briefkasten des Amtes einzuwerfen. Und dass „alle zwei bis drei Monate die Sachbearbeiter wechseln“, mache die Sache auch nicht gerade einfacher.

Der bisher unbescholtene Angeklagte schildert seine Erlebnisse deshalb so genau, weil er eines nicht verstehen kann: Wenn schon so viele Fehler passierten, könne doch nicht immer sofort die juristische Keule geschwungen werden.

Konkret geht es in dem Fall darum, dass der Sohn des Angeklagten Mitte 2009 geringfügig beschäftigt war. Dies soll, so das Amt, nicht gemeldet worden sein. Was der 49-Jährige kategorisch bestreitet: Er habe dem Jobcenter die Änderung per Mail mitgeteilt. Den Mini-Job zu vertuschen – so wie ihm das jetzt vorgeworfen wird – mache schon deshalb keinen Sinn, weil über diverse Datenabgleiche „jeder Job heute gemeldet wird.“

Der Einsatz zeigt Wirkung: Für das Gericht erscheint es nach der Beweisaufnahme zumindest „fraglich, ob hier eine Straftat begangen wurde“. Mit Blick auf den geringen Schaden, der längst ausgeglichen wurde, sowie die Beteuerungen des Mannes machte das Gericht schließlich einen Haken hinter die Geschichte und lässt so bei dem Aufstocker aus Wut eine spürbare Genugtuung werden.

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