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Kindergärten: Gehen die Lichter bald aus?

Sich Zeit nehmen für die Kinder, sie fördern und fordern: In den meisten Kindergärten wird das immer schwieriger. Fachkräfte fehlen, die Anforderungen steigen trotzdem. Lena Dittmann, Julia Steffan und Maria Stadtelmeyer-Limbach betrachten voller Freude ein paar gebastelte Laternen im Kindergarten St. Vinzenz in der Siedlung. Die politischen Weichenstellungen der letzten Monate betrachten sie mit deutlich weniger Freude.
Sich Zeit nehmen für die Kinder, sie fördern und fordern: In den meisten Kindergärten wird das immer schwieriger. Fachkräfte fehlen, die Anforderungen steigen trotzdem. Lena Dittmann, Julia Steffan und Maria Stadtelmeyer-Limbach betrachten voller Freude ein paar gebastelte Laternen im Kindergarten St. Vinzenz in der Siedlung. Die politischen Weichenstellungen der letzten Monate betrachten sie mit deutlich weniger Freude. Foto: Ralf Dieter

Sie lieben ihren Beruf. Aber nicht unter diesen Bedingungen. „Eine große Chance ist vertan worden“, bedauert Julia Steffan. Das „Gute-Kita-Gesetz“ ist nach ihrem Dafürhalten in Bayern schlecht umgesetzt worden. „Die Qualität bleibt auf der Strecke.“

Im September hatte sich Bayern als zwölftes Bundesland dem Gesetz der Bundesregierung angeschlossen. Zuschüsse in Höhe von 861 Millionen Euro konnten so fließen. Der Freistaat will das Geld vor allem für die Senkung der Kita-Gebühren einsetzen und damit Eltern entlasten. Grundsätzlich ein guter Gedanke, wie Steffan und ihre Kolleginnen Maria Stadtelmeyer-Limbacher und Lena Dittmann finden. „Aber es wäre noch besser, wenn man mit dem Geld auch die Erzieher unterstützen würde“, sagt Stadtelmeyer-Limbacher. Und damit die Qualität der Betreuung. Schon jetzt fehlen Fachkräfte. Und die Herausforderungen werden immer komplexer.

„Wir kommen nicht

mehr nach.“

Julia Steffan, Kindergartenleiterin

Seit mehr als 30 Jahren leitet Stadtelmeyer-Limbacher den Kindergarten St. Mauritius in Wiesentheid. Rund 100 Kinder werden dort Jahr für Jahr betreut, in vier Gruppen. Früher hatte sie acht Kolleginnen und Kollegen, jetzt sind es 16. Klingt im ersten Moment gut, ist beim näheren Hinsehen aber längst nicht ausreichend. Die meisten Kollegen arbeiten Teilzeit. In Summe ist der Betreuungsschlüssel gleich geblieben. Die Einrichtungsleiter haben jetzt allerdings mehr Mitarbeiter zu betreuen und die Erzieherinnen haben ein größeres Aufgabenspektrum als früher. „Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich total verändert“, sagt die Wiesentheiderin. „Und damit unsere Aufgabenfelder.“

Wurden die Kinder früher mit drei Jahren in den Kindergarten gebracht, betreuen die Erzieherinnen jetzt schon Kinder ab zehn Monaten. Wurden die Kleinen früher um die Mittagszeit abgeholt, sind sie heute bis in den späten Nachmittag hinein in der Einrichtung. Kindergärten öffnen um 7.15 Uhr und schließen um 17 Uhr. Dazwischen: Essen, Schlafen, Spielen, Lernen. Der Kindergarten hat sich zum Lebensmittelpunkt entwickelt. Die Leiter und Erzieher können sich nicht alleine auf die Kinder konzentrieren. Sie müsen Berichte schreiben, Anträge stellen, die Kinder zu Ärzten begleiten, deren Entwicklung dokumentieren, Elterngespräche führen und den Kontakt zu Fachdiensten halten: „Wir kommen nicht mehr nach“, sagt Julia Steffan und bedauert: „Für unsere Kernkompetenz, die Arbeit mit den Kindern, haben wir kaum noch Zeit.“

102 Kinder sind in den beiden Einrichtungen von St. Vinzenz in Sickershausen und in der Siedlung. Insgesamt 27 Mitarbeiter hat die Leiterin. Die meisten arbeiten Teilzeit, wollen und können nur am Vormittag da sein, weil sie eigene Kinder zu betreuen haben. Steffan ist froh über jede Fachkraft, die sie hat. Qualifiziertes Personal zu finden, wird immer schwieriger. „Der Fachkräftemangel ist längst da.“

Fünf Jahre dauert die Ausbildung zur Erzieherin. Eine lange Zeit. „Das macht schon Sinn“, versichert Steffan. Bisher wurde die Lehrzeit so gut wie nicht vergütet. Fünf Jahre Lehrzeit ohne Lohn und danach rund 1600 netto bei einer Vollzeit-Beschäftigung – für viele junge Menschen gibt es reizvollere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt. „Wir bekommen keine Praktikantinnen mehr“, berichtet Stadtelmeyer-Limbacher. „Wir suchen händeringend nach einer Vollzeitkraft“, bestätigt Steffan. Die beiden berichten von Kolleginnen, denen die Belastung zu groß geworden ist, die den Arbeitsplatz gewechselt haben. Es kommen kaum noch junge Fachkräfte nach. Die Konsequenzen spüren die Träger längst. „Fällt mir eine Vollzeitkraft aus, bricht das ganze System auseinander“, klagt Steffan, die sich in einem offenen Kita-Netzwerktreffen engagiert. Mit rund 30 Kolleginnen aus Bayern und Baden-Württemberg tauscht sie sich regelmäßig aus. „Wir sind uns alle einig, dass das Ziel der flächendeckenden Qualitätsverbesserung verfehlt wurde“, sagt sie. Eine gute pädagogische Arbeit sei vielerorts nicht möglich. „Und so muss die Bildung der Kinder in den Hintergrund rücken, um wenigstens deren Aufsicht gewährleisten zu können.“

„Dauernd habe ich das

Gefühl, den Kindern nicht gerecht zu werden.“

Lena Dittmann, Erzieherin

Der Frust über die Arbeitsbedingungen ist den drei Frauen anzusehen. Lena Dittmann hat vor sechs Jahren ausgelernt, arbeitet seither bei St. Vinzenz in Kitzingen. „Mein Traumjob“, sagt sie. Seit ein paar Monaten grübelt sie. „Dauernd habe ich das Gefühl, den Kindern nicht gerecht zu werden“, klagt sie. „Das brennt einen aus.“

Was die drei Frauen am meisten ärgert: Die Kinder sind bei der Umsetzung des Gesetzes am wenigsten in den Fokus genommen worden. Dabei müsse eine gute Bildung ganz am Anfang beginnen – im Kindergarten. „Und deshalb brauchen wir bessere Rahmenbedingungen im Sinne jedes einzelnen Kindes“, fordert Steffan. Will heißen: Mehr Geld in die Ausbildung und Fachkräftegewinnung stecken, um die Qualität der Betreuung zu steigern. „Wir sind mit der Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes in Bayern nicht einverstanden“, fasst Steffan die Meinung ihrer Kolleginnen zusammen. In Zeiten von Inklusion, Individualität, Datenschutz, Bürokratie, Fachkräftemangel und einer sich wandelnden Gesellschaft müsse der Fokus auf die Kinder und auf die Arbeitsbedingungen der Erzieherinnen gerichtet sein. „Vor ein paar Jahren hat sich eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt“, sagt Stadtelmeyer-Limbacher nachdenklich. „Die geplante Umsetzung des neuen Kita-Gesetzes wird sie nicht aufhalten.“

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