KITZINGEN

Klimaschutz: Schluss mit der Ökomoral

Das Engagement der Verbraucher für den Klimaschutz bringt zu wenig, findet Dr. Michael Kopatz. Er spricht sich für neue Standards und Limits aus. Am 14. Januar hält der Umweltwissenschaftler in Kitzingen einen Vortrag in der Alten Synagoge. Foto: Julia Sellmann

Plastik vermeiden, aufs Auto verzichten, weniger fliegen, Müll reduzieren, bewusst einkaufen – wer das Klima schützen will, kann viel tun. Doch das Engagement der Verbraucher alleine bringt zu wenig, sagt der Umweltwissenschaftler Dr. Michael Kopatz. Viel wichtiger als privater Konsumverzicht sei politischer Protest, damit sich die Strukturen ändern. Nur dann könne Öko zum Normalfall werden.

Frage: Sie fordern: Schluss mit der Ökomoral. Das hört sich ein bisschen genervt an. Geht Ihnen der erhobene Zeigefinger auf die Nerven?

Michael Kopatz: Nein, das nervt mich nicht wirklich. Eher, dass die Leute mit ihren Moralvorstellungen unheimlich weit vorne sind, dabei aber ihre eigenen Widersprüche übersehen. 80 Prozent der Bürger wollen weniger Autos haben. Aber es gibt heute sieben Millionen Autos mehr als vor 15 Jahren. Keiner will das Auto stehen lassen, wir fahren so viel wie nie zuvor. Ein anderes Beispiel: 90 Prozent sprechen sich für mehr Tierwohl aus und sind angeblich bereit, wesentlich mehr Geld für Fleisch aus artgerechter Tierhaltung auszugeben. Tatsächlich tun es aber nur ein bis zwei Prozent. Dazu kommt: Wir moralisieren uns gegenseitig. Der Veganer wird wegen seiner Lederschuhe angegangen. Wer mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegt, zeigt auf den, der mit dem Kreuzfahrtschiff unterwegs ist.

Was ist die Alternative?

Kopatz: Statt immer nur rumzujammern, müssen wir die Verhältnisse ändern.

Wie kann das gehen?

Kopatz: Man muss sich fragen: Was macht die Politik? Macht sie das, was die Leute wollen und was die Leute denken? Nur aufgrund der moralischen Ansprüche der Bürger und Konsumenten ändert die Politik nichts. Schauen Sie sich dagegen die Fridays-for-Future-Bewegung an. Diese Menschen wollen eine systemische Veränderung. Sie gehen dafür auf die Straße. Die Politik reagiert, will einen neuen Rahmen setzen.

Warum ändert die Politik nichts von sich aus, sie weiß doch um die Klimaproblematik?

Kopatz: Das ist die Millionen-Dollar-Frage. Die Politik handelt, sonst gäbe es keine Energiewende. Doch es geht nicht schnell genug. Da spielt der Druck von Industrie, Konzernen und Lobbyisten eine Rolle. Aber auch die Angst vor Jobverlust oder vor Einschränkungen für die Bürger.

Warum vor Einschränkungen für die Bürger?

Kopatz: Weil die auf die Barrikaden gehen, wenn ihr direktes Umfeld betroffen ist. Wenn fünf Parkplätze für einen Radweg wegfallen sollen, setzen die Anlieger alle Hebel in Bewegung, damit ihre Parkplätze erhalten bleiben. Fünf bis zehn Leute mobilisieren dann sehr viele. Die Reaktion einiger Politiker: „Das können wir nicht machen.“ Für neue Straßen dagegen wurden ganze Häuserreihen abgerissen und werden bis heute Landschaften zerstört, Menschen verlärmt – da ist den Politikern der Wille von Betroffenen nicht so wichtig.

Warum spielt die direkte Betroffenheit eine so große Rolle?

Kopatz: Die Leute haben keine substanziellen Sorgen. Da fängt man an, sich über Kleinigkeiten aufzuregen, gegen kleine Veränderungen aufzubegehren. Hätten wir eine richtige Wirtschaftskrise mit Jobverlusten, wäre das anders. Wir alle halten ja grundsätzlich gern an dem fest, was wir haben – selbst wenn es schlecht ist. Menschen sind gute Adaptierer, wir können uns gut anpassen, aber ohne Not sind wir trotzdem nicht zu Veränderungen bereit.

Aber einige verändern ihr Verhalten doch, gerade beim Klimaschutz. Sie vermeiden zum Beispiel Plastik.

Kopatz: Das ist doch zu wenig! Wir haben 30 Jahre an die Verantwortung des Einzelnen appelliert. Doch der Plastikberg wächst. Die Leute wollen das eigentlich. Sie wissen, was alles falsch läuft und machen trotzdem so weiter wie bisher. Sie wollen das eine und tun das andere. Wir müssen politisch dafür sorgen, dass weniger Produkte in Plastik verkauft werden. Die Pfandflasche mit mehreren Umläufen müsste beispielsweise zum Standard werden.

Man könnte in Unverpackt-Läden einkaufen.

Kopatz: Die gibt es und die könnten durch politische Anreize gefördert werden, etwa durch kostengünstige Mieten durch die Städte. Wenn das funktioniert und tragfähig ist, könnte man es zur Norm und zum Standard machen.

Rein freiwilliger Verzicht und die Verhaltensänderung von Bürgern genügt nicht?

Kopatz: Die Leute können ihr Konsumverhalten natürlich gerne ändern und sollen das auch. Aber viel wichtiger ist politischer Protest. Sie müssen Druck auf die Politik ausüben. Indem sie auf die Straßen gehen, Petitionen starten, Briefe an Fraktionschefs schreiben, Initiativen unterstützen und solche Dinge. Viele, die heute über das Klima diskutieren, sind leider völlig unpolitisch. Wenn überhaupt, gehen sie zur Wahl, aber das war es auch schon. Das reicht nicht.

Sie wollen also mehr Verbote?

Kopatz: Ich plädiere für Standards und Limits. Aber wenn Sie unbedingt über Verbote sprechen wollen: Es ist verboten, bei Rot über die Ampel zu fahren oder Schadstoffe in Lebensmittel zu mischen. Unsere Gesellschaft funktioniert ohne Regeln nicht. Oder nehmen wir Verkehrsregelungen wie Tempo 50 oder die Anschnallpflicht. Dass wir uns daran halten, ist ganz normal. Mit Regeln kennen wir uns aus. Gebote und Verbote sind ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Sie dienen dazu, dass jeder seine Freiheit ausleben kann. Und jetzt geht es eben um die Freiheitsrechte der nächsten Generation. Wenn wir die Kohle weiter verstromen, rauben wir unseren Kindern die Freiheit.

Und Normen bringen dann mehr?

Kopatz: Ein moralisch korrektes Verhalten hat keinen Effekt, wenn nicht alle mitmachen. Freiwillig Tempo 120 auf der Autobahn fahren, das machen nicht viele. Wäre es die Regel, würden sich alle daran halten.

Der Aufschrei bei einem Tempolimit auf der Autobahn wäre groß.

Kopatz: Nach zwei, drei Jahren würde das Tempolimit niemanden mehr interessieren, das war bei der Gurtpflicht auch so. Das wäre eine unkomplizierte Lösung.

Andere Ideen für neue Öko-Standards?

Kopatz: Wir müssen die ständige Expansion beenden. Die Zahl der Starts und Landungen auf Flughäfen einfrieren – also nicht immer mehr Flüge. Keine neuen Straßen bauen. Nicht mehr Autos zulassen, als heute schon auf den Straßen sind. Solche Dinge kann man nicht über Kampagnen erreichen.

Sie sind überzeugt, dass bei höheren Standards Schluss gemacht werden kann mit der Ökomoral.

Kopatz: Bei höheren Standards müssen wir den Konsumenten nicht mit Vorhaltungen belästigen. Nehmen wir die Vorgaben der EU, dass Autobauer bis 2030 die CO2-Emissionen ihrer in einem Jahr produzierten Fahrzeuge auf 60 Gramm pro Kilometer verringern müssen. Eine solche Regelung kriegt der Verbraucher gar nicht mit.

Ist der Effekt bei EU-weiten Regeln größer?

Kopatz: Es fällt den Ministern leichter, Rahmenbedingungen auf EU-Ebene zu ändern als auf Landesebene. So können sich Unternehmer darauf verlassen, dass alle Wettbewerbsteilnehmer sich an die gleichen Vorgaben halten müssen, ein Markt mit 550 Millionen Einwohnern.

Aber was bringen die Klimaschutzambitionen im kleinen Deutschland, wenn die große Welt nicht mitzieht?

Kopatz: Das ist ein großes Missverständnis. Ein Bundesbürger hat einen durchschnittlichen CO2-Ausstoß von elf Tonnen, die Chinesen liegen bei sieben Tonnen, viele Länder in Afrika bei zwei bis drei Tonnen, USA bei 17 Tonnen. Alle müssen sie bis 2050 auf 1,5 Tonnen reduzieren. Bei der Frage, wie das zu schaffen ist, schauen alle auf Deutschland, ein hoch industrialisiertes High-Tech-Land. Es ist spannend, wenn wir hier den anderen vormachen, wie es geht. Bei der Energiewende ist das gelungen. Alle machen mit, auch Chinesen und Amerikaner.

Was tun Sie persönlich für den Klimaschutz?

Kopatz: Ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen, auch wenn es nicht viel bewirkt. Ich habe kein Auto, ich fliege nicht. Ich nutze Ökostrom und esse wenig Fleisch. Ich versuche, glaubwürdig zu sein. Aber ich führe kein ökoperfektes Leben.

Vortrag in Kitzingen

Zur Person: Dr. Michael Kopatz ist Umweltwissenschaftler und Projektleiter am Institut für Klima, Umwelt, Energie in Wuppertal. Er hat unter anderem die Bücher „Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten“ und „Schluss mit der Ökomoral. Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken“ veröffentlicht.

Vortrag: Dr. Michael Kopatz spricht am 14. Januar um 19 Uhr in der Alten Synagoge in Kitzingen über das Thema seines Buches „Schluss mit der Ökomoral. Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken.“ Der Vortrag ist Teil der Veranstaltungsreihe Energiewende und Klimaschutz im Kitzinger Land in Kooperation der Vhs mit dem Landratsamt Kitzingen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung nicht nötig.

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