Kitzingen

Krumme Gurken: Die EU hat drängendere Probleme

Joceylne Nicoly ist Kreisvorsitzende der Europa-Union. Die gebürtige Französin und begeisterte Europa-Anhängerin begleitet regelmäßig Gruppen nach Prades, Kitzingens Partnerstadt. Foto: Julia Lucia

Was hat ein Rotweinfleck mit Europa zu tun? Nichts, aber auch ganz viel – zumindest für Jocelyne Nicoly. Seit etwa 50 Jahren lebt die gebürtige Pariserin in Deutschland, weil ein gewisser Martin damals bei einer deutsch-französischen Party seinen Rotwein auf Nicolys weiße Hose gekippt hat. Seit etwa zehn Jahren lebt sie nun in Kitzingen und ist Kreisvorsitzende der Europa-Union.

Europa-Union? Noch nie davon gehört? Die Europa-Union Deutschland ist die größte Bürgerinitiative für Europa in Deutschland. "Über Parteigrenzen hinweg", betont Nicoly. Nicht einmal 20 Mitglieder hat die Gruppe im Landkreis Kitzingen. "Ja, man müsste mehr tun. Aber ich schaffe das nicht mehr", sagt die 73-Jährige und hofft auf ihre Stellvertreterin, Barbara Becker. Was alle Mitglieder vereint: die Begeisterung für die europäische Idee.

Populisten werden im Parlament vertreten sein

Dass es Leute gibt, die nicht an Europa interessiert sind, ist für Nicoly kaum vorstellbar. Auch dass jemand am Sonntag nicht zur Europawahl gegangen ist, kann sie sich nicht vorstellen. "Die Wahlbeteiligung wird gut sein", ist sie zehn Tage vor der Wahl überzeugt. "Es wird viel Werbung gemacht." Aus Frankreich – sie hat beide Staatsbürgerschaften – kommen regelmäßig Briefe, die für die Wahl werben. "Wählen darf ich aber nur in Deutschland", erklärt sie das Aufenthaltsrecht. 

Einen überwältigenden Sieg der Populisten sieht Nicoly nicht. Auch wenn im Moment über Europa gemotzt wird. "Europa ist weit, dann kann man ein bisschen schimpfen", sagt sie lachend. "Es wird Populisten im Parlament geben, sicher", sagt sie. Aber das sei schon immer so gewesen. Kopfzerbrechen bereitet ihr eher der Gedanke, dass die osteuropäischen Staaten immer noch nicht in der EU gelandet sind. Und was sich die Engländer beim Brexit gedacht haben, versteht sie auch nicht. "Die Engländer haben die Wirklichkeit nicht realisiert", sagt sie. "Die Engländer leben auf einer Insel." Energisch schüttelt sie den Kopf. 

Frankreich und Deutschland sind der Motor Europas

Aber man müsse den Engländern dankbar sein, denn durch das Brexit-Chaos sei vielen Leuten bewusst geworden, was auf dem Spiel steht. Doch trotz aller Europa-Euphorie weiß Nicoly, dass sich etwas ändern muss. "Europa muss sozialer werden", sagt sie. "Wie ist allerdings die Frage." Das gilt auch bei der Flüchtlingsproblematik. "Man hätte viel früher reagieren müssen", ist sie sich sicher. Weitere Probleme, mit denen sich das neugewählte EU-Parlament auseinander setzen muss: Klimaschutz und einheitliche Unternehmenssteuern. "Die Gurken, Glühbirnen und Staubsauger – ach, das sind die Kleinigkeiten", meint sie lachend.  

Nicoly setzt bei den drängenden Problemen auf die deutsch-französische Zusammenarbeit. Diese Länder müssten vorangehen. Diese Freundschaft sei der Motor Europas. Dabei müsse man nicht immer einer Meinung sein, aber das gleiche Ziel vor Augen haben. "Europäische Politik heißt Kompromisse eingehen", erklärt Nicoly. Dafür und für andere europäischen Errungenschaften, wie gemeinsame Währung, Wegfall der Grenzkontrollen und der für uns selbstverständliche Frieden, wird Nicoly auch weiter Werbung machen. "Das Bewusstsein bringen, dass Europa gut ist, das versuche ich."

Das Bewusstsein, dass sich beim Umweltschutz in Europa einiges tun muss, gaben die Wähler den EU-Politikern mitgegeben. „Das ist eine Message“, sagt Nicoly zum guten Wahlergebnis der Grünen. Auch die höhere Wahlbeteiligung in fast allen Mitgliedsländern sieht die Europa-Union-Kreisvorsitzende als „Signal“. "Mal sehen, was die Politiker daraus machen."

Briefwahl bleibt beliebt
Der Trend zur Briefwahl setzt sich auch bei der Europawahl fort. Freitagmittag vor der Wahl zum Europäischen Parlament meldeten mehrere Verwaltungsgemeinschaften (VG) des Landkreises rund 25 Prozent Briefwähler. Knapp 24 Prozent waren es bei der VG Wiesentheid, gut 25 Prozent bei der VG Kitzingen und der VG Iphofen, darunter Spitzenreiter Rödelsee mit 32 Prozent, in dessen Ortsteil Fröhstockheim hingegen nur 20 Prozent. In der VG Volkach führt Sommerach mit 36 Prozent (2014: 21 Prozent) Briefwählern die Liste an, gefolgt von Volkach mit 31 Prozent (20) und Nordheim mit 28 Prozent (15). (bh) 

Vor der Europawahl hat die Redaktion in einer Serie von Artikeln beleuchtet, wie sich die EU auf den Landkreis Kitzingen auswirkt und welche Bedeutung sie für die Menschen hier hat. Mit diesem Artikel endet die Serie.

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