KITZINGEN

Margot Rauschers Liste

Erinnerung an den Bruder: Margot Rauscher vor dem Familiengrab der Ackermanns im neuen Friedhof. Auf dem Grabstein der Eltern steht auch der Name ihres Bruders Hans, der am 5. März 1945 in Breslau gefallen ist. In der Hand hält Rauscher die Liste mit den Namen der gefallenen Soldaten, die sie auf den Gräbern der beiden Kitzinger Friedhöfe gefunden hat und die sie gerne auf einer Gedenktafel wiederfinden würde.Foto: Siegfried Sebelka

Margot Rauscher hat Wort gehalten und damit die Voraussetzung für eine Gedenktafel mit den Namen der Gefallenen und Vermissten des Zweiten Weltkriegs geschaffen. Weil es die in der Stadt Kitzingen bisher nicht gibt und die Daten offenbar nirgends gesammelt sind, hat sie sich auf den Weg gemacht. 190 Namen hat die 74-Jährige nach wochenlanger Suche im Alten und neuen Friedhof gefunden.

Die Geschichte, passend zur Jahreszeit und dem bevorstehenden Totensonntag, hat mit einem Leserbrief vor zwei Jahren angefangen. Da ist Margot Rauscher an die Öffentlichkeit gegangen und hat ein „Versäumnis“ ausgemacht.

Rauscher hat ihren Bruder Johann Ackermann im Alter von nicht einmal 20 Jahren verloren. Der junge Soldat fiel am 5. März 1945 in Breslau Süd und wurde dort in einem Massengrab beigesetzt. Margot Rauscher, die damals noch Ackermann hießt, war da gerade fünf Jahre alt. Dennoch hat sie die Zeit nie vergessen.

„Schande“

Und gegen das Vergessen will sie angehen. Sie vermisst in Kitzingen eine Gedenktafel, auf der die Namen der gefallenen Soldaten der Zeit von 1939 bis 1945 zu finden sind. Sie verweist auf viele Städte und Gemeinden, in denen es solche Gedenktafeln gibt – auch in Kitzinger Stadtteilen. Rauscher hat die Stadt aufgefordert, für eine Gedenktafel zu sorgen. Sie sprach vor zwei Jahren gar von einer „Schande für Kitzingen, weil Gedenktafeln in jedem Ort zu finden sind“.

Die Tafel, die dem Schrecken des Krieges mit den Namen ein Gesicht geben soll, will die 74-Jährige immer noch. Um ihr Ziel zu erreichen, sagte sie vor einem Jahr zu: „Ich würde auch auf den Friedhöfen die Namen suchen.“ Jetzt hat sie eine Liste vorgelegt. Handgeschrieben stehen da die Namen, das Geburts- und das (manchmal vermutliche) Sterbedatum, in vielen Fällen ist nur das Jahr bekannt. Dazu ist der Todesort zu finden, der ebenfalls oft nicht bekannt ist und beispielsweise mit „auf Kreta“ oder „im Osten“ und auch „im südamerikanischen Gewässer“ umschrieben wird. Von Johann Georg Buhl bis zu Josef Strak reichen die Namen, die sie aufzählt.

190 Namen

Dafür war Margot Rauscher lange auf den beiden Kitzinger Friedhöfen unterwegs. Sie hat Grabreihe nach Grabreihe, Stein nach Stein nach Namen von Gefallenen aus dem zweiten Weltkrieg abgesucht. Insgesamt 190 Namen hat sie gefunden. Auf Vollständigkeit erhebt sie keinen Anspruch. „Hinter jedem Namen steht ein Schicksal“, sagt sie. Deshalb die Forderung nach einer Gedenktafel. Wo diese errichtet wird, ist für sie zweitrangig. Dass die Namen zu finden sind und damit dem Vergessen entrissen werden, ist ihr wichtig.

Die Reaktionen auf den ersten Anlauf waren eher verhalten. Aus dem Rathaus wurde auf die bestehenden Gedenkstätten verwiesen. Es gibt die Gedenkstätte für die Opfer des Luftangriffs am 23. Februar 1945, mit den Namen der Kitzinger, die rund um diesen Tag ums Leben gekommen sind. Dann gibt es den Gedenkstein für die Soldaten und Vermissten des Weltkriegs im Alten Friedhof, die Gedenkstätte der Siedlervereinigung in der Siedlung und die der Gärtner in Etwashausen sowie weitere in den Stadtteilen. Fazit: Die Stadt Kitzingen hat sehr wohl eine Gedenkkultur, auch für die Opfer des Zweiten Weltkrieges.

Warum es für die Stadt keine namentliche Aufzählung der gefallenen und vermissten Soldaten gibt, war bisher nicht zu klären. Weder im Standesamt noch im Stadtarchiv gibt es detaillierte Aufzeichnungen über Kitzinger Soldaten und Vermisste aus der Zeit. Das hat sich mit Rauschers Liste jetzt geändert. Ob jemand etwas daraus macht, steht auf einem anderen Blatt.

Totengedenken in Kitzingen und den Stadtteilen

Am Volkstrauertag, 16. November, wird im Namen der Stadt Kitzingen um 11 Uhr am Ehrenmal im Alten Friedhof ein Kranz niedergelegt.

In den Stadtteilen Sickershausen wird der Toten um 9.30 Uhr und in Repperndorf gegen 9.45 Uhr gedacht. Der Gartenbauverein Etwashausen ehrt seine Toten um 11.30 Uhr am Ehrenmal in der Flugplatzstraße und die Siedlervereinigung zur gleichen Zeit am Ehrenmal im Texasweg.

Am Totensonntag, 23. November, findet in Hoheim die Gedenkfeier mit Kranzniederlegung um 9.45 am Kriegerdenkmal statt. In Hohenfeld ist die Ehrung nach dem Gottesdienst (10 Uhr) in der Bergkirche vorgesehen.

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