Kitzingen

OB-Kandidatin Schmidt: Das soziale Gewissen im Rathaus

14 stimmberechtigte Grüne kamen zur Nominierungsversammlung für die Kommunalwahlen. Einstimmig schickten sie Andrea Schmidt als Frontfrau ins Rennen. Hier ihre Rede.
Der Kitzinger Ortsverband von Bündnis 90/Die Grünen nominierte Stadträtin Andrea Schmidt (Mitte) am Donnerstag zur Kandidatin für die Oberbürgermeisterwahl. Ihr gratulierten die Sprecherinnen des Ortsverbands, Eva Trapp (links) und Christa Büttner (rechts). Foto: Andreas Brachs

Eine Nominierungsversammlung strotzt nur so vor Formalien. Ist nun mal nötig. Vielleicht deshalb haben die Kitzinger Grünen Pausenmusik eingebaut – zur Auflockerung. Und tatsächlich spielt der Keyboarder das kesse "Mein kleiner grüner Kaktus", bevor Stadträtin Andrea Schmidt ihre Bewerbungsrede als designierte OB-Kandidatin hält.

Das passt: Denn die Stadträtin, die innerhalb einer Amtsperiode von der ÖDP über eine Zwischenstation als Parteiunabhängige zu den Grünen wechselte, fällt in den Ratsdiskussionen dadurch auf, dass sie "sticht, sticht, sticht", wie es in dem Lied heißt. Schmidt bohrt besonders bei sozialen Fragen nach bis zur Schmerzgrenze – für die einen penetrant, für die anderen als Sprachrohr der Benachteiligten in der Stadt.

In ihrer Rede macht Schmidt klar, dass das mit ihrer Herkunft und ihrem Beruf zu tun hat: Die 56-Jährige ist in einem der ältesten Siedlungshäuschen aufgewachsen und wohnt noch heute in dem Stadtteil, zwischen Blocks mit Sozialwohungen und dem Notwohngebiet für Obdachlose und Sozialfälle. Sie arbeitet als Inklusionsbeauftragte beim St.-Josefs-Stift, ist Vorsitzende des Siedlerbundes und des Fördervereins der Grundschule Siedlung. Und sie leitet die Begegnungsstätte "Wegweiser" im Notwohngebiet.

Soziales Engagement von klein auf

Ihr soziales Engagement hat klassisch angefangen: Schülersprecherin, Elternbeirätin und schließlich der Schritt in die Kommunalpolitik. Seit 24 Jahren sitzt Schmidt im Stadtrat, verrät sie den 14 Stimmberechtigten im Stadtteilzentrum, quasi ihrem Wohnzimmer. Denn auf diesen Bau hat sie lange beharrlich hingearbeitet. Ihre Überzeugung: "Wenn ich etwas bewegen will, muss ich in die Politik gehen."

Jetzt ist sie bereit für den nächsten Schritt: "Ich traue mir die Aufgaben eines OB zu." Sie sei zwar keine Akademikerin, aber dafür habe sie "eine große Landkarte mit Erfahrung". Ausdauer, Disziplin, Mut, Einfühlungsvermögen und Gesprächsbereitschaft schildert sie als ihre Stärken. Aber sie empfinde auch "Respekt und Demut" vor dem Amt. 

"Wenn ich etwas bewegen will, muss ich in die Politik gehen."
Andreas Schmidt, OB-Kandidatin Bündnis 90/Die Grünen

Was will Schmidt? Sie möchte den Stadtrat stärker in die Pflicht nehmen und Prioritäten setzen. Kitzingen sei finanziell gut gestellt, aber könne sich nicht alles leisten. Die Bürger sind für Schmidt "Experten in ihrem Wohnumfeld", deshalb will sie sie vor Entscheidungen informieren und mit ihnen diskutieren. Bisher läuft ihr im Stadtrat zu viel hinter verschlossenen Türen. Beispiele für mangelnde Bürgerbeteiligung sind für sie der Neubau von Sozialwohnungen in der Breslauer Straße und das Hotel-Projekt am Bürgerzentrum (BZ). Beim BZ sei alles falsch gelaufen. Dabei seien doch die Ehrenamtlichen "die Grundpfeiler der Gesellschaft". Sie brauchen eine Anlaufstelle, ist Schmidt überzeugt, besonders Alleinstehende oder Menschen mit kleinem Geldbeutel.

Grüne Kern-Themen zum Schluss

Sozialer und familienfreundlicher Wohnraum liegt ihr ebenfalls am Herzen. Deshalb würde Schmidt gern das Notwohngebiet auflösen, für Ersatz sorgen und auf der städtischen Fläche Wohnblocks und bezahlbare Familienhäuser bauen lassen. Die Einkaufsstadt will sie attraktiv gestalten, aber zum Schutz der Innenstadt keine neuen Discounter mehr zulassen, auch nicht am Fuße der Marshall Heights, an der B 8. Ein solches Nahversorgungszentrum für den wachsenden Stadtteil wird zurzeit diskutiert. Außerdem wünscht sie sich Barrierefreiheit für Rollator-Nutzer und Rollstuhlfahrer.

Zum Schluss kommen grüne Kern-Themen: Auf den Klimawandel will sie durch andere Pflanzen im Stadtgebiet reagieren, "Waldgärten" für Kinder anlegen und auch mal Wildwuchs zulassen. Um den ÖPNV zu stärken, setzt sie auf einen Stadtbus – "am besten elektrisch".

Die designierte Kandidatin endet: "Ich traue mir zu, diesen Weg zu gehen." Dafür gibt es viel Applaus und die einstimmige Nominierung. Schmidt ist nun offiziell die OB-Kandidatin der Grünen in Kitzingen. Sie freut sich wie ein Honigkuchenpferd über die Unterstützung der Basis und schon spielt der Keyboarder "Honey Pie" von den Beatles, was "Honigkuchen" und zugleich "süßer Schatz" bedeutet.

Kandidaten der Grünen
Die Kitzinger Stadtratskandidaten von Bündnis 90/Die Grünen in der Reihenfolge der Platzierung: Andrea Schmidt, Inklusionsbeauftrage, Siedlung; Christa Büttner, Kreisrätin, Angestellte i. R., Sickershausen; Klaus Sanzenbacher, Diplom-Agrar-Ingenieur, Sickershausen; Eva Trapp, Online-Marketing-Managerin; Dr. Gisela Kramer- Grünwald, Ärztin, Kreisrätin; Angela Hufnagel, Finanzbeamtin, Kreisrätin; Jonas Patrick Kruse, Arbeiter, Etwashausen; Melanie Stöcklein, Abiturientin; Anna-Lea Beckenbauer, Studentin; Artie Gutschera, Leiter Konzernrevision; Elfi Hahn-Schwind, Rentnerin; Stefanie Schumacher, Krankenschwester, Etwashausen; Jörg Schlüter, Marineoffizier a. D., Hoheim; Theresa Sanzenbacher, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sickershausen; Markus Krüger, Psychotherapeut; Sina Schmidt-Mustafa, Lehrerin, Siedlung; Claudia Dündar, Rentnerin, Siedlung; Bernhard Günzel, Key-Account-Manager; Helga Bernard, Bäckereifachverkäuferin, Hoheim; Kurt Stöhr, Elektromeister; Hajar Noori, Hausfrau; Sylvia Krüger-Schraut, Physiotherapeutin; Bernd Zeidler, Student; Gabriele Gauer, Beamtin; Sara Arab, Bauingenieurin; Daniel Sauer, Verwaltungsbeamter, Hohenfeld; Gabriele Schmidt, Verkaufsmoderatorin; Irene Proctor, Selbstständige; Heinrich Kressmann, Erzieher; Victor Trapp, Leiter Marketing und Vertrieb.

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